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Leseprobe 1
Solange Lefebvre
Versöhnung durch Kreativität: Erzählen und Musizieren
Das Nachdenken über Versöhnung folgt im Großen und Ganzen zwei breiten Strömungen. Beide münden letztlich in dieselben kreativen Ansätze ein: a) die Vorstellung von Versöhnung als einer Dimension friedensschaffender Prozesse und b) die persönliche Versöhnung mit Gott und der Gemeinschaft durch Bekenntnis und Reue oder durch Zeugnis und Vergebung. Den Sozialpsychologinnen Emina Subasic und Katherine J. Reynolds zufolge ist Versöhnung als entscheidendes Moment friedensschaffender Prozesse ein neues Paradigma. Angesichts der Notwendigkeit, auf die Menschenrechtstragödien des 20. Jahrhunderts zu reagieren, ist Versöhnung zu einer zentralen Strategie geworden, wenn es darum geht, Kooperation und Akzeptanz zwischen Gesellschaftsgruppen zu stiften, deren Geschichte von schweren Konflikten, Diskriminierung, Unterdrückung und Kolonialismus geprägt ist.

Dieses weltumspannende Versöhnungsziel umfasst eine breite Palette von Projekten, die unter dem Motto Vivre ensemble (miteinander leben) zurzeit in verschiedenen Regionen der Erde entstehen. Im Licht dieser Entwicklungen ist die Frage durchaus erlaubt, was die christlichen Kirchen vor allem in puncto Kreativität bereits zum globalen Projekt der Versöhnung beigetragen haben. In manchen Friedensprozessen oder Versuchen, die Religionen auszusöhnen, haben die Kirchen, etwa was die Liturgie, die offiziellen Beziehungen zwischen den Thema: Versöhnung – die befreiende Kraft der Gnade Kirchenoberhäuptern oder die moralische Führung betrifft, bereits vielfältige Beiträge geleistet, doch einige neuere Aspekte und Bereiche sind erst in jüngerer Zeit entstanden. Die zwei Teile des vorliegenden Artikels befassen sich mit einigen dieser Themen. Der erste Teil bringt Versöhnung und Bekenntnis mit Phantasie und Kreativität in Zusammenhang. Der zweite stellt zwei wichtige Praxiserfahrungen vor: die persönliche Erzählung bei öffentlichen Anhörungen und das interreligiöse Singen am Beispiel des Pontanima-Chors auf dem Balkan.

I. Die Bedeutung der Kreativität

Einigen interdisziplinären Ansätzen zufolge beinhaltet das Phänomen der Versöhnung eine Dimension, die eine Krise in den Beziehungen zwischen Einzelnen und Gruppen voraussetzt. Daniel Bar-Tal bietet in dieser Hinsicht eine interessante Definition des Begriffs: „Versöhnung ist ein Wandlungsprozess in den Beziehungen zwischen Gruppen – Feindschaft und Konflikt verwandeln sich in wechselseitige Akzeptanz, Anerkennung und zukünftige Zusammenarbeit. Was genau zu einem Versöhnungsprozess gehört, hängt von der Art des Gruppenkonflikts und seiner Lösung ab.” Derzeitige Diskussionen über die Bedingungen von Versöhnung legen den Akzent überwiegend auf die Tragweite der angebotenen Lösungen, zum Beispiel: Wird es nur um eine Wiedergutmachung der materiellen Schäden gehen, oder wird man eher symbolische Aspekte der Versöhnung (etwa die Vergebung vergangenen Fehlverhaltens) für angemessen halten? Im Hinblick auf Kreativität und Phantasie sind jedoch vor allem die psychologischen und ethischen Aspekte der Versöhnung interessant: „Von einer Versöhnung der Konfliktparteien kann erst dann die Rede sein, wenn die emotionalen Probleme, die zwischen ihnen stehen, gelöst sind [...] Der psychologische Aspekt des Versöhnungsprozesses beinhaltet einen Wandel in den Überzeugungen und Haltungen der Menschen, der zwischen den früheren Feinden, den Opfern und den Tätern des Unrechts, positive Beziehungen ermöglicht.”

