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Leseprobe 1
Jörg Rieger
Der Konsumismus ist nicht das Problem
Religion, Arbeit und die von unten umgeformten Bedürfnisse
Die ökonomischen und ökologischen Katastrophen unserer Zeit werden gerne auf den „Konsumismus” und auf das zurückgeführt, was man gemeinhin „Materialismus” nennt. Diese Vorwürfe basieren auf der Annahme, dass Menschen immer mehr haben wollen und dass diese Wünsche irgendwie zu ökonomischer Ungleichheit und ökologischer Zerstörung führen. Leider verkennt diese Sichtweise die Wurzeln des Problems, weil sie Begehren oder Wünsche für individuelle Probleme hält und daher dazu neigt, Einzelne verantwortlich zu machen. Außerdem vermag diese Sichtweise mit ihrem Versuch, den sogenannten „Materialismus” durch nicht-materielle Einstellungen zu ersetzen, die manche wiederum mit Spiritualität verwechseln, keine echten Alternativen zu entwickeln. Wenn wir uns mit Konsumismus und Begehren oder Wünschen befassen und Alternativen aufzeigen wollen, müssen wir zunächst der Frage nachgehen, wie diese Haltungen entstehen und wer von ihnen profitiert.

Die Frage nach den Wünschen greift tief. Da Wünsche infolge eines wirtschaftlichen Phänomens, das man „fallende Profitrate” nennt, immer mehr umkämpft sind, können wir nicht ohne Weiteres davon ausgehen, dass wir unsere Wünsche selbst kontrollieren. Das hat auch theologische Implikationen. Denken Sie nur an Martin Luthers klassische Antwort auf die Frage: „Was heißt, einen Gott haben, oder was ist Gott?” Gott ist, so Luther, „worauf du nun dein Herz hängst und verlässest”. Was bedeutet es aus theologischer Sicht, wenn wir das, woran wir unser Herz hängen, nicht mehr kontrollieren können?

Genauso wie unser Begehren und unsere Wünsche zunehmend umkämpft sind, ist nichts, nicht einmal die religiösen Gemeinschaften, von diesem Kampf ausgenommen. Das soll nicht heißen, dass religiöse Gemeinschaften im Kampf um den Einfluss auf die Wünsche keine wichtige Rolle zu spielen und dass religiöse Traditionen nicht einige praktikable Alternativen zu bieten hätten, doch wir müssen genauer hinsehen und uns fragen, welche Gestalt diese Alternativen in Situationen annehmen, wo die Religion selbst vom Status quo vereinnahmt worden ist.

Ein mangelndes Bewusstsein dafür, wie tief Wünsche greifen, zeigt sich nicht nur in der Theologie, sondern auch in der Wirtschaftslehre. Die Mainstream-Ökonomie neigt dazu, Wünsche als selbstverständlich vorauszusetzen – der „Bedarf” scheint eine natürliche Anlage des Menschen zu sein – und gleichzeitig anzunehmen, dass die Märkte dann am besten funktionieren, wenn man sie individuellen Wünschen überlässt. Und auch die Demokratie wird angeblich dadurch verwirklicht, dass Menschen sich von ihren individuellen Wünschen leiten lassen. Wünsche werden hier nicht nur als gegeben und natürlich, sondern gleichzeitig als etwas aufgefasst, das es (fraglos) verdient, den Lauf der wirtschaftlichen Entwicklung und im weiteren Sinne auch des Lebens insgesamt zu bestimmen.

Die Vorwürfe des Konsumismus und Materialismus übersehen zwei grundlegende Probleme. Trotz der verbreiteten Annahme, dass die Menschen immer mehr haben wollen, kann die Bereitschaft, immer mehr zu konsumieren, selbst in der sogenannten Konsumgesellschaft nicht selbstverständlich vorausgesetzt werden. Die Werbeindustrie lebt von der Notwendigkeit, die Konsumbereitschaft und die Wünsche, die sie antreiben, unablässig zu befeuern. Zweitens richtet sich der sogenannte Materialismus in letzter Konsequenz nicht auf materielle Dinge. Die Dinge, die wir konsumieren, versprechen uns wesentlich mehr, denn die Werbung lenkt unseren Blick nicht auf Materielles, sondern auf Höheres: Man erwartet, dass der Kauf bestimmter Dinge Glück und Erfüllung bringt.

Der Ökonom John Kenneth Galbraith hat auf zwei Missverständnisse in der Wirtschaftslehre hingewiesen, die miteinander zusammenhängen, nämlich erstens, dass „die Dringlichkeit der Nachfrage [...] nicht merklich mit dem Grad ihrer Befriedigung” abnimmt. Mit anderen Worten, die Vorstellung von einer Sättigung existiert nicht: Der Bedarf ist anscheinend grenzenlos. Das zweite Missverständnis besteht, Galbraith zufolge, darin, dass „die Bedürfnisse [...] der Persönlichkeit des Verbrauchers [entspringen]. Sie sind auf jeden Fall für den Nationalökonomen gegebene Daten. Seine Aufgabe beschränkt sich darauf, ihre Befriedigung anzustreben. Er braucht nicht zu untersuchen, wie diese Bedürfnisse entstehen.” Alle anderen Probleme wurzeln in diesen Fehleinschätzungen von Bedürfnissen und Wünschen.

In seinen Forschungen zu den Bedürfnissen und Wünschen in der Ökonomie diagnostiziert Galbraith einen „sinkenden Dringlichkeitsgrad des Bedarfs” und einen damit einhergehenden Bedeutungsverlust von Nachfrage, Produktion und Verbrauch. Es trifft nicht zu, dass die Menschen immer mehr wollen; es trifft nicht einmal zu, dass die Menschen immer mehr brauchen. Es gibt zum Beispiel nur eine ganz bestimmte Menge an Schokoriegeln oder an Autos, die die Menschen wollen oder brauchen; weder der Wunsch noch der Bedarf an Schokoriegeln oder Autos ist unbegrenzt. Wenn es um Wünsche und Bedürfnisse im Besonderen geht, spielt die Produktion eine zentrale Rolle: „Man kann nicht die Produktion damit rechtfertigen, dass sie vorhandene Bedürfnisse befriedige, wenn die gleiche Produktion selbst erst die Bedürfnisse weckt”, so Galbraith. Damit sind wir bei der zentralen Rolle, die die Produktion bei der Schaffung von Bedürfnissen und Wünschen spielt: „Die Produktion füllt nur eine Lücke aus, die sie selbst erst geschaffen hat.” Was den Konsum antreibt, sind mithin nicht in erster Linie der Konsumismus und die Wünsche, sondern der ökonomische Imperativ der wachsenden Produktion von Gütern, Ideen und Dienstleistungen zugunsten des Profits. Doch dieser Antrieb ist den Blicken meist entzogen – vor allem dann, wenn man über den Konsumismus klagt, der die Wurzel allen Übels sei.

Galbraith beschreibt den Zusammenhang zwischen Produktion und Konsum wie folgt: „Eine noch engere Verbindung zwischen Produktion und Nachfrage wird durch die moderne Werbe- und Verkaufstechnik hergestellt. Sie lässt sich auf keinen Fall mit dem Begriff unabhängig entstandener Bedürfnisse vereinbaren, da ihre Hauptaufgabe darin liegt, Bedürfnisse zu schaffen – Bedarf zu wecken, der vorher noch nicht existiert hat.” Wenn also eine Verbindung zwischen Produktion und Konsum besteht, dann sind Konsumismus, Bedürfnisse und Wünsche nicht länger das Problem der individuellen Ethik und können folglich auch nicht durch moralische Appelle an Einzelne gelöst werden.

Wie bereits angedeutet, spielt die Werbeindustrie bei der Erzeugung von Bedürfnissen und Wünschen eine wichtige Rolle. Werbung besteht nicht in erster Linie darin, Fakteninformationen über die Produkte zu liefern; Werbung hat etwas mit der Formung von Wünschen zu tun. Nicht von ungefähr sind die Werbefachleute als die „neuen Hohepriester” bezeichnet worden, die, wie wir hinzufügen dürfen, nicht nur auf das Geschäftsleben, sondern auch auf Politik und Religion maßgeblichen Einfluss ausüben. Ralph Glasser, der ein Buch zu diesem Thema verfasst hat, bringt auf den Punkt, was Wirtschaftswissenschaftler und Theologen gerne übersehen. Glasser spricht lieber über Wünsche als über Nachfrage, weil „Nachfrage im Wirtschaftsleben keine ausgemachte Tatsache ist wie beispielsweise ein Fluss, sondern das Ergebnis latenter Wünsche, Träume und Bestrebungen, die man schüren kann oder nicht. Marketing verkauft kein Produkt – es verkauft einen Traum: einen Traum von Schönheit, Gesundheit, Erfolg oder Macht.” Aufgabe der Werbung ist es, Wünsche zu erzeugen, damit wirtschaftliche Nachfrage entsteht.

Es wird nun deutlicher, weshalb der verbreitete Vorwurf des „Materialismus” unangebracht ist. Der durch die Werbung erzeugte Wunsch ist nicht der schlichte Wunsch nach einem Produkt: Der Bedarf richtet sich auf etwas Transzendenteres, auf das das Produkt verweist, wie etwa die Hoffnung auf Glück und ein besseres Leben. Der Wunsch richtet sich zum Beispiel nicht auf eine Perlenkette um ihrer selbst willen, sondern auf das größere Selbstvertrauen oder vielleicht sogar die Liebe, die man dadurch zu gewinnen hofft. Die Werbung erzeugt also Wünsche, indem sie materielle Dinge mit Transzendentem verbindet – ein wahrhaft religiöses Unterfangen, das uns zu den tieferen Wurzeln des Konsumismus und des sogenannten Materialismus führt.

Die Wünsche, die den Konsumismus antreiben, erzeugen sich mithin nicht selbst, sondern müssen von den herrschenden Wirtschaftsinteressen geweckt werden, um die Produktion in Gang zu halten. Während sich schon bei Aristoteles ein rudimentäres Wissen um den Zusammenhang zwischen Geld und Wünschen nachweisen lässt, haben wir es heute mit einer neuen Intensität dieses Zusammenhangs zu tun. Die herrschenden ökonomischen Interessen versuchen, an die tiefsten Schichten unseres Menschseins heranzukommen, die wir selbst nicht kontrollieren können, und unsere geheimsten Wünsche umzuformen. Tag für Tag sind wir geschätzten 300 bis 3000 Werbungen ausgesetzt, deren Botschaften darauf abzielen, unsere unbewussten Wünsche zu formen und Identität zu erzeugen. „Branding” nennt man das im Werbejargon – Theologen würden vielleicht von „Initiation” sprechen.

Wenn wir mit Botschaften bombardiert werden, die bis in den religiösen Bereich vordringen, wie können sich die Religionsgemeinschaften und ihre Theologien dann dieser Formung durch die kapitalistische Marktwirtschaft entziehen? Sowohl die Theologie als auch die Wirtschaft geht der Frage nach, was uns in unserem tiefsten Inneren formt. Über den Konsumismus zu lamentieren kann in dieser Situation nur schädlich sein, weil es über die Methoden der Erweckung von Wünschen hinwegtäuscht. Und weil es darüber hinwegtäuscht, dass das Problem nicht nur den Erwerb materieller Dinge, sondern unsere Identität als ganze betrifft, die auch das miteinschließt, was Menschen denken, glauben und fühlen. Selbst die scheinbar nicht-materialistischen Bereiche unserer Überzeugungen und Vorstellungen werden von diesen Prozessen und damit letztlich von den herrschenden Wirtschaftsmächten geformt. Die Menschen werden in einem solchen Maß zum Konsum verlockt, dass ihre ganze Identität neu gestaltet wird.

In Anbetracht des bisher Gesagten kann die angemessene Reaktion nicht darin bestehen, weniger materialistisch und dafür spiritueller zu werden – so als wäre der spirituelle Bereich sicherer und weniger von den herrschenden ökonomischen Interessen des Kapitalismus beeinflusst als die materielle Welt. Wir brauchen einen anderen Materialismus und eine andere Spiritualität. Die religiösen Traditionen des Christentums mit ihren jüdischen Wurzeln könnten bei diesem Prozess eine Hilfe sein, weil sie sich weigern, das Materielle und das Spirituelle gegeneinander auszuspielen.

Religion, Arbeit und widerständige Wünsche

In einer Situation, in der Wünsche sich vor allem auf das Leben derer verheerend auswirken, die sie nicht zu befriedigen vermögen, müssen wir über die Möglichkeit widerständiger Bedürfnisse und Wünsche nachdenken. Das kann nicht aus sicherer Entfernung und ohne Bezug auf den schweren Schaden geschehen, den die Wunscherweckung anrichtet, denn genau hier zeigt sich die ganze Tragweite des Problems, lassen sich falsche Hoffnungen heraussieben und werden die drängendsten Fragen aufgeworfen. Gleichzeitig können wir genau hier auch die ersten Blicke auf mögliche Alternativen erhaschen. Wie sehen Wünsche in Zeiten eines schweren Wirtschaftsabschwungs aus, wenn sie eher von echter Not als von den Verlockungen des Kapitalismus geprägt sind? Und – da ja Wünsche auch in diesem Kontext eine neue Formung erhalten – welche neuen Vorstellungen vom Transzendenten und von der letzten Wirklichkeit bilden sich heraus?

Wenn es zutrifft, dass die „Bedürfnisse von der Produktion abhängig sind” (Galbraith, S. 172), dann müssen wir uns, wenn wir diese Bedürfnisse, Wünsche und letztlich den Konsumismus selbst verändern wollen, die ökonomische Produktion näher ansehen. Galbraith erinnert uns daran, dass eine wachsende Produktion, die eine Steigerung der Bedürfnisse und Wünsche verlangt, eine Gesellschaft nicht zwangsläufig besser macht. Ab einem bestimmten Punkt, so schreibt er, trägt die Produktion einer immer größeren Menge von Waren und Bedürfnissen nicht mehr zu größerem Wohlstand bei. Deshalb, so seine Schlussfolgerung, dürfe die Produktion nicht an die Privatinteressen gekettet sein, sondern müsse befreit werden, um sich den größeren Aufgaben der Menschheit zuzuwenden.

Der erste Schritt hin zur Weckung alternativer Bedürfnisse und Wünsche, die widerständig sein können, besteht folglich darin, sich wieder auf das zu besinnen, was die Menschen wirklich benötigen. Der Historiker Peter Stearns schreibt, dass „es für die Armen nicht um Konsum geht, sondern darum, sich um einen ausreichenden Lebensunterhalt zu bemühen”. Diese Frage, so merkt er an, treibt viele Menschen auf der ganzen Welt um – darunter auch 13 Millionen Kinder in den Vereinigten Staaten, die unterhalb der Armutsgrenze leben und deren Zahl wächst.

Die Verbindung zwischen den Wünschen und dem, was der Mensch wirklich braucht, ist verlorengegangen, als der Kapitalismus begann, den Menschen nach seinem Bild zu schaffen: als ein Wesen, dass nur Wünsche kennt, aber keine echte physische Not. Der Befreiungstheologe Hugo Assmann und der Ökonom Franz Hinkelammert stellen eine Parallele zu spiritualisierenden Theologien her, deren Funktionsweise ebenfalls in der Abstraktion echter menschlicher Nöte und des menschlichen Lebens insgesamt besteht. In der Befreiungstheologie dagegen, so führen sie aus, wird diese Spiritualisierung überwunden, weil die echte menschliche Not wieder in den Blickpunkt gerückt wird. Das ist ein wichtiger erster Schritt; doch es bleibt noch mehr zu tun. Wenn uns die echte menschliche Not bewusst wird, dann sind wir auch in der Lage, Wünsche als etwas Konstruiertes zu erkennen. Und dieses Wissen um die konstruierte Natur der Wünsche führt uns wieder zu dem zurück, was bei der Produktion geschieht.

Während die Produktion ein unstrittiger Aspekt der Mainstream-Ökonomie ist, die einfachen Regeln von Angebot und Nachfrage folgt und zur Profitakkumulation führt, verändert sich die Sicht auf die Produktion, wenn man sie aus der Perspektive der Arbeit betrachtet. Hier stoßen wir auf eine Parallele zu verschiedenen alten jüdisch-christlichen Traditionen, die sich mit dem Thema Arbeit befassen. Diese Traditionen sind, obwohl ihre Präsenz in den biblischen Texten recht ausgeprägt ist, in der Geschichte der Theologie und der Kirche oft vernachlässigt worden und werden auf diese Weise selbst zu einem Beleg dafür, wie sehr die Anliegen der Religion vom ökonomischen Status quo geprägt sind.

Dass Mose arbeitende Sklaven organisiert hat und dass Jesus ein Bauarbeiter war und aus einer Bauarbeiterfamilie stammte, könnte sich als wichtiger herausstellen, als wir es je vermutet haben. Warum hat Gott, um seine göttliche Macht zu offenbaren, nicht die Spitzen der antiken Reiche wie Ägypten und Babylon ausgewählt, und warum ist Gott nicht in einer Familie der jüdischen Oberschicht Mensch geworden, zumal dies ceteris paribus, wie die Wirtschaftsfachleute sagen, also unter ansonsten gleichen Bedingungen alle möglichen Vorteile mit sich gebracht hätte? Offensichtlich sind in diesem Fall nicht alle anderen Bedingungen gleich. Es scheint, dass Gottes soziale Verortung im Hinblick auf Produktion und Arbeit etwas zu bedeuten hat.

Eine wichtige theologische Implikation von Gottes sozialer Verortung in der Welt der Arbeit ist die, dass Mose, Jesus, Petrus, Paulus, Maria und andere religiöse Führungsgestalten die Perspektive der arbeitenden Bevölkerung geteilt haben und deshalb besser sehen konnten, was vor sich ging und wo die eigentlichen Probleme lagen. Und was nicht weniger wichtig ist: Aus dieser Perspektive waren sie imstande, Gott mit neuen Augen zu sehen und die vielen Bilder falscher Götter, die die Menschen versklavten – angefangen bei den Sklaven in Ägypten im Fall des Mose bis hin zur Landbevölkerung in den Randbezirken des römischen Imperiums im Fall Jesu und seiner Jünger –, aus dem Weg zu räumen. Überdies scheinen durch diesen Kontakt mit den Nöten der Menschen und dadurch, dass Gott auf unerwartete und lebensverändernde Weise erschien, die Bedürfnisse und Wünsche neu geformt und widerstandsfähig gemacht worden zu sein.

In vielen Traditionen der abrahamitischen Religionen ist der Blickwinkel der arbeitenden Bevölkerung unverzichtbar. Das (Juden, Muslimen und Christen gemeinsame) Erbe des Mose ist nicht ohne seine Solidarität mit den hebräischen Sklaven in Ägypten zu begreifen, die allerdings keine Rechtfertigung für seinen Mord an einem der ägyptischen Sklavenhalter darstellt (Ex 2,12). Das Erbe Jesu ist nicht ohne seine Solidarität mit den Arbeiterinnen und Arbeitern seiner eigenen Zeit zu begreifen. Die Gleichnisse Jesu sind gespickt mit Beispielen von der alltäglichen Arbeit und Mühsal; sie erzählen die Geschichten von Hirten, die meist nicht die Eigentümer der von ihnen gehüteten Herden waren (Lk 15,1–7), von arbeitenden Frauen (Mt 13,33, Lk 15,8–10), von Arbeitern in den Weinbergen (Mt 20,1–16; 21,33–46) und auf den Feldern (Mk 4,1–9.13–20), von Fischern (Mk 1,16–20) und Sklaven (Mt 18,23–34).

Wenn wir der Schaffung alternativer Bedürfnisse und Wünsche noch weiter auf den Grund gehen wollen, müssen wir die zentrale Rolle der Arbeiter in der Produktion – der Produktion von Gütern, Ideen oder Dienstleistungen – berücksichtigen. Ebendies lässt die Mainstream-Ökonomie wohl am schmerzlichsten vermissen, die immer nur die Kreativität der Firmenchefs und anderer Manager hervorhebt, die Beiträge der Arbeitnehmer aber nie angemessen würdigt. Denselben Fehler begeht – vielleicht nicht weiter verwunderlich – auch der Großteil der Mainstream-Theologie, die die Führungsqualitäten von Bischöfen, prominenten Seelsorgern und Theologen hervorhebt, es jedoch versäumt, die Beiträge, die die gewöhnlichen Menschen (die sogenannten „Laien”) zum Glaubensleben leisten, zu würdigen. Ohne Arbeit keine Produktion, das ist so weit klar – aber was bedeutet diese Erkenntnis?

Zunächst einmal unterscheiden sich die Ziele der arbeitenden Bevölkerung von den Zielen, die die Mainstream-Ökonomie den Geschäftsführern und die Mainstream-Theologie den Kirchenführern zuschreibt. Das Ziel der arbeitenden Bevölkerung, ihr tiefster Wunsch, ist nicht die grenzenlose Profitmaximierung für Aktionäre. Und ebenso ist das Ziel der Laien in der Kirche nicht in erster Linie der Anstieg der Mitgliederzahlen und Haushaltsgelder. Die Wünsche der arbeitenden Bevölkerung und der Laien in der Kirche richten sich auf Produktions- und Arbeitsprozesse, die die Menschenwürde respektieren, gerechte Löhne und Sozialleistungen bieten und das Wohlergehen der Familien und der Gemeinschaft gewährleisten. Zudem wird ein Produktionsprozess, der die Menschenwürde respektiert, auch der Kreativität der Arbeitenden mehr Raum geben. Dass diese Kreativität selbst unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen existiert und dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer trotz schwierigster Umstände oft beträchtlich zu Verbesserungen in der Produktion von Gütern, Ideen und Dienstleistungen beitragen, erinnert uns daran, dass ihr Potenzial noch weitgehend brachliegt. Hier sind bereits einige wie auch immer geartete alternative Wünsche am Werk, die es weiterzuentwickeln und zu intensivieren gilt.

Was die Erweckung von Wünschen betrifft, müssen wir auch bedenken, dass die arbeitende Bevölkerung es im derzeitigen System mit einer zweifachen Bürde zu tun hat: Während die Produktion auf ihren Schultern ruht – der Profit basiert auf ihrer Arbeitsleistung, wie der Ökonom David Ricardo schon Jahrzehnte vor Karl Marx gezeigt hat –, sind die Arbeitenden auch diejenigen, auf die es ankommt, wenn die von ihnen produzierten Güter, Ideen und sogar Dienstleistungen konsumiert werden sollen. Mit anderen Worten, sie sind die Zielgruppe der Erweckung von Wünschen, aber aus demselben Grund auch diejenigen, die das größte Interesse an Wünschen haben müssten, die widerständig sind.

Die gute Nachricht ist, dass die Wünsche der Arbeitenden zwar notwendig sind, um die Produktion in Gang zu halten, und daher der Kontrolle der herrschenden Mächte unterliegen – ohne Arbeit würde nichts produziert –, dass aber die Wünsche der in der Produktion Beschäftigten nie völlig vereinnahmt und kontrolliert werden können. Eine erste Ahnung, dass die Wünsche sich nicht gänzlich vereinnahmen lassen, entsteht, wenn man sich die Ambivalenz des ökonomischen Status quo vor Augen hält. Macht und Einfluss des Kapitalismus sind nie absolut, und selbst seine Produktionsprozesse sind nie völlig frei von Ambivalenz. Die alternativen Wünsche sind an ganz unerwarteten Stellen am Werk; sie entstehen bei jenen, die gezwungen sind, den Druck des Systems zu ertragen, aber letztlich nicht von besagtem System profitieren und daher nicht gänzlich unter Kontrolle gehalten werden können.

