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Leseprobe 1
Regina Ammicht Quinn
Leben im Niemandsland
»Identität« ist ein Krisenbegriff. »[S]ie war von Geburt an ein Problem, wurde als Problem geboren« (Bauman 1997: 134). Wäre Identität nicht in der Krise, dann bräuchten wir sie nicht – dann wäre das, was wir sind, nichts weiter als unsere »Natur«. In der Krise ist »Identität«, weil sie nicht einfach »da« ist; sie muss entworfen, entwickelt und immer neu hergestellt werden. Sie kann in Frage gestellt, aberkannt oder zerstört werden. Und damit ist sie eine lebenslange Aufgabe heutiger Menschen.

In bestimmten Gesellschaftsschichten war der biografische Weg bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gerade nicht von der kontinuierlichen Frage nach der eigenen Identität bestimmt, sondern von drei Faktoren: der Genealogie, der Geografie und dem Geschlecht – drei Faktoren, die den Rahmen, die Grenze, aber auch das Gerüst des Lebens bildeten. Das Ich wird durch Rahmen, Grenze und Gerüst etabliert und geprägt, und das Leben erstreckt sich zwischen Rahmen, Grenze und Gerüst. Sowohl das eigene Selbstverständnis als auch die Anerkennung von außen wird dadurch gefiltert und gelenkt.

Diese Selbstverständlichkeiten sind uns über weite Strecken verlorengegangen. Je nach Lebenssituation, kultureller und geografischer Verortung sind wir aus den Bindungen von Klasse, Beruf, Nachbarschaft, zum Teil auch Familie und Geschlechterrollen in unterschiedlichem Maß freigesetzt. Manche der Menschen rund um die Welt sind dabei zu Bastlern geworden (vgl. Groß 1985: 63–84; Eickelpasch – Rademacher 2004). Deren Gesellschaften bieten, wie ein großer Baumarkt, vorgefertigte Bausätze von Identität, die unterschiedlich zusammengeschraubt oder auch nur lose verklebt werden können. In anderen Kontexten sind die Krisen der Identität andere. Dort, wo äußere Krisen – vor allem im religiösen oder nationalpolitischen Bereich – aufbrechen, wird Identität in der Regel nicht im Basteln hergestellt, sondern durch Zugehörigkeit. Diese Zugehörigkeit ist fragil: Sie kann ersehnt, aber nicht gewährt werden; sie kann erzwungen, aber nicht erwünscht sein. »Vermischung« von Hautfarben, Ethnizitäten, Nationalitäten, Sexualitäten können im Denken der Zugehörigkeit nicht geduldet werden; uneindeutige Identitäten werden dann als gefährlich wahrgenommen. Eindeutige Identitäten aber sind Gewalt (Maalouf 2012; Sen 2006).

Wenn wir das Zusammentreffen des Krisenbegriffs »Identität« mit äußeren Krisen verfolgen, betreten wir ein schwieriges Terrain. Hier werden der bosnische Filmemacher Danis Tanović und die deutsche jüdische Philosophin Hannah Arendt uns begleiten und beratend zur Seite stehen. Danis Tanović, der erste Reisebegleiter, führt uns ins Niemandsland, einen Krisenort besonderer Art.

Das Niemandsland zwischen den Fronten zweier verfeindeter Armeen ist ein verlassener Schützengraben. Der bosnische Soldat Čiki, der statt einer ordentlichen Uniform ein Rolling Stones-T-Shirt trägt, aber kriegserfahren ist, und der serbische Soldat Nino, Träger einer richtigen Uniform, aber ein absoluter Neuling im Krieg, sitzen in diesem Schützengraben wie in einer Falle. Es gibt einen anderen bosnischen Soldaten, Cera; soweit wir wissen, ist er tot. Weil das Verminen von Leichen ein probates Mittel der Kriegsführung ist, hat ein anderer – inzwischen getöteter – serbischer Soldat eine Mine unter ihm platziert. Es ist keine Tretmine, die explodiert, wenn jemand auf sie tritt; es ist eine Mine, die explodiert, wenn jemand das Gewicht entfernt; und sie wird äußerst zuverlässig funktionieren, weil sie ein Qualitätsprodukt ist, made in the EU.

In diesem speziellen Tanović-Niemandsland also gibt es eine explosive Leiche und zwei junge Männer, verfeindet, verwundet, verzweifelt; beide haben Schmerzen und brauchen dringend eine Zigarette; beide sitzen gemeinsam in der Falle. Wenn sie den Graben verlassen, wird man von der einen oder anderen Seite auf sie schießen; oder von beiden zugleich. Denn im Niemandsland lebt niemand. Zumindest überlebt niemand.

Danis Tanovićs No Man’s Land (2001) ist ein Kriegsfilm, der sein eigenes Genre destruiert (Cobin 2006; Gibbons 2002). Mit der Ausnahme der ersten Szenen, in denen es »action« gibt und gekämpft wird – ein Kampf, der Čiki und Ceras Leiche in den Schützengraben katapultiert –, passiert nichts. Jedenfalls nichts, was wir von einem Kriegsfilm erwarten. Fast nichts. Čiki schießt auf Nino, tötet ihn nicht; Nino sticht mit einem Messer auf Čiki ein, tötet ihn nicht. Totgeschlagen wird die Zeit. Sie streiten. Sie entdecken überraschende gemeinsame Erinnerungen. Čiki zwingt Nino, sich bis auf die Unterhose auszuziehen, aus dem Graben zu klettern und mit einem (relativ) weißen T-Shirt zu winken, damit die bosnischen und serbischen Einheiten auf beiden Seiten auf die Situation der beiden aufmerksam werden und sie vielleicht doch nicht umbringen. Als nichts geschieht, ziehen sich beide aus und winken mit weißen T-Shirts. Aber immer noch geschieht nichts. [...]


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