Mir scheint es angemessen, in den vorliegenden Überlegungen zur Kreativität beide genannten Aspekte (Versöhnung als zentrales Element von Friedensbemühungen und Versöhnung als die Wiederherstellung der persönlichen Beziehungen zu Gott und den anderen) miteinander zu verbinden. Das Wort Kreativität – etymologisch gesehen eine der jüngsten Ableitungen aus dem lateinischen Verb creare, „erschaffen” – wurde auf der Grundlage des Adjektivs „kreativ” geprägt, das seinerseits erst im 20. Jahrhundert aufgekommen ist. Es drückt eine Vorstellung aus, die sich im Kontext der modernen Subjektivität entwickelt hat. Mit seinem Bezug sowohl auf das Imaginäre wie auch auf die Imagination war dieser Begriff für Philosophen und Theologen interessant, die ihn in ihrer Gedankenwelt mit den Künsten in Verbindung brachten. Nach einigen Jahren des Nachdenkens über das Konzept des Vivre ensemble (miteinander leben) bin ich letztlich mehr oder weniger zu der Einsicht gelangt, dass es nicht so sehr die Gesetze und sozialen Merkmale sind, die seiner Verwirklichung im Wege stehen, sondern vor allem die imaginären Räume von Gemeinschaften, also das, was Charles Taylor als das „soziale Imaginäre” bezeichnet. Mithin sind es, wenn wir echte Wege zur Versöhnung finden wollen, ebendiese imaginären Räume, die wir kultivieren oder transformieren müssen.

Zeugnis und Vergebung

In allen Versöhnungsprozessen finden wir Momente von Zeugnis und Vergebung. Diese Momente gehen zurück auf die Praxis des persönlichen Bekenntnisses, wie sie die Bußriten der christlichen Tradition entwickelt haben, die in der Versöhnungstheologie bis heute eine zentrale Rolle spielen. Louis-Marie Chauvet weist darauf hin, dass eine der wichtigsten Debatten, die mit den Jahren über das Thema der Buße und Umkehr geführt worden ist, den Augenblick der Versöhnung betrifft. Wann genau findet bei der „Sündenvergebung” die Versöhnung mit Gott statt? Man hat im Lauf der Geschichte immer wieder darüber nachgedacht, welche Akte der inneren Reue (Umkehr) und der äußeren Buße (Fasten, Almosen, Gebete) für die Versöhnung erforderlich sind. Abgesehen von den Spannungen zwischen der äußeren und der inneren Dimension der Buße und den Debatten darüber weist Chauvet auf eine Gemeinsamkeit hin, die sich mit der Zeit herauskristallisiert hat: dass nämlich alle Bußpraktiken den Schwerpunkt auf die „Zerknirschung”, die echte Herzensumkehr, legen. Die Vergebung – ein unverzichtbarer Bestandteil jeglichen Nachdenkens über Versöhnung – wird in modernen Bußverfahren zum Teil dadurch verwirklicht, dass man die Scham und das Bedauern zulässt, die den eigentlichen Bekenntnisakt ausmachen. Damit setzt Versöhnung eine Phase der subjektiven Aufrichtigkeit voraus, in der Bekenntnis und Vergebung in eins fallen. Ideengeschichtlich betrachtet steht es außer Frage, dass gewisse Aspekte der modernen Psychologie, Psychoanalyse und Jurisprudenz der christlichen Bußtradition so manches zu verdanken haben.

