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Leseprobe 3
Celso Queiroz
Für Erneuerung und klare Verhältnisse in der Kirchenleitung
Aus der Perspektive der pastoralen Erfahrung eines Bischofs
Der Beitrag stellt das Zeugnis eines Bischofs dar, der von seiner pastoralen Erfahrung ausgeht – eines Bischofs, der mit Ämtern innerhalb der Bischofskonferenz seines Landes vertraut ist. Er erinnert daran, dass das Zweite Vatikanische Konzil wieder zur kollegialen Leitung der Kirche gefunden hat, er spricht das Problem der Zentralisierung und der daraus resultierenden Aufblähung des Apparats der Römischen Kurie an, und er konzentriert sich am Beispiel der apostolischen Nuntiaturen auf das diplomatische Corps. Er berichtet von Situationen gescheiterter Begegnungen und Peinlichkeiten aus unterschiedlichen Gründen wie etwa Unkenntnis, Karrierestreben usw. Und er fragt zum Schluss etwa, warum keine Laien, auch Frauen, diese Ämter innehaben.

Da ich vor und während meiner Zeit als Bischof im Sekretariat der brasilianischen Bischofskonferenz (CNBB) gearbeitet habe, haben mich die Herausgeber von CONCILIUM gebeten, aus meiner Perspektive, aus meiner pastoralen Erfahrung als Bischof, der in der Zeit nach dem Konzil lange im Amt war, über die Notwendigkeit und die Möglichkeiten der Erneuerung zu schreiben – mit Blick auf die recht spezifische Frage der Beziehung zwischen der päpstlichen Leitung und den Bischofskonferenzen, für die die päpstlichen Nuntiaturen verantwortlich sind. Ich werde dieses Thema jedoch nicht aus der technischen Kenntnis des diplomatischen Corps oder Apparats behandeln, und auch nicht auf der Grundlage von historischen Informationen und Analysen der Entstehung dieses diplomatischen Corps.

Wenn man den historischen Standpunkt etwas vereinfacht, dann hat sich der diplomatische Apparat innerhalb des politischen Kraftfeldes der komplexen und zuweilen konfliktreichen Beziehungen zwischen „Thron und Altar” herausgebildet, und zwar noch in Zeiten sakraler Herrschaft und der entsprechenden Machtkämpfe. Natürlich kann man nicht übersehen, dass hier wichtige Entwicklungen stattgefunden haben. Doch seit dem 19. Jahrhundert bedeutete diese Entwicklung auch eine Mixtur, eine immer kompliziertere Hybridisierung kirchlicher und politischer Aspekte: einerseits der im eigentlichen Sinne kirchlichen Aspekte der Beziehungen zwischen päpstlicher Leitung und den lokalen Kirchen und andererseits der politischen Aspekte der katholischen Kirche als Vatikanstaat im Verhältnis zu den modernen Staaten, mit denen er diplomatische Beziehungen unterhielt. Mittendrin befinden sich die akkreditierten Nuntiaturen: Sie nehmen an Staatsakten teil, selbst wenn es sich um korrupte und blutige Diktaturen handelt; sie arbeiten gegebenenfalls an komplizierten Konkordaten, sie fungieren aber auch als Kanäle der internen Kirchenleitung.

Durch diese Kanäle laufen zum Beispiel die Bischofsernennungen, wobei zwangsläufig interne Politik und in der Praxis erbitterte Machtkämpfe im Spiel sind. Angesichts dessen ist es legitim zu fragen, ob sie nicht eine Anomalie innerhalb der Beziehungen zwischen den Bischofskonferenzen und der päpstlichen Leitung, oder noch radikaler, innerhalb der Ekklesiologie selbst darstellen. Theoretisch wird so getan, als sei dem nicht so. Man gibt vor, die apostolischen Nuntiaturen stellten einen Dienst und ein verbindendes Element dar. Dem pastoral geschulten Auge eines Bischofs jedoch entgeht nicht, wie viel an Ambivalentem diese diplomatische Maschinerie in ihrem Inneren entwickelt, die schließlich Kollateralschäden einer häufig auf bestimmte Personen oder einflussreiche Gruppen zugeschnittenen Politik verursacht. Der Ruf nach Erneuerung, echter Beteiligung und Transparenz hinsichtlich der Kriterien und Prozeduren bei der Auswahl und Ernennung von Bischöfen – anstatt einer übertriebenen Geheimdiplomatie „sub grave” – kam immer wieder aus der Mitte des Volkes Gottes und ist nicht länger zu überhören.

