zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 1/2015 » Leseprobe 3
Titelcover der archivierte Ausgabe 1/2015 - klicken Sie für eine größere Ansicht

Der Aufbau der Zeitschrift


finden Sie hier


Concilium stellt sich vor

Geschichte und Selbstverständnis


Präsidium, Herausgeber/innen und Wissenschaftliches Komitee


sind hier einzusehen.


Unsere Autoren


finden Sie hier.


werden hier gelistet.

<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 3
Erik P. N. M. Borgman
Was heißt es, ein europäischer Theologe zu sein?
Gottes verborgene Gegenwart als Raum für einen gewaltfreien Antagonismus
Wenn ein Treffen mit dem Redaktionskollegium von CONCILIUM in Sarajevo stattfindet, so ist das ein besonderes Ereignis. Als Stadt ist Sarajevo ein bedeutender Orientierungspunkt in der jüngeren europäischen Geschichte. Theologisch gesehen fordert unser Hiersein einen Text, der auf nicht-abstrakte Weise über das spricht und nachdenkt, was in Sarajevo geschehen ist und geschieht. Als theologischer Ort, als Locus theologicus im buchstäblichen Wortsinn verlangt Sarajevo ein Bekenntnis. Wir brauchen keine Theologie, die über Sarajevo reflektiert, sondern eine Theologie, die Sarajevo reflektiert.

In Sarajevo zu sein heißt, in Europa zu sein, und zwar nicht nur an einem bestimmten Ort, sondern auch auf eine bestimmte Weise. Es lehrt uns etwas darüber, was es bedeutet, in Europa theologisch zu arbeiten. Das zumindest ist die Überzeugung, die ich an der Franjevačka teologija Sarajevo versucht habe, mit folgenden Worten zum Ausdruck zu bringen.

Angestammte Würde

Es trifft vermutlich zu, wenn ich sage, dass Sarajevo mein Leben verändert hat. Nicht in der kurzen Zeit, die ich in diesem Jahr hier zugebracht habe, sondern vor ungefähr zwanzig Jahren. Mein Leben hat sich durch die Lektüre eines Sarajevo-Portraits verändert, das der Schriftsteller, Kritiker und Literaturprofessor Dževad Karahasan 1993 veröffentlicht hat. Das Buch hieß Dnevik selidbe, was man wohl mit Tagebuch der Umsiedlungen wiedergeben könnte. In englischer Sprache erschien es unter dem Titel Sarajevo: Exodus of a City (1994a). Die niederländische Übersetzung setzt jedoch einen etwas anderen Akzent: Sarajevo: Portret van een in zichzelf gekeerde stad, das heißt: Sarajevo: Portrait einer in sich gekehrten Stadt (1994b). Die niederländische Ausgabe enthält außerdem Aufnahmen des niederländischen Photographen Frank Vellenga, auf denen die riesigen Vorhänge zu sehen sind, die die Menschen auf der Straße vor den Blicken der Heckenschützen verbargen, die üblicherweise auf den Dächern der Wohnhäuser in Stellung gingen. So viel zum Ideal einer offenen Stadt! Sarajevos wegen begann ich vor zwanzig Jahren zu ahnen, dass es vielleicht gar nicht unbedingt die Offenheit, sondern eher eine in sich gekehrte Haltung ist, die dafür sorgt, dass das Leben weitergeht.

Besonders verstört hat mich in Karahasans Buch die Darstellung einer Unterhaltung mit einem Besucher aus Frankreich, in der sehr unterschiedliche Erwartungen aufeinanderprallen. Dieser Besucher war – genau wie ich als Leser – aufrichtig daran interessiert, was sich im belagerten Sarajevo abspielte. Er versuchte herauszufinden, was in diesem ersten »heißen Krieg« auf dem europäischen Kontinent nach dem Ende des Kalten Krieges geschah. Nach einer intensiven Debatte hatte die niederländische Regierung im Mai 1993 beschlossen, Truppen nach Bosnien zu entsenden. In der Folge wurde, wie Sie sich erinnern werden, Srebrenica an die bosnischen Serben unter General Ratko Mladić übergeben und am 13. Juli 1995, der sich im nächsten Monat zum 19. Mal jährt, ein Völkermord an über 8000 muslimischen Männern und Jungen verübt.

1993 lebten wir in den Niederlanden noch in der Illusion, zur humanitären Welt-Avantgarde zu gehören, doch Karahasan hat in seinem Buch aufgezeigt, wie schwierig es ist, eine Situation wirklich zu verstehen – oder auch nur zu verstehen, dass man sie nicht versteht. Der Franzose ist nicht in der Lage, wirklich auf das zu hören, was Karahasan ihm über das Leben in Sarajevo erzählt, weil er sich bereits ein Bild von der Situation gemacht hat. Er glaubt, schon zu wissen, was es heißt, ein Kriegsopfer zu sein wie Karahasan und in beständiger Gefahr und dauernder Not zu leben; er braucht Karahasan nur, um einige Lücken zu stopfen – mit dem Ergebnis, dass Karahasan sich zutiefst missverstanden fühlt. Er kann dem Franzosen die Geschichten nicht liefern, die dieser sich ganz offensichtlich erhofft hatte, und kann ihm andererseits auch nicht vermitteln, wie es den Menschen selbst in Extremsituationen irgendwie gelungen ist, ihr Leben in Würde zu leben.

»Mein Kind hat Gott sei Dank alles, was es braucht«, habe ein Mann, so Karahasan, auf die Frage geantwortet, warum er die Babydecken und die Babykleidung, die die UNICEF ausgab, abgelehnt habe. »Und was wäre das?«, fragt Karahasan ungläubig. Darauf der Mann: »Es hat die Möglichkeit, in Würde zu sterben.«3 Das ist die kühnste Unabhängigkeitserklärung, die man sich vorstellen kann. Ich maße mir nicht an zu verstehen, wie der Mann so etwas sagen konnte, doch ich weiß, dass es zutiefst wahr ist. Menschen lassen sich nicht auf das reduzieren, was sie haben oder was ihnen fehlt. Sie leben ihre angestammte Würde, zum Guten oder zum Schlechten. Und notfalls auch im Verborgenen. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Print- oder Onlineausgabe.

Zurück zur Startseite

Unsere Abos
Sie haben die Wahl ...

weitere Infos zu unseren Abonnements


Newsletter


Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.


Jahresverzeichnis 2019


Aktuelles Jahresverzeichnis


Jahresverzeichnis 2019
als PDF PDF.



Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Concilium
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum