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Leseprobe 1
Jon Sobrino
Die ursprüngliche Heiligkeit
In Grenzsituationen

In der grundlegenden Entscheidung Einzelner oder ganzer Gruppen, zu leben und Leben zu schenken, wie sie sich bei historischen Gräueltaten und Naturkatastrophen manifestiert, zeigt sich bzw. kann sich so etwas wie eine ursprüngliche Heiligkeit zeigen.

Afrika

Im Jahr 1994 sah man im Fernsehen Karawanen tausender Frauen, die vor dem Völkermord in Ruanda in Richtung Kongo flüchteten. An der Hand führten sie Kinder, und ihren Hausrat – oder vielmehr das, was davon übrig war – trugen sie in Körben auf ihren Köpfen. Sie marschierten gemeinsam, miteinander, als ob sie einander tragen würden. In ihren Gesichtern konnte man den unendlichen Abstand zu dem erkennen, was unser Leben ausmacht – eine Andersheit, die völlig verstummen ließ und für die es meines Erachtens keine angemessenen Worte gibt. Dennoch stiegen in meinem Inneren, ohne dass ich darüber nachdachte, die Worte auf, die die Überschrift dieses Beitrags bilden: die ursprüngliche Heiligkeit. Was sich hier zeigte, war Letztgültigkeit, Vortrefflichkeit und die Fähigkeit zu retten.

Der Ort: Mit größter Hochachtung sei es gesagt: Afrika gehört in unserer Zeit zu den Orten, an denen diese ursprüngliche Heiligkeit mit aller Kraft hervorbricht. Sie taucht im Fernsehen und in den Berichten derer auf, die dort gelebt haben. In Mosambik konnte man vor einigen Jahren anlässlich der Überschwemmungen Menschen in völliger Verzweiflung sehen, die in einer unerschütterlichen Hoffnung ihre Hände zu den Hubschraubern emporreckten, die sie retten konnten. In Biafra, Äthiopien und Somalia sieht man immer wieder Mütter mit vom Hunger ausgezehrten Kindern und eine Vielzahl von Menschen, die zum Tod durch Aids verdammt sind. Aus Gefängnissen und Flüchtlingslagern erreichen uns Berichte über unglaubliches Elend und Grausamkeit. Und es ist ebenso eindrucksvoll, dass diese Menschen um das Leben kämpfen.

In all dem zeigt sich das Rätsel der Bosheit. Diesen Ausdruck ziehen wir dem traditionellen Begriff des mysterium iniquitatis vor. Und zugleich zeigen sich inmitten von großem Leid die Sehnsucht und der Wille zu leben und mit anderen zusammenzuleben, es werden die Anstrengungen sichtbar, dies mit großem Einfallsreichtum, mit Widerstandskraft und grenzenloser Stärke zu erreichen und dabei ungeheure Schwierigkeiten zu überwinden. Darin scheinen die Würde der Opfer und die unter ihnen praktizierte Solidarität auf. Wir haben dies ursprüngliche Heiligkeit genannt. Es ist das mysterium salutis.

Subjektiv ruft diese Realität Schrecken hervor und lässt uns erschaudern. Doch sie kann Verzauberung und Faszination bewirken. Sie erinnert an die Worte Rudolf Ottos: Das Heilige ist fascinans et tremendum.

Diese ursprüngliche Heiligkeit zeigt sich hauptsächlich in Grenzsituationen von Menschen, die arm und Opfer sind. Für Menschen, die weder arm noch Opfer sind, ist es nicht leicht – und ich meine sogar unmöglich –, diese Heiligkeit völlig zu verstehen; dennoch hoffe ich, dazu etwas Verständiges sagen zu können.

Und sie gibt sich uns als Gabe zu erkennen. Es geht nicht darum, eine ursprüngliche Heiligkeit zu entdecken, um aus der Not eine Tugend zu machen und damit der Vernunft etwas Ruhe zu verschaffen. Wir behaupten diese ursprüngliche Heiligkeit, weil sie sich ereignet, weil sie uns gegeben wurde. Denen, die einen klaren Blick haben, drängt sie sich auf. Die Erfahrung hat also auch die Dimension von Gnade: Die Wirklichkeit lässt sich sehen.

Schließlich bringt die ursprüngliche Heiligkeit Rettung. Es mag bloß eine ungeschützte Behauptung sein, aber ich meine, dass jede Heiligkeit rettet. Ob und auf welche Weise die ursprüngliche Heiligkeit die Opfer rettet, das wissen nur diese selbst. Doch uns Außenstehenden bringt sie Rettung. Sie kann uns auf das Ursprünglichste in uns selbst verweisen. Und sie kann uns auf Gott verweisen. So bezeugt es eine Ordensschwester, die viele Jahre in Afrika verbracht hat – und ihr Zeugnis ist nur eines von vielen:

„Es ist nicht schwer, zu lobpreisen und zu singen, wenn für alles gesorgt ist. Das Wunder besteht darin, dass diejenigen, die ihr Leben nach Katastrophen und Erdbeben neu aufbauen, und die Gefangenen von Kigali, die heute Besuch von ihren Angehörigen bekommen werden, welche ihnen unter Tausenderlei Mühen etwas zu essen bringen können, Gott preisen und ihm Dank sagen. Wie könnten diese Menschen nicht die Bevorzugten sein, von denen wir Dankbarkeit zu lernen haben! Heute habe ich einen Brief von ihnen bekommen. Vielleicht ist ihnen gar nicht bewusst, wie viel wir von ihnen empfangen und wie sehr sie uns retten.“

El Salvador

Wir haben mit dem fernen Afrika begonnen, denn für uns, die wir das Leben als selbstverständlich betrachten und in gewissem Grad in Wohlstand leben, ist Afrika wie der Prototyp von Alterität – Alterität, die in gewisser Weise immer eine Dimension der Heiligkeit darstellt. Doch Situationen wie die in Biafra, die wir beschrieben haben, gibt es – nicht immer in dieser extremen Form – in anderen Teilen der Welt und zu anderen Zeiten.

In El Salvador war dies während der Jahre von Unterdrückung und Krieg 1975 bis 1992 der Fall. Es gibt viele Geschichten vom tremendum et fascinans: Bauern flohen des Nachts, Frauen hielten ihren kleinen Kindern auf dem Arm den Mund zu, damit man das Weinen nicht hören konnte; ein Kind erstickte dabei. Mit vereinten Kräften rafften sie sich auf weiterzugehen. Bis heute versetzt dies in Erstaunen. Und es konfrontiert uns mit dem Heiligen.

Das tremendum et fascinans zeigte sich auch beim Erdbeben im Januar 2001, dem ein weiteres im Februar desselben Jahres folgte, in der Umgebung der Stadt Santa Tecla, wo ich wohne. Der Tod durch einstürzende Bauten, die Zerstörung der Häuser und die Tatsache, im Freien leben zu müssen, verursachte Schrecken und ließ erschaudern. Und die offensichtliche Ungerechtigkeit rief Empörung hervor: Das Erdbeben betraf sehr viel stärker die seit jeher Armen als diejenigen, die mit anständigem Material bauen können. Wie in der gesamten Dritten Welt verschwendet man auch in El Salvador keinen Gedanken auf das Leben der armen Bevölkerungsmehrheiten.

Und wiederum zeigte sich die ursprüngliche Heiligkeit. Frauen, die mit der Sorge um das Leben eng verbunden sind, kochten mithilfe dessen, was sie retten konnten, und teilten miteinander. Männer, die es mehr mit dem zu tun haben, was das Leben einem an physischer Kraft abverlangt, bewegten riesige Trümmerhaufen und verstanden es, Leichen und verschüttete Personen zu bergen. Die Tragik und der Glanz des Menschlichen zeigten sich hier.

Ich habe danach einige Gedanken dazu veröffentlicht, die einem in normalen Zeiten als oberflächlich und an Orten, wo Überfluss herrscht, wo das Leben für selbstverständlich genommen wird und gegen die Auswirkungen der Katastrophe relativ schnell Abhilfe geschaffen werden kann, als unpassend vorkommen mögen. Mir erscheinen sie notwendig, und ich hoffe, dass sie erhellend sein können. Und ich möchte diesen einleitenden Abschnitt nicht beschließen ohne den Hinweis, dass sich in Grenzsituationen – in den beschriebenen oder in anderen – die ursprüngliche Heiligkeit von sich aus zeigen und eine ungeahnte Strahlkraft erreichen kann. Maximilian Kolbe, der in einem Konzentrationslager war, ist ein leuchtendes Beispiel dafür.

Die ursprüngliche Heiligkeit im alltäglichen Leben

Wir haben die ursprüngliche Heiligkeit beschrieben, wie sie in Grenzsituationen zutage tritt, doch sie zeigt sich auch – hoffentlich – im Alltagsleben der armen und einfachen Leute. Für viele Menschen ist dies ihre gewohnte Lebensweise. Und sie zeigt sich in unterschiedlichen Graden innerhalb eines sehr breiten Spektrums.

Uns scheint es wichtig, an sie zu erinnern. Etwa 925 Millionen Menschen leiden Hunger, und in den armen Ländern sterben pro Jahr etwa elf Millionen Kinder unter fünf Jahren. Es gibt verwüstete Regionen wie den Kongo und unbeachtete Weltgegenden wie Haiti. In den letzten fünf Jahren wurde in Mittelamerika eine Welle von Morden ausgelöst, die sich zu einer wahren Epidemie und zu jener Krankheit entwickelt hat, die die größte Zahl von Menschen tötet.

Diese riesigen Bevölkerungsmehrheiten sind die anawim der Bibel. Sie leben gekrümmt unter einer schweren Last und nehmen das Leben nicht als selbstverständlich hin. Und die Unterdrückten, Ausgegrenzten, Missachteten sind die Zöllner und Huren der Bibel. Sie leben auf der unteren Stufe und am Rand der Gesellschaft.

Dennoch glaube ich, dass sich die Theologie nur selten gefragt hat, welche vorzügliche Bedeutung dem Leben dieser Mehrheiten zukommt. In Lateinamerika haben dies jedoch Ignacio Ellacuría, Pedro Trigo und die in Puebla versammelten Bischöfe getan. Sehen wir zu:

In El Salvador nannte Ignacio Ellacuría die Bevölkerungsmehrheiten „das gekreuzigte Volk”. Historisch sind sie „jene kollektive Größe [...], welche die Mehrheit der Menschheit darstellt und ihre Kreuzigungssituation einer sozialen Ordnung verdankt, die von einer Minderheit gefördert und aufrechterhalten wird. Diese Minderheit übt ihre Herrschaft durch ein Ensemble von Faktoren aus, die als solches Ensemble und in ihrer historischen Wirksamkeit als Sünde betrachtet werden müssen”. Das Zitat spielt auf Jesus von Nazaret an, womit dem gekreuzigten Volk eine hervorgehobene Stellung im Christentum zugesprochen wird. Und sub specie contrarii bringt das Zitat von der Sünde her, die den Tod bringt, die Letztgültigkeit zum Ausdruck, die mit diesen Bevölkerungsmehrheiten verbunden ist.

In einem anderen Text stellt Ellacuría in Anspielung auf das Zweite Vatikanische Konzil die theologische These auf, dass „das gekreuzigte Volk stets das Zeichen der Zeit ist”. Es charakterisiert unsere Welt (vgl. Gaudium et spes, 4) und ist der Ort der Gegenwart Gottes (vgl. Gaudium et spes, 11). „Es ist die Fortsetzung des leidenden Knechts JHWHs in der Geschichte, dem die Sünde jegliches menschliche Aussehen geraubt hat, den die Mächtigen dieser Welt immer noch von allem entblößen, dem sie selbst das Leben entreißen, ja vor allem das Leben.” Und wie der leidende Knecht JHWHs bringt auch das gekreuzigte Volk Heil.

Ellacuría bestand auf der Negativität der Sünde, die den Tod bringt. Dennoch ist die größte Neuigkeit, die er aussprach, die, dass das gekreuzigte Volk Heil bringt. Diese Behauptung ist so skandalös, dass gilt: „Nur in einem schwierigen Glaubensakt vermag der Autor des Gottesknechtsliedes zu entdecken, was dem historischen Anschein total widerspricht.” Auf diese Weise anerkannte Ellacuría die herausragende Stellung des Lebens und Schicksals der Bevölkerungsmehrheiten.

Pedro Trigo lebte lange Jahre in Venezuela in einer Situation, die für die Bevölkerungsmehrheiten sehr schwierig war, wenn sie auch nicht von der oben beschriebenen unheilvollen Gewalt gekennzeichnet war. Er lebte dort mit armen und einfachen Leuten zusammen. Er schreibt: „Über die kleinste Schwelle der Menschlichkeit setzt der Gott Jesu Christi seinen österlichen Schritt in unser Amerika.” Es ist ein wunderbarer Text, um die ursprüngliche Heiligkeit in einem alltäglichen und harten Leben zu verstehen. Wir fassen ihn hier kurz und kommentarlos zusammen.

Schwierigkeit, Tode, Prozesse der Entmenschlichung: „Alles mündet in den Tod vor der Zeit und in die Entmenschlichung, inmitten von Toden schreien sie zum Himmel, Tod aufgrund von Krankheiten der Armen, von Elend oder Gewalt, inmitten so vieler, die diesem so starken und anhaltenden Druck nicht standhalten können, bis sie bald darauf zu Tieren werden, die ihren elementarsten Regungen ausgeliefert sind, oder zu wilden Bestien, die bereit sind, das, was sie wollen, gewaltsam in ihren Besitz zu bringen, bis man es ihnen überlässt.”

Widerstand und Vermenschlichung: „In derselben Umgebung gibt es viele Menschen, die sich weder damit abfinden zu sterben noch ohne Würde zu leben, und da sie sich in dieser tödlichen Atmosphäre, inmitten dieser institutionalisierten Gewalt bei diesem so schweren und so unermesslichen Vorhaben anstrengen müssen, gelangen sie dazu, menschliche Subjekte in vollem Sinne und außerordentlich kultivierte Menschen zu werden.”

Die ursprüngliche Heiligkeit wird im Lauf des Lebens zur zweiten Natur: „Sie sind im Vollsinn Mensch aufgrund dessen, dass sie das Menschliche unter widrigen Bedingungen kultivieren, dass sie angesichts der Neigung der Umgebung zum Unmenschlichen das Menschliche wählen. Sie leben es nicht in heroischer Pose, sondern als die sehr schmerzvolle, gefährdete Verwirklichung der Schwelle des Mindestmaßes an Menschlichkeit, als den Entschluss, dieses Minimum nicht preiszugeben, das zu tun, von dem man spürt, dass man es nicht unterlassen kann; als das Engagement, die Alltäglichkeit nicht preiszugeben, auch wenn man in größter Hast lebt, dem treu zu sein, was das Leben uns abverlangt, es mit der ganzen zärtlichen Hingabe zu leben und es möglichst auszukosten, sich über kleine Dinge zu freuen wie die Kinder, in Beharrlichkeit die außerordentlichen Mühen auf sich zu nehmen und den Tod feierlich zu gestalten.”

In Puebla haben die Bischöfe im Jahr 1979 unerhörte und wichtige Dinge über die Bevölkerungsmehrheiten des Kontinents gesagt. Wir rufen sie in Erinnerung, denn leider haben sie an Einfluss verloren. Und weil ihnen, was das Thema dieses Beitrags betrifft, eine Vorreiterrolle darin zukommt, die herausragende Bedeutung des Lebens der Armen zu verkünden.

Das Schlussdokument von Puebla beginnt mit einem klarsichtigen und strengen Urteil: „Wir halten daher fest, dass die unmenschliche Armut, unter der Millionen von Lateinamerikanern leiden, eine verheerende und erniedrigende Geißel ist. Sie kommt zum Ausdruck in der Kindersterblichkeit, dem Wohnungsmangel, den Gesundheitsproblemen, den Hungerlöhnen, der Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, der Unterernährung, der Instabilität der Arbeitsplätze, der Massenauswanderung, die unter Druck und ohne gesetzlichen Schutz vonstatten geht, u.a.” (Puebla, 29) Und das Dokument beschreibt die Gesichter der Armut: Die Gesichter der Kinder, die schon vor der Geburt mit Armut geschlagen sind, der jungen Menschen ohne Möglichkeiten, der Indios und Afroamerikaner, der Arbeiter, der Unterbeschäftigten, der Ausgegrenzten, derer, die in den Städten auf viel zu engem Raum leben, der Alten ... (Puebla, 32–39) Dies sind die Subjekte der ursprünglichen Heiligkeit.

Puebla legt Mitgefühl mit den Armen an den Tag und fordert die Christen dazu auf, ein solches Mitgefühl in die Tat umzusetzen. Dies ist die Option für die Armen. Doch dann richtet das Dokument den Blick auf die Vortrefflichkeit des Lebens dieser Armen, die in zwei Gestalten erscheint:

Erstens sind die Armen bedingungslos von Gott geliebt, „ungeachtet ihrer moralischen und persönlichen Situation”. Und das Dokument erläutert dies: „Geschaffen nach dem Bilde Gottes und ihm ähnlich, [...] ist dieses Ebenbild doch verdunkelt und wird verhöhnt. Daher übernimmt Gott ihren Schutz, und er liebt sie [...]” (Puebla, 1142)

Zweitens verfügen die Armen über ein „evangelisatorisches Potenzial”, und „viele von ihnen [verwirklichen] in ihrem Leben die Werte des Evangeliums, die in der Solidarität, im Dienst, in der Einfachheit und in der Aufnahmebereitschaft für das Geschenk Gottes bestehen” (Puebla, 1147).

Aufgrund dessen, was sie sind (von Gott geliebt), aufgrund dessen, was sie haben (die Werte des Evangeliums) und aufgrund dessen, was sie tun (das Evangelium verkünden), zeigt sich bzw. kann sich eine ursprüngliche Heiligkeit in bemerkenswertem Ausmaß zeigen.

Ursprüngliche Heiligkeit und offizielle Heiligsprechungen

In Lateinamerika haben Theologen und Bischöfe die Verteidigung der Armen übernommen, und darüber hinaus haben sie die Erhabenheit in deren Leben entdeckt. In anderen Gegenden kommt es nur wenigen in den Sinn, dass das Leben der Bevölkerungsmehrheiten von Heiligkeit geprägt sein könnte. Und noch weniger, dass von ihnen Heil ausgehen könne.

Wurzeln für diese Blindheit in Kirche und Theologie kann man in traditionellen, mit Sicherheit bürgerlichen Einstellungen den Bevölkerungsmehrheiten gegenüber finden. Doch diese Blindheit ist auch dem herkömmlichen Begriff von „Heiligkeit” in Theologie und Kirche geschuldet. Ich glaube, normalerweise wird Heiligkeit in Verbindung mit der „Vollkommenheit” des himmlischen Vaters gebracht.

Die ursprüngliche Heiligkeit hingegen schließt diesen Begriff zwar nicht aus, aber sie liegt mehr auf der Linie, einem Gott des Lebens, der Armen, der Opfer, der Gekreuzigten zu antworten und ihm zu entsprechen. Wenn man so will, einem Gott der Schöpfung zu entsprechen, aber einer Schöpfung in medias res, das heißt einer Schöpfung, die sich inmitten von Gräueln und Katastrophen vollzieht, ohne sich mit ihnen gemein zu machen. In dieser Schöpfung zu leben, leben zu wollen und zu kämpfen, um zu leben – nicht nur darin, was an ihr formal prozesshaften und evolutiven Charakter hat, sondern auch darin, was an ihr material zerstörerischer Natur ist – kann eine Weise sein, die ursprüngliche Heiligkeit zu erfassen.

Diese Sichtweise von Heiligkeit macht es leichter, Formen der Heiligkeit bei den Bevölkerungsmehrheiten zu entdecken. Bewusst oder unbewusst, zustimmend oder ablehnend, sehen wir das analogatum princeps der Heiligkeit immer noch in dem, was in den Heiligsprechungsprozessen als heilig anerkannt wird.

Es ist gut, die herausragende Bedeutung von Christen wie Franziskus von Assisi und Charles de Foucauld und von Christinnen wie Jeanne d‘Arc und Teresa von Ávila offiziell anzuerkennen. Doch es kommt darauf an, sich bewusst zu sein, dass diese Anerkennung andere Weisen eines vortrefflichen Lebens nicht beachtet.

Im Vergleich zur herkömmlichen Heiligkeit fragt man in Bezug auf die ursprüngliche Heiligkeit noch nicht, was darin Freiheit oder Notwendigkeit, Tugend oder Pflicht, Gnade oder Verdienst ist. Sie hat es nicht nötig, eine Heiligkeit zu sein, die mit heroischen Tugenden einhergeht, sondern sie ist vielmehr die Heiligkeit, die in einem alltäglich heroischen Leben zum Ausdruck kommt. Wir wissen nicht, ob die Armen und die Opfer heilige Fürsprecher sind, um Gott umzustimmen – was weder möglich noch nötig ist –, doch sie haben die Kraft, das Herz zu verwandeln. Sie tun keine Wunder im Sinne einer Durchbrechung der Naturgesetze (für die Heiligsprechung von Bekennern sind hiervon zwei erforderlich, für die von Märtyrern nur eines), mittels derer die offiziellen Heiligen auf einen Gott als unendlich über dem Menschlichen stehende Macht verweisen. Doch sie tun sehr wohl Wunder, die die Gesetze der Geschichte durchbrechen: das Wunder, in einer feindlichen Welt zu überleben. Damit verweisen sie auf einen Gott, dessen Geist in der Lage ist, die Sehnsucht nach dem Leben wachzuhalten, und auch auf einen Gott ohne Macht, der dem Willen des Menschen ausgeliefert ist, wie die Theologen sagen würden.

Die ursprüngliche Heiligkeit folgt einer anderen Logik als die herkömmliche Heiligkeit. Und sie zieht auch andere Konsequenzen nach sich. Arme und Opfer verlangen keine Nachahmung, zu der die nach offizieller Lehre Heiligen ermuntern können. Und den im ursprünglichen Sinn Heiligen gelingt es selten, dass ihnen tatsächlich jemand nacheifert. Die Nachahmung wird vielmehr von fast allen verschmäht. Doch wo es Güte des Herzens gibt, da rufen sie sehr wohl ein Gefühl der Verehrung und den Wunsch hervor, in Gemeinschaft mit ihnen zu leben.

Wenn man die ursprüngliche Heiligkeit nicht ernst nimmt, dann bringen die offiziell Heiliggesprochenen Gefahren mit sich, die vermieden werden müssten:

1. Die Heiligsprechungen können die Distanz zwischen den Heiligen und den Normalsterblichen, einschließlich den Trägern einer ursprünglichen Heiligkeit, vergrößern. Dann verfällt man einem elitären Denken und man betrachtet die Armen und Einfachen mitsamt ihren Fehlern und Tugenden als Christen und Menschen zweiter Klasse – eine Haltung, die sich nicht auf Jesus von Nazaret berufen kann. Die kanonisierten Heiligen können zu Objekten der Bewunderung und kultischen Verehrung werden, aber sie können dabei aufhören, unsere Brüder und Schwestern zu sein, und dadurch zu Jesus in Distanz geraten, der sich nicht schämt, „uns Brüder zu nennen”, wie es im Hebräerbrief heißt.

2. Die offiziell Heiliggesprochenen können dazu führen, dass man die einfachen Sterblichen gering schätzt, wenn nicht gar verachtet. In vergangenen Zeiten hat man Menschen aus den unteren Klassen, Schwarze und Indigenas so sehr verachtet, dass sie keine kirchlichen Ämter innehaben durften. Die Bräuche ändern sich, aber es kann eine heimliche Missachtung der Laien, besonders den Frauen gegenüber fortbestehen. Und dies kann durch die elitäre Begeisterung für unerreichbare Heilige gefördert werden.

3. Die offiziell Heiliggesprochenen können Fürbitte leisten und bewirken, dass Gott uns Gunst erweist, aber darin besteht nicht das Wesen der Heiligkeit. Gott hat es nicht nötig, dass ihn irgendjemand dazu bewegt, die Menschen, und schon gar nicht die Armen, zu lieben. Darin besteht sein Gottsein. Was er aber sehr wohl braucht, um in der Geschichte gegenwärtig zu werden, das sind Sakramente, das heißt Menschen, die ihn in seiner rettenden Nähe sichtbar und spürbar machen. Seine Sakramente können alle Menschen sein. Jesus ist das größte Sakrament. Sakramente sind auch Augustinus von Hippo und Bischof Oscar Romero.

4. Und Sakramente können sowohl die offiziellen Heiligen wie auch die Träger der ursprünglichen Heiligkeit sein. Die bekannten Verse César Vallejos lauten: „Der Losverkäufer, der ruft: ,Die zu tausend!’ hat etwas von Gott.” Im Mittelalter nannte man die Armen „Stellvertreter Christi”. Die Señora Rufina aus El Mozote ist Emmanuel, „Gott mit uns”.

5. Die größte Gefahr des elitären Denkens besteht nicht darin, zu übertreiben, indem man die Heiligen in unendliche Höhen emporhebt, wie dies in den alten Heiligenlegenden und in den Erzählungen von ihren Wundern und Erscheinungen geschieht. Sie besteht vielmehr darin, sich nicht hinabzubeugen, um die Träger der ursprünglichen Heiligkeit, die Menschen, von denen Pedro Trigo spricht, dort zu sehen, wo sie sind.

6. Schließlich kann das Sich-Vergegenwärtigen der ursprünglichen Heiligkeit die Heiligsprechungsprozesse vermenschlichen und sie von ihren oftmals offensichtlichen Beschränkungen befreien. Es gibt einen sensus fidei, eine allgemeine Auffassung, dass sich diese Prozesse keinen Rechtsbestimmungen, Normen, Maßnahmen unterwerfen lassen. Von daher rühren die Widerstände gegen die Heiligsprechung des Gründers von Opus Dei und die Forderung „Santo subito”, also nach unmittelbarer Heiligsprechung, nach dem Tod Johannes Pauls II. Und daher rührt auch die Sprachlosigkeit angesichts der Tatsache, dass Bischof Romero sich nicht in die Normen für die Heiligsprechung fügt. Deshalb kann man ihn nicht öffentlich verehren, während die Liebe der Menschen zu ihm viel ergreifender ist als jede Art kultischer Verehrung.

Im 13. Jahrhundert war es vernünftig, nach Richtlinien für die Heiligsprechung zu suchen, um die herausragende Bedeutung eines christlichen Lebens kundzutun und Missbräuchen vorzubeugen. Es liegt auf der Hand, dass heutzutage mehr Kreativität vonnöten ist. Und der tiefste Grund hierfür ist nicht, dass es auf diese Weise leichter möglich wäre, Bischof Romero heiligzusprechen, sondern dass es selbstverständlicher wäre, die herausragende Bedeutung der armen und einfachen Massen dieser Welt anzuerkennen und ihnen zu danken: den in den Kongo Fliehenden, den Müttern der Verschwundenen, denen, die gegen Aids kämpfen. Es wäre leichter möglich, von ihnen ein Wort der Ermutigung zu hören und uns umgekehrt an sie mit einem Wort des Dankes zu wenden.

„Allah ist nicht zufrieden.” Die Kindersoldaten


Angesichts der Flüchtlingskarawane von Ruanda bricht ein Wort hervor. Bei anderen Gelegenheiten kommt kein Wort zum Vorschein. Bei einem Kongress für den Frieden im Jahr 2005 hielt Melquisedek Sikuli, der Bischof von Butemo in der Demokratischen Republik Kongo, eine beeindruckende Rede. Er zählte die äußerst schweren Probleme seines Landes auf, sprach vom alltäglichen Elend und der strukturellen Ungerechtigkeit. Er beschrieb die schrecklichen Folgen der Religionskriege: Flüchtlinge, vergewaltigte Frauen, gebrandschatzte Dörfer. Er erinnerte an den Kolonialismus, der immer noch für den Waffenhandel verantwortlich ist. Am Schluss seiner Rede setzte er die Litanei der Anklagen nicht fort, sondern schilderte „das Drama der Kindersoldaten”.