In diesem Beitrag will ich in Form eines persönlichen Zeugnisses zunächst das Bild des bischöflichen und kollegialen Dienstamtes entwerfen, um dann über einige Fakten zu berichten und die komplexe Eingangsfrage zu reflektieren.

I. Das Bischofsamt als Leitungsgewalt in der Kirche

Das Erste Vatikanische Konzil stellte den Schlusspunkt auf einem langen Weg der Kirche in Richtung Zentralisierung dar. Nicht dass das Dogma vom unfehlbaren Lehramt des römischen Pontifex dies zwangsläufig bedeuten müsste, aber dessen enge Auslegung bildete den Gipfel der Zentralisierung. Im landläufigen Verständnis waren nun keine Konzilien mehr nötig, und das Amt des Bischofs wurde nach und nach im Sinne eines lokalen Stellvertreters des Papstes aufgefasst und auch so behandelt. Im Papst und durch ihn waren die Reinheit des Glaubens und die Gemeinschaft der gesamten Christenheit garantiert. So haben auch viele Bischöfe selbst ihr Amt verstanden.

Um eine so weitreichende, praktisch unmögliche juridische Funktion mit ihren in sich vereinigten „universalen, unmittelbaren und ordentlichen” Gewalten ausfüllen zu können, umgab sich das Papsttum mit einer beträchtlichen Anzahl von Helfern: in Rom mit der Römischen Kurie und überall auf der Welt mit den apostolischen Nuntiaturen, die durch das Staatssekretariat miteinander verbunden sind. In sakramentaler Hinsicht („sakral” hier im Sinne der Hierarchie, der „heiligen Herrschaft” verstanden) müssen diese „Auftrag erteilenden” Helfer des Papstes innerhalb der sakralen Ordnung über den von ihnen „Beauftragten” oder wenigstens auf derselben Stufe wie diese stehen, was auf die vormoderne Feudalgesellschaft zurückverweist. Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe bilden eine sakrale Hierarchie, bestehend aus kirchlichen Würdenträgern, wo wir uns heute auch Laien, darunter Frauen, innerhalb einer schlicht funktionalen Hierarchie vorstellen könnten. Diese kumulierte hierarchische Sakralität kann religionsgeschichtlich, möglicherweise religionsanthropologisch erklärt werden, keinesfalls aber vom Evangelium Jesu her.

Das Ergebnis – im strikten Sinne und praktisch gesprochen – war, dass der Papst der bischöflichen Kollegialität nicht länger bedurfte, die mit ihm die Kirche in der Welt zu leiten hätte. Das Zweite Vatikanische Konzil beschloss deshalb nicht ohne Widerstand und lange Diskussionen, dass die Kirche „vom Nachfolger Petri und den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm” (Lumen Gentium 8) geleitet werde und dass das Bischofsamt „kraft der auf den Ursprung zurückreichenden Nachfolge Ableger apostolischer Pflanzung” (Lumen Gentium 20) in sich bewahrt. „Diese Gewalt, die sie im Namen Christi persönlich ausüben, kommt ihnen als eigentliche, ordentliche und unmittelbare Gewalt zu, auch wenn ihr Vollzug letztlich von der höchsten kirchlichen Autorität geregelt wird [...] Sie sind nicht als Stellvertreter der Bischöfe von Rom zu verstehen, denn sie haben eine ihnen eigene Gewalt inne [...]” (Lumen Gentium 27) Die Gewalt des bischöflichen Amtes „wird von der obersten und allgemeinen Gewalt nicht ausgeschaltet, sondern im Gegenteil bestätigt, gestärkt und in Schutz genommen” (Lumen Gentium 27). Das Konzil mahnt ebenso den Respekt an, der Gruppen der Kirche im Hinblick auf die Disziplin, die Liturgie, theologische Traditionen und die je eigene Spiritualität gebührt. In diesem Zusammenhang heißt es: „In ähnlicher Weise können in unserer Zeit die Bischofskonferenzen vielfältige und fruchtbare Hilfe leisten, um die kollegiale Gesinnung zu konkreter Verwirklichung zu führen.” (Lumen Gentium 23)