Die Herausforderung an die Wünsche und die Möglichkeit, alternative Wünsche zu erzeugen, bezieht sich also auf die „Letzten”, die die „Ersten sein werden” (Mt 20,1–16), und auf die „Geringsten”. Bezeichnend ist, dass den Worten Jesu zufolge selbst das letzte göttliche Gericht von der Beziehung zu diesen Geringsten abhängt (Mt 25,31–46). Diese alternativen Wünsche machen vielleicht nicht viel her, aber der Kapitalismus wird von jedem Wunsch herausgefordert, der nicht mit seinen Zwecken übereinstimmt und nicht nach seinen Regeln spielt und sich nicht in die Grenzen seiner besonderen Form von Freiheit einfügen will. Schlimmer noch: Der Kapitalismus fürchtet sich besonders vor der Möglichkeit, dass alternative Wünsche sich organisieren und nach alternativen Zielen streben könnten. Das ist die ultimative Herausforderung der Arbeiterbewegungen, und das erklärt auch die bösartigen Attacken gegen die Arbeit, die in den Vereinigten Staaten und andernorts zu beobachten sind.

Schlussfolgerungen

Wenn wir über eine nur oberflächliche Kritik des Konsumismus (und damit auch des Kapitalismus) hinausgehen wollen, dann müssen wir vor allem eines bedenken: dass Wünsche sich nicht so ohne Weiteres verändern lassen und dass die systemübliche Reaktionsweise, nämlich zu moralisieren und zu predigen, uns nicht weiterbringt. Alternative Wünsche enstehen unter dem Druck der Lebenserfahrungen und in Bezug auf eine Produktion, bei der Gott selbst am Werk ist. Gleichwohl müssen auch solche alternativen Wünsche organisiert werden. Ohne Organisation verschwinden sie wieder. Vielleicht liegt hierin die besondere Weisheit vor allem derjenigen alternativen religiösen und sozialen Bewegungen, die sich an der Unterseite der Geschichte herausbilden.

Der Fortschritt bei der Schaffung alternativer Wünsche hängt also von einer selbstreflektierten Rückkehr zu Situationen ab, die von hohem Druck und von der Logik des Abschwungs, das heißt von Rahmenbedingungen gekennzeichnet sind, unter denen sich viele religiöse Kernüberlieferungen herausgebildet haben. Hier überschneiden sich das theologische Nachdenken und das ökonomische Denken dergestalt, dass der Beitrag des theologischen und religiösen Nachdenkens zur weiteren Entwicklung der Wirtschaft nicht in erster Linie darin besteht, für ein anderes System von Ideen (oder „Werten”) oder für ein verändertes Bewusstsein zu sorgen, sondern Blicke auf alternative Wirklichkeiten zu erhaschen, die genau dort entstehen, wo der Druck des wirtschaftlichen Status quo unerträglich und ebendeshalb in Frage gestellt wird.

Diese sich ausprägenden alternativen Wirklichkeiten und damit verbundenen Wünsche eignen sich besser als die geschlossene Realität des Status quo dazu, uns auf das Letztgültige und das Göttliche auszurichten. Hier werden die Theologie und das religiöse Nachdenken Alternativen bieten können – nicht, indem sie die selbstzufriedenen Symbole der regulierten Religiosität repräsentieren (jene Art von Symbolen also, die sich allzu leicht von den kommerziellen Schönrednern vereinnahmen und wieder neu verzaubern lassen), sondern indem sie aus den nicht zu unterdrückenden Energien und Wünschen ihrer unterschwelligen Überlieferungen schöpfen, wie sie sich unter dem Druck des Lebens entwickelt haben und auch weiterhin von diesem geformt werden.

Eine solche Verwandlung der Wünsche, bei der wir die vielen Schichten des ökonomischen Status quo zu durchdringen beginnen, steht am Anfang eines Wandlungsprozesses, der alternativen Werten und Lebensweisen Raum gibt, die sich der Kontrolle des kapitalistischen Lifestyles entziehen. Hier tun sich Möglichkeiten einer produktiveren Begegnung mit den alternativen Sichtweisen der christlichen Überlieferungen auf. Viele Aspekte dieser Traditionen harren noch ihrer Entdeckung. Widerständige Wünsche müssen nicht länger aus sich selbst entstehen, sondern brechen von unten hervor, wo sich – zu unserer niemals endenden Überraschung – Gott selbst in Solidarität mit den Menschen abrackert.

Aus dem Englischen übersetzt von Gabriele Stein

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