Die folgenden ausgewählten Beispiele aus der Praxis zeigen, dass es zwischen diesen Aspekten der Versöhnung einige wichtige Bezugspunkte gibt; zu nennen wären hier: der Friedensförderungsprozess; Reue und Bekenntnis als Raum der Versöhnung mit Gott und den anderen; Kreativität als subjektiver Akt, der das Imaginäre oder die Imagination verändern kann, um auf diese Weise den Prozess der Versöhnung zwischen Einzelnen und Gemeinschaften zu fördern.

II. Praktiken, die die Versöhnung begünstigen

Die erste Versöhnungspraxis, die mit der Kreativität von Einzelnen und Gruppen zusammenhängt, ist die Narration, die Praxis des Geschichtenerzählens: die eigene Geschichte zu erzählen, über die eigenen Leiden und Erwartungen zu sprechen, Bedauern auszudrücken. Diese Prozesse der Versprachlichung bilden denjenigen Aspekt, der am engsten mit der Bußpraxis verbunden ist: das befreiende und verwandelnde Bekenntnis oder Zeugnis. Und wirklich ist diese Dimension der Versöhnung erheblich von Theologen und Kirchen beeinflusst und ein fester Bestandteil der unterschiedlichsten Friedensinitiativen.

Die Macht der Narration: die eigene Geschichte erzählen

Manche Forschungsarbeiten haben die spirituellen Aspekte des Versöhnungsprozesses ins Blickfeld gerückt und die Bedeutung von persönlichen und kollektiven Geschichten betont. Desmond Tutu zufolge geschah Versöhnung während der Tätigkeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission durch den Akt des Geschichtenerzählens:

„Hauptsächlich ließen wir die Zeugen, die kamen, um eine Aussage zu machen, ihre Geschichten mit ihren eigenen Worten erzählen [... und entdeckten dabei, dass] es tatsächlich verschiedene Klassen der Wahrheit gab [...] Es gab [...] die forensische Faktenwahrheit [...] und es gab die soziale Wahrheit, die Wahrheit der Erfahrung, die durch Interaktion, Diskussion und Debatte entsteht. Die persönliche Wahrheit [...] war eine heilende Wahrheit. [...] Viele haben danach ausgesagt, es habe eine spürbare therapeutische Wirkung auf sie gehabt, dass sie gekommen seien, um vor der Kommission zu sprechen.“

Was die Situation auf der Nordhalbkugel der Erde angeht, können wir neben einigen wenigen anderen Kommissionen vor allem auf die Kommission verweisen, die sich angesichts der kollektiven Herausforderung der ethnischen und religiösen Vielfalt in Québec um „vernünftige Zugeständnisse” bemühte. Nach einigen Jahren heftiger Debatten über Religionsfreiheit und die Integration religiöser Minderheiten (im Hinblick auf das Tragen von Hidschab oder Burka, das Beten an öffentlichen Plätzen usw.) hatte sich die nach ihren beiden Vorsitzenden Gérard Bouchard und Charles Taylor benannte Kommission („Bouchard-Taylor Commission”) auch einen Ruf als Versöhnungskommission erworben. Obwohl der Abschlussbericht (dessen Überschrift besagten Begriff auch wirklich enthält) nicht ausdrücklich sagt, worin diese Versöhnung bestehen könnte, vertritt Bina Toledo Freiwald die Auffassung, Versöhnung heiße hier, ein Gleichgewicht zwischen der auf gemeinsamen ethnischen Identitäten gründenden „kulturellen Nation” und der „zivilen Nation” zu schaffen, deren Miteinander eher auf einem gemeinsamen Gesellschaftsentwurf und Wertesystem beruht.

Von diesem Manko einmal abgesehen ist es bemerkenswert, dass die Kommission durch vielfache Live-Übertragungen öffentlicher Diskussionen sowie durch private und öffentliche Anhörungen Raum für zahlreiche persönliche und kollektive Zeugnisse geschaffen hat. In dem Prozess wurde eine bisher nicht dagewesene Zahl von Kurzdarstellungen (alles in allem über 900) erfasst. Die Kommission, die ins Leben gerufen worden war, als soziale Ängste und Identitätssorgen zunehmend in Aversionen gegen die Praktiken religiöser Minderheiten umschlugen, hat die Situation ohne jeden Zweifel beruhigt. Sie führte eine Katharsis herbei, um den aristotelischen Begriff für jene starke Wirkung des tragischen Dramas zu verwenden, die die Zuschauer von ihren Leidenschaften läuterte.