II. Die aufgeblähte Römische Kurie als Folge einer übertriebenen Zentralisierung


Als das Zweite Vatikanische Konzil seinem Ende zuging, bildete sich unter den Teilnehmern ein Konsens darüber heraus, die bischöfliche Kollegialität mit dem Papst an ihrer Spitze zu einem effektiven Instrument zu machen und als Bindeglied einen ständigen synodalen Organismus von Bischöfen zu schaffen. Dieser Gedanke wurde aber in der Folge auf eine periodische Zusammenkunft reduziert, die vorwiegend dem Studium bestimmter Themen gewidmet sein und lediglich eine beratende Funktion für den Papst haben sollte. Dies stellte nicht die Verwirklichung dessen dar, was das Konzil gewollt hatte. Das Organ, das in Wirklichkeit im Sinne der zentralen Leitung der über die ganze Welt ausgebreiteten Kirche fungiert, ist die Römische Kurie. Die Römische Kurie in ihrer derzeitigen Größe und Machtfülle ist also die Folge eines Begriffs von Kirche, einer Ekklesiologie, die ausschließlich auf die Person des Papstes als Garant ihrer Einheit und als Mittelpunkt fixiert ist. Es ist gut möglich, dass in einigen bereits sehr lange zurückliegenden Momenten der Geschichte eine so klare juridische Zentralisierung tatsächlich gut für die Einheit der Kirche gewesen wäre. Doch gerade zu Beginn der größten Zentralisierung anfang des zweiten Jahrtausends war eines der Ergebnisse das Trauma der Spaltung zwischen West und Ost. Heute hat sich eine Zentralisierung als dysfunktional erwiesen. Es ist gar nicht möglich, dass die zentralisierte Leitung der Kirche nicht von einer ausufernden Bürokratie umgeben und bestimmt würde, und diese setzt sie den für jede Bürokratie typischen Gefahren aus. Dazu gehören etwa Machtkämpfe, Karrierismus, Korruption, Unterschlagung von Informationen, Langsamkeit und Schwerfälligkeit, wenn es darum geht, neue Wege zu beschreiten. Innerhalb der Kirche schafft die Bürokratie noch ein zusätzliches Risiko, das sich als fatal erweist: die Verquickung von Bürokratie mit priesterlicher Hierarchie, die die Bürokratie selbst schließlich sakralisiert, sie fast „unberührbar” macht, wie alles, was heilig ist.

III. Freiheit zur Dezentralisierung und Kollegialität


Die Zentralisierung ist also das Problem, das sich hinter der Aufblähung der Römischen Kurie verbirgt. Die Zentralisierung wurde als Garant für die Einheit der Kirche hingenommen, die in den verschiedenen Regionen und Kulturen der Welt präsent ist. Die Zentralisierung war schon einmal stärker, das Konzil hat bereits Schritte zu deren Reduzierung ermöglicht; doch es ist nötig, weiter in diesem Sinne voranzuschreiten und dabei den Weg vom Zentrum in die verschiedenen Regionen zurückzulegen. Aus den verschiedenen Regionen muss die kulturelle Vielfalt der Ausdrucksformen wirklich zum Zentrum strömen, zu einer wahrhaften Katholizität zusammenfließen. Es ist auch nicht hinnehmbar, dass gegen die Suche nach neuen Ausdrucksformen und pastoralen Wegen ein Veto eingelegt wird, während man zugleich zurückgeht und alte Riten in einer toten Sprache und in Ausdrucksweisen wiederbelebt, die den heutigen Kulturen fremd sind. Die Einheit der Kirche liegt nicht in einer Sprache und einer Kultur der Vergangenheit begründet, denen ein Ehrenplatz in unseren Museen zukommt. Die Einheit der Kirche hat ihre Grundlage vielmehr in der Einheit des Glaubens und in den wesentlichen Dingen, die diesem gemeinsamen Glauben unmittelbar entspringen. Wenn die Einheit in den Dingen gewährleistet ist, die nötig sind, um das Wesentliche zu pflegen, dann kann das Übrige den Bischöfen mittels der Bischofskonferenzen eines jeden Landes oder einer jeden Region überlassen werden, ohne dass über die Approbation durch diese Bischöfe hinaus eine weitere Bestätigung nötig wäre.

Das Konzil schuf für die Episkopate der verschiedenen Länder die Gelegenheit zu einem Kontakt, den sie niemals zuvor in der Moderne hatten. Durch das Konzil machten die Bischöfe die Erfahrung, dass sie nicht nur Oberhäupter einer Ortskirche oder Partikularkirche sind, sondern gemeinsam Verantwortung für die Weltkirche tragen. Sie lernten auf diese Weise, dass sie, wie es Dom Hélder Câmara prägnant zum Ausdruck brachte, „katholische” Bischöfe sind.

Nach dem Konzil verbreitete sich zum Beispiel immer mehr die Sitte, Bischöfe aus der sogenannten Dritten Welt einzuladen, damit diese zu den Kirchen der entwickelteren Regionen über Probleme der armen Länder sprechen könnten. Man hörte ihnen sehr aufmerksam zu. Dom Hélder Câmara war in dieser Hinsicht wiederum ein gutes Beispiel. Doch es dauerte nicht lange, und diese Bischöfe wurden an die Kurie zitiert und ermahnt, sie würden ihr Diözesangebiet auf diese Weise erweitern, und sie mögen aufhören, eine Aufgabe zu übernehmen, die dem Papst vorbehalten sei. Etwas Vergleichbares passierte mit einem Projekt der brasilianischen Bischofskonferenz, das Fallstudien über Unterdrückung in unterentwickelten Ländern durchführte – ein Projekt, an dem ich selbst auch in meiner Funktion für die Bischofskonferenz beteiligt war. Im Gegensatz zu dem, was das Konzil über die kollegiale Aufgabe der Bischöfe in Gemeinschaft mit dem Papst im Hinblick auf die Evangelisierung der Welt sagte, lautete nun die Order aus Rom: Jeder Bischof und jede Bischofskonferenz mögen sich auf ihre Diözese bzw. auf ihr Land beschränken.

Angesichts neuer pastoraler Herausforderungen, die neue strukturelle Antworten nötig machten, haben Bischöfe von großem pastoralen Format kein Gehör bei den entsprechenden Gremien der Kurie gefunden. Da gab es etwa unseren eigenen Fall, den der Erzdiözese São Paulo: Nach umfassenden Forschungen zur Kirche in dieser riesigen Metropole erarbeitete man ein Projekt, das versuchte, die Präsenz und den Dienst des Bischofs, der Priester, des Pastoralrates und der anderen Gremien in jeder Region des großen Stadtgebietes sicherzustellen, ohne die Stadt in völlig voneinander unabhängige Diözesen aufzuspalten. Man wollte auf diese Weise die Gefahr der Fragmentierung vermeiden, da man ja dem organischen Gefüge der Stadt entsprechen wollte; man wollte aber auch nicht einfach auf die traditionelle Form der Ernennung mehrerer Weihbischöfe zurückgreifen. Es handelte sich um einen neuen Vorschlag: Miteinander eng verflochtene Diözesen sollten das Konzept einer territorial verstandenen Diözese mit einem monarchisch amtierenden Bischof im Zentrum überwinden, und stattdessen sollte einem konziliaren Konzept von Diözese als einem Teil des Volkes Gottes, das kollegial geleitet wird, der Vorzug gegeben werden. Das Projekt wurde nicht nur nicht diskutiert, man würdigte es nicht einmal so weit, dass man den Empfang seiner Einreichung bestätigt hätte. Stattdessen teilte man die Stadt einfach in Diözesen ein, als ob es sich um nebeneinander liegende Territorien handelte. Das führte zu extremen, unangemessenen Situationen. So befand sich nun das Marienheiligtum, das der Patronin der Stadt und Erzdiözese geweiht ist, an einer Diözese am Stadtrand, außerhalb des eng begrenzten Territoriums der Erzdiözese, und auch der Amtssitz der Erzdiözese war nun in einer anderen Diözese.

IV. Mittendrin die apostolischen Nuntiaturen

In der Praxis ist der direkte Kontakt zwischen Bischöfen, Bischofskonferenzen und dem Papst nach wie vor sehr schwierig und zuweilen unmöglich. Zwischen ihnen befinden sich die Römische Kurie und vor allem die apostolischen Nuntiaturen. Als diplomatische Vertretungen des Vatikans gegenüber den Regierungen von Ländern, mit denen der Vatikan diplomatische Beziehungen unterhält, können die apostolischen Nuntiaturen die Aufgabe der Kirche erleichtern. Entsprechend erklärte der neue Staatssekretär, Pietro Parolin, vor seinem Amtsantritt: Die diplomatische Sendung der Kirche ist es, sich der Förderung des Friedens und der Menschenrechte in der Welt zu widmen.

Doch zeigt uns die Geschichte, wie ambivalent die Konkordate unter anderen Umständen sein können. Einige schaffen für alle Beteiligten Erleichterungen, bei anderen ist das genaue Gegenteil der Fall: Sie schaffen Begünstigungen oder Zwänge und erzeugen Ressentiments. Ein konkretes aktuelles Beispiel ist das Abkommen mit der brasilianischen Regierung. Einerseits änderte es in keinerlei Hinsicht die Situation, wie sie schon seit mehr als hundert Jahren, seit der Ausrufung einer laizistischen Republik, besteht. Der Staat hat seit diesem Zeitpunkt keine Verpflichtung zugunsten der Kirche übernommen, und umgekehrt verpflichtet sich die Kirche zu nichts dem Staat gegenüber. Andererseits steht das Abkommen aus juridischer Sicht unter dem Verdacht, in einigen Punkten, die Privilegien festlegen und eine Anomalie hinsichtlich des Laizismus darstellen, nicht verfassungskonform zu sein. Darüber hinaus sorgte es für Verstimmung innerhalb der ökumenischen Beziehungen. Und die Bischofskonferenz, die nicht in genügendem Maße angehört wurde und auch den Text vor seiner letzten Approbation nicht ausreichend diskutierte, sieht sich dazu verpflichtet, etwas zu verteidigen, was möglicherweise nicht zu rechtfertigen ist. Wenn das, was in diesem Abkommen festgelegt wurde, auch für jede andere Kirche oder Religionsgemeinschaft gilt, warum bedarf es dann überhaupt eines eigenen Abkommens? Was einem Nuntius zur Ehre gereichte, stellte für die Bischöfe eine pastorale Belastung dar.

Wenn der Nuntius bei Erfüllung seiner Repräsentationspflichten von den Medien bei politischen Feiern und Banketts zusammen mit Politikern von zweifelhafter Moral gesehen wird, dann bringt das die Bischöfe der betreffenden Ortskirchen nur umso mehr in Verlegenheit. Doch in der Praxis kümmert sich die Nuntiatur wenig um die Vertretung des Vatikanstaates und des Papstes als dessen Staatsoberhaupt. Sie kümmert sich in Wirklichkeit um die Belange der Kirche und übt damit letztlich eine große Macht über die Ortskirchen aus. Das ist bei den Ernennungen, Versetzungen und „Beförderungen” der Bischöfe und auch hinsichtlich aller „nach Rom” weitergegebenen Informationen der Fall, ohne dass der Ortsbischof oder die Bischofskonferenz über deren Vorsitzenden irgendeinen Einfluss auf diese Prozesse hätte. Die daraus resultierenden eventuellen Irrtümer aufgrund mangelnden Dialogs werden von der Ortskirche und deren Bischöfen ausgebadet.

Mag sein, dass in Ländern mit einer älteren christlichen Tradition und einer größeren Stabilität der Kirche die Rolle der Nuntiaturen nicht so entscheidend ist. In den jüngeren Ländern wie denen Lateinamerikas aber ist ihr Einfluss sehr groß, und gewiss noch größer in Afrika und Asien. Der Unterschied in der Behandlung entspricht der unterschiedlichen Betrachtungsweise der verschiedenen Teile der Welt und ihrer jeweiligen Kirchen. Von daher wird verständlich, dass in unserer Region vor nicht allzu langer Zeit ein Nuntius in aller Gelassenheit, ohne dass dies einen größeren Skandal ausgelöst hätte, sagen konnte: „Europa ist der Kontinent; der Rest der Welt sind Inseln, große zwar, [...] aber einfach Inseln.” Hinter dieser Behauptung, die man als Scherz auffassen könnte, verbirgt sich in Wahrheit ein schwerwiegendes Problem in den diplomatischen und vor allem in den innerkirchlichen Beziehungen: Es zeigt das Niveau an Kenntnis oder vielmehr Unkenntnis, das die diplomatischen Vertreter von den entsprechenden Ländern und Ortskirchen haben.

Ein aktuelles Beispiel für schlechte Diplomatie, die eine schwere Wunde hinterließ und zu einem fast landesweiten Aufruhr in einem lateinamerikanischen Land führte, stammt aus der Diözese Sucumbíos in Ecuador. Welche ekklesiologischen oder politischen Prinzipien führten zu dieser desaströsen Situation der Absetzung des aus dem Karmelitenorden stammenden Bischofs, welcher durch die „Herolde des Evangeliums” ersetzt wurde? Diese kamen buchstäblich in Militärstiefeln in die Diözese von einfachen Leuten, die sich dennoch dessen bewusst sind, dass sie Volk Gottes sind.

Das Erzählen von faktischen Ereignissen trägt dazu bei, dass die Reflexion nicht abstrakt und idealistisch wird. Befremdlich und die Bischöfe und Ortskirchen entmündigend ist etwa die Tatsache, dass es die Bischöfe in Regionen wie Lateinamerika, in denen die Kirchen zum großen Teil sehr jung sind, vermeiden, eine Haltung einzunehmen, die das Missfallen der Nuntiatur erregen könnte, weil sie fürchten, damit dem Papst gegenüber ungehorsam zu sein. Vielleicht geschieht dies aus Schüchternheit oder aus Angst, „gezeichnet” zu sein, wer weiß, vielleicht sogar, um sich die „Karriereaussichten” nicht zu verderben, wie es hier ein Sekretär der Nuntiatur ganz offen empfahl. Dies führt dazu, dass Bischöfe oftmals den Nuntius als den „Stellvertreter des Papstes” einladen, den wichtigsten Gottesdiensten der Diözese vorzustehen – genau bei jenen Gelegenheiten also, bei denen im Sinne einer soliden Ekklesiologie der Diözesanbischof an der Spitze seiner Ortskirche stehen sollte.

Während der langen Zeit, in der ich in Leitungsgremien der Bischofskonferenz arbeitete und entsprechende Erfahrungen sammeln konnte, erlebte ich, wie ein Nuntius mit den versammelten Bischöfen so umging, als wäre er als Nuntius im Land für die liturgischen Direktiven und Gewänder verantwortlich. Und gleichzeitig – das ist wirklich eine schwerwiegende Sache – versuchte er dagegen ein Veto einzulegen, dass ein Bischof vor anderen Mitbischöfen über den Kampf gegen den Hunger sprach. Bei einer anderen Gelegenheit versuchte er, einem Bischof zu verbieten, eine Einladung anzunehmen, bei einem landesweiten Priestertreffen zu sprechen. Bei diesen und anderen Gelegenheiten ging es immer darum, über prophetische Personen einer realitätsoffenen Kirche Verbote zu verhängen, die gegen das Unrecht an den Armen kämpften.

Ich schließe meinen Tatsachenbericht mit einer Sache, die für mich den größten Willkürakt darstellt: Der heute bereits verstorbene Altbischof Clemente Isnard, ein Mann, der sich um die konziliare Erneuerung sehr verdient gemacht hat und über die Weisheit des Herzens verfügte, schrieb ein kleines Buch über das, was seiner Meinung nach hinsichtlich der Strukturen der Kirche neu durchdacht werden müsste. Es waren Fragen, die heute alle beschäftigen. Er war Vizepräsident der Brasilianischen Bischofskonferenz, Vizepräsident des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM), Verantwortlicher für die Umsetzung der Liturgiereform des Konzils und ein ständiger Ansprechpartner in diesem Bereich. Er war von den Vorsitzenden der Bischofskonferenz in einer besonders heiklen Angelegenheit offiziell zum Heiligen Vater abgesandt worden. Als der Nuntius von der Schrift Kenntnis bekam, telefonierte er mit allen katholischen Verlagen des Landes und verbot eine Veröffentlichung, aus Angst, sie könne der Kirche schaden. Dom Clemente konnte seine Schrift lediglich in einem kleinen, nichtkirchlichen Verlag veröffentlichen. Er leistete darin eine hervorragende Reflexion, die der Kirche in keiner Weise geschadet hätte. Doch das wirft für uns einige Fragen auf: Stellt dies unter den Kirchen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens eine Ausnahme dar? Was veranlasst die Nuntiatur zu einer solchen Entmündigung? Die Angst, die eigene Karriere aufs Spiel zu setzen? Ist dies nicht das Ergebnis einer Bürokratie, die sich, wie wir zu Beginn vermutet haben, in Verquickungen verliert und darin korrumpiert wird?

Zum Schluss

Wenn bereits die Tatsache, dass es überhaupt Nuntiaturen gibt, nur verständlich ist, wenn man sich Kirche als einen monarchisch regierten souveränen Staat vorstellt, so ist dies eindeutig nicht das Kirchenverständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils. Wie kann man die apostolischen Nuntiaturen so integrieren, dass sie keine Anomalien innerhalb der konziliaren Ekklesiologie und der kollegialen Leitung der Kirche durch die Bischöfe in Gemeinschaft mit dem Papst darstellen? Es ist wahr, dass die Diplomatie es der Kirche ermöglicht, innerhalb der Gemeinschaft der Nationen, in den internationalen Organisationen, präsent zu sein und auf dieser Ebene für die Werte des Evangeliums wie die Würde der menschlichen Person und des Lebens, die Freiheit, den Frieden, den Sieg gegen den Hunger, die Hilfe für die ärmsten Länder usw. einzutreten. Die Nuntiaturen können den Bischofskonferenzen, den einzelnen Bischöfen und den Ortskirchen in Schwierigkeiten beistehen, doch sie dürfen sich nicht über die Bischöfe, die Ortskirchen und die Bischofskonferenzen der Länder erheben, in denen sie sich aufhalten. Dies würde bedeuten, die prophetische Dimension der Kirche und die diplomatische Seite ihrer historischen Existenz aufeinanderprallen zu lassen, wie es ja bereits in der Moderne zum Schaden der prophetischen Dimension der Fall war. Natürlich ist eine Reform des Regierungssystems der Kirche und der verantwortlichen Organe keine einfache und leichte Aufgabe. Man muss sich nur in Erinnerung rufen, wie wenig sich fünfzig Jahre nach dem Konzil in dieser Hinsicht getan hat. Die Schwierigkeit rührt auch von der Tatsache her, dass man keine Veränderung hinsichtlich eines der betreffenden Aspekte einführen kann, ohne dass sie die anderen beeinträchtigen würde. Um die Aufgabe des Bischofskollegiums in Bezug auf die Kirche in der Welt zu realisieren, ist es daher notwendig, die Römische Kurie neu zuzuschneiden und die Feineinstellung der Diplomatie zu verbessern. Gleichzeitig ist es nötig, den Papst mit einem Gremium von Bischöfen auszustatten, das echte Verantwortung trägt. Und dies muss über eine Synode hinausgehen, die sich im Abstand von einigen Jahren zur theoretischen Erörterung von bestimmten Themen trifft. Es ist gleichermaßen notwendig, die Bischofskonferenzen mit der Festlegung all dessen zu betrauen, was nicht zur Einheit des Glaubens gehört und was den Reichtum der gelebten Gemeinschaft in der Vielheit der Kirchen ausmachen muss.

Hinsichtlich all dieser Aspekte ist es schließlich möglich, Räume für die echte Teilhabe der Laien, Männer wie Frauen, zu schaffen und dadurch die Engstirnigkeiten des Klerikalismus zu überwinden sowie die Entscheidungen durch die differenzierte Erfahrung unterschiedlicher Berufungen zu bereichern. Warum hat ein Bischof, dessen Priesterweihe auf den Dienst in einer Diözese hingeordnet ist, das Amt eines Abgesandten oder Präfekten eines Dikasteriums inne? Warum kann die Religiosenkongregation nicht unter der Leitung einer Ordensfrau stehen, die bereits Erfahrung mit einem Leitungsamt innerhalb ihrer Kongregation gemacht hat, zumal drei Viertel der Ordensleute Frauen sind? Warum kann der Vorsitz der Räte nicht von Personen wahrgenommen werden, die nicht dem Priesterstand angehören? Warum kann das Amt des Nuntius nicht, wie es die Effizienz in der modernen Gesellschaft nahelegt, besser von einem Laien, einer Frau, also einfachen getauften Katholiken ausgeübt werden, die fähig sind, die Kirche im Bereich der Politik und Verwaltung zu repräsentieren, zumal etliche Dokumente des Lehramtes darauf hinweisen, dass die Politik das spezifische Betätigungsfeld der Laien (Männer und Frauen gleichermaßen) ist? Was hindert denn die Akademie für die Ausbildung zum diplomatischen Dienst daran, katholische Laien beiderlei Geschlechts auf diesen Dienst vorzubereiten?

Aus dem Portugiesischen übersetzt von Dr. Bruno Kern M.A.

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