„Wenn man nichts auf der Welt hat, weder Vater noch Mutter noch Schwester, und wenn man noch ein Kind ist in einem heruntergekommenen und barbarischen Land, in dem alle einander töten: Was soll man da tun? Man wird Kindersoldat, um zu essen und zu töten. Das ist alles, was uns übrigbleibt.“

Angesichts dieses Dramas kann man nur noch verstummen. Hier von „ursprünglicher Heiligkeit” zu sprechen klänge wie Blasphemie. Doch es kann auch vorkommen, dass wir uns angesichts der Kindersoldaten so fühlen, als stünden wir vor der Schwelle zu einem heiligen Bereich. Bischof Sikuli übertrat die Schwelle. Und er sprach nicht mehr zu Gott. „Allah ist nicht zufrieden”, sagte er, wobei er den Titel eines Buches von Kouruma zitierte.

Es gibt keinen angemessenen Begriff und kein Wort, um das Drama der Kindersoldaten zu begreifen oder darüber zu sprechen. Das Drama als solches liegt auf der Hand. Man kann die Ursachen erkennen, man kann die Schuldigen verurteilen. Doch was diese Tatsache an sich betrifft, so weiß man nicht, was man dazu sagen soll. Es ist ein Grenzfall der Tragödie der Armen, ihres Willens zu leben.

Alles in allem können wir eine theologale Überlegung anstellen. Wir können kein Wort zum Rätsel der Kindersoldaten sagen, doch als letzte Zuflucht bleibt uns stets das Geheimnis Gottes. Darin nahm auch Bischof Sikuli seine Zuflucht: „Gott ist nicht zufrieden.” Dies können die Gläubigen tun. Die Nichtglaubenden könnten zu anderen, für sie letztgültigen Dingen Zuflucht nehmen und dies mit anderen Worten zum Ausdruck bringen: Doch der Rückgriff auf das Grundlegende kann uns allen helfen. „Jemand, etwas, ist nicht zufrieden.”

Und wir können auch eine andere Überlegung über die Rettung anstellen. Vielleicht auch nur dies. In einer Welt, die weit weg von vielen Afrikas lebt, ohne Empathievermögen und zum Großteil in Gleichgültigkeit und Unwissenheit angesichts der menschlichen Tragödien, in einer Welt, die spät und nicht mit der Entschlusskraft reagiert, die dem Ausmaß dieser Tragödien angemessen wäre, sind es vielleicht die Kindersoldaten, die es schaffen, dass wir die Banalisierung des Lebens überwinden und überströmen vor Mitgefühl und Sinn für Gerechtigkeit.

Angesichts einiger entscheidender und wichtiger Situationen können Worte hervorbrechen, die über das Konventionelle hinausgehen, und es können schockierende paradoxe Wendungen entstehen. Sie sind unersetzlich und nicht austauschbar. Ein bekanntes Beispiel ist der Satz Dostojewskis in Der Idiot: „Die Schönheit wird die Welt retten.” Und ebenso der Titel eines Buches von José Ignacio Gonzáles Faus: „Stellvertreter Christi? Die Armen.”

Auch in Lateinamerika kennt man diese Art von Worten. „Alles ist relativ, außer Gott und der Hunger” ist so ein Satz. Er stammt von Bischof Pedro Casaldáliga. Bischof Romero verwendete oftmals prägnante Formulierungen: „Dies ist das Reich der Hölle”; „Über diesen Ruinen wird die Herrlichkeit des Herrn erstrahlen”; „Die Ehre Gottes ist der Arme, der lebt”. Ignacio Ellacuría wiederholte bis ans Ende seines Lebens den Satz: „Allein die Zivilisation der Armut wird diese Zivilisation des Reichtums überwinden können, die eine schwer kranke Gesellschaft hervorgebracht hat.”

Im Schatten dieser Visionäre und erkennbar bescheiden haben wir geschrieben: „Außerhalb der Armen gibt es kein Heil.” In diesem Beitrag plädieren wir dafür, die „ursprüngliche Heiligkeit” der armen, einfachen Leute und der Opfer anzuerkennen und dafür dankbar zu sein.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. Bruno Kern M.A.

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