Insgesamt spielen persönliche und kollektive Erzählungen bei den Mechanismen, deren sich die verschiedenen Versöhnungskommissionen überall auf der Welt bedienen, eine zentrale Rolle. Obgleich die Zeugenaussage als eine moderne Version von Bekenntnis und Vergebung betrachtet werden kann, bringt der christliche Glaube doch auch Transzendenz in diesen Prozess hinein und erinnert daran, dass Versöhnung auf der persönlichen Ebene eine in hohem Maße anspruchsvolle Aufgabe ist. Sie ist mehr als bloß ein psychologisch schwieriger und emotionaler Prozess; sie ist ein äußerst mühsamer Weg, und wer diesen Weg beschreitet, muss stark genug sein, seine Schwäche einzugestehen. Man kann sagen – um eine Anregung Derridas aufzugreifen –, dass dort, wo die Unmöglichkeit von Vergebung anerkannt wird, die Gnade Gottes wirken kann. Diese ungeheure Schwierigkeit müssen wir bedenken, wenn wir Erzählungen und ihre Wirkung auf die Herzen der Menschen nicht allzu idealistisch beurteilen wollen. Überdies möchte ich die Leser auf Sarojini Nadars Artikel im vorliegenden Heft von CONCILIUM verweisen, in dem sie eine bemerkenswerte Kritik an der südafrikanischen Kommission und ihrem Umgang mit Erzählungen formuliert.

Ein bosnischer Chor singt die Lieder des „Feindes” in Sarajevo: Pontanima

„Pontanima ist mein Leben. Das klingt vielleicht abgedroschen, aber ich meine es genau so, buchstäblich. Wenn ich Pontanima nicht hätte, bliebe ich ganz sicher nicht in Sarajevo. Pontanima ist der einzige Ort in dieser Stadt, an dem ich mich im vollen Wortsinn wie ein Mensch fühle.“

Was die Rolle der Religionen in den Konflikten unserer Zeit angeht, stehen die Gläubigen vor einer noch nie dagewesenen Herausforderung. Dem Säkularismus, der in Westeuropa und Nordamerika gewisse Erfolge zu verzeichnen hat, liegt eine Erzählung zugrunde, hinter der wie ein Wasserzeichen die Vorstellung zu Tage tritt, dass Religion dem Frieden entgegenwirke, weil sie dazu beitrage, konkurrierende Identitäten zu verstärken, exklusivistische politische Projekte zu begründen und die eigentliche Bedeutung von Konflikten zu verabsolutieren. Dieser Gedanke stellt eine enorme Herausforderung dar. Müssen wir, um den Frieden zu unterstützen, diese übergreifende säkularistische Erzählung übernehmen, deren Absicht darin besteht, einen religionsfreien gemeinsamen Raum zu schaffen? Die Europäer, denen die nicht minder große Zerstörungskraft der säkularistischen Ideologien noch deutlich im Gedächtnis ist, wissen genau, dass ein solcher gemeinsamer Raum von einer ganzen Anzahl anderer Gefahren bedroht wäre. Ist es aber überhaupt noch möglich, angesichts der derzeitigen Konflikte, in denen Religionen verfochten oder instrumentalisiert werden, Wege der Versöhnung aufzuzeigen, die den religiösen Faktor mit in Betracht ziehen? Die Antwort lautet ja; natürlich müssen wir das tun. Wenn Religionen zu Konflikten beitragen, müssen sie unweigerlich auch ein wesentlicher Bestandteil von Versöhnung sein. Zu den publikumswirksamