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Leseprobe 3
Michael Nausner
Die langen Schatten der Nofretete
Postkoloniale Theorie und Theologie in Deutschland
Postkoloniale Theorie ist ein Mauerblümchen im deutschsprachigen theologischen Diskurs. Das heißt, sie wird nur am Rande wahrgenommen als etwas Exotisches, das von außen kommt und deshalb als theoretischer Diskurs bestenfalls in gewissen, mit „fremden” Kulturen befassten theologischen Disziplinen von wirklicher Bedeutung sein kann. Diese zaudernde Haltung gegenüber einem im englischsprachigen Raum doch sehr umfangreichen Diskurs scheint mir unter anderem an zwei Umständen zu liegen: Erstens ist das allgemeine Bewusstsein der kulturell prägenden Bedeutung des Kolonialismus in Deutschland bis heute sehr gering, weshalb postkoloniale Theorie für den deutschen Kontext als mehr oder weniger irrelevant angesehen wird. Zweitens stellt postkoloniale Theorie mit ihren dekonstruktiven Aspekten natürlich auch eine Herausforderung für konfessionelle bzw. auf „Orthodoxie” abzielende Theologie dar und wird wohl aus diesem Grunde zum Beispiel in der systematischen Theologie – wenn überhaupt – nur sehr zögerlich rezipiert. In meinen Reflexionen will ich deshalb einerseits dafür plädieren, postkoloniale Theorie als einen Diskurs ernst zu nehmen, der durchaus auch für den zunehmend von Migration geprägten Alltag in Deutschland viel Erhellendes beizutragen hat, und andererseits sie als eine Theoriebildung hervorheben, die auch beim Arbeiten mit theologischen Inhalten neue Blickrichtungen eröffnen kann.

1913, also vor genau hundert Jahren, zur Blütezeit des deutschen Kolonialismus, ist die Büste der ägyptischen Königin Nofretete nach Berlin geschafft worden, ein sichtbares und bleibendes Symbol des kolonialen Erbes der deutschen Kultur. Seit den 1920er-Jahren wird mehr oder weniger lebhaft über die Rechtmäßigkeit des Abtransports der Büste und über deren Rückgabe an Ägypten diskutiert. Bisher wurden Rückgabeforderungen jedoch stets mit mehr oder weniger verhohlenen Superioritätsargumenten von deutscher Seite abgelehnt. Anlässlich des 100. Jahrestages der Ausgrabung der Büste verteidigte Hermann Parzinger, Chef der Stiftung preußischer Kulturbesitz, die Rechtmäßigkeit des Besitzes mit den Worten: „Nofretete ist Teil des kulturellen Erbes der Menschheit. Eine Rückgabe einfach so aus Großmut halte ich grundsätzlich für nicht vertretbar.” Die implizite Botschaft hier scheint zu sein, dass einerseits Deutschland ein angemessenerer Kandidat zur Verwaltung des Weltkulturerbes sei als Ägypten und dass andererseits die Rückgabe auch nur eines einzigen von unzähligen aus dem Orient abtransportierten Kulturgütern ein Akt deutschen Großmuts wäre. Nun könnte man diesen öffentlichen Besitzanspruch lediglich als verständliche Strategie eines Museumschefs sehen, der die Zerstückelung seiner Sammlung verhindern will. Man kann hinter dieser Aussage allerdings auch eines von unzähligen Zeichen für die nicht bearbeiteten Nachwirkungen eines ideologischen und politischen Kolonialismus deutscher Prägung sehen. Diejenigen Denkerinnen und Denker, die im deutschsprachigen Raum postkoloniale Theorie betreiben, behaupten eine eben solche Amnesie des deutschen Kolonialismus und seiner andauernden Nachwirkungen.

Die Schattenseiten westlicher Kultur

Ich sehe im jüdischen Philosophen Walter Benjamin einen frühen deutschsprachigen Propheten mehrerer zentraler Anliegen, die postkoloniale Theoretikerinnen und Theoretiker in den letzten Jahren in Deutschland wieder aufgenommen haben. Ich denke insbesondere an die Thesen VI und VII seiner zehn Thesen Über den Begriff der Geschichte. In These VI spricht Benjamin zunächst davon, dass der Bestand der Tradition in der Gefahr steht, „sich zum Werkzeug der herrschenden Klassen herzugeben.” Dieser Gefahr widersetzen sich heute führende postkoloniale DenkerInnen in Deutschland, wenn sie sich verpflichtet fühlen, kulturell ausgegrenzten Menschen eine Stimme zur Interpretation von Geschichte und Gegenwart zu verleihen. Und in These VII steht das bekannte Diktum, das auch auf seinem Grabstein in Portbou eingemeißelt ist: „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.” Postkoloniale Theorie hat es sich auf die Fahnen geschrieben, die Ambivalenz westlicher Kulturproduktion im Auge zu behalten, und es ist vielleicht die subtile Analyse der Schattenseiten westlicher Kultur, die den wichtigsten und kritischsten Beitrag postkolonialer Forschung im Konzert der akademischen Disziplinen ausmacht. [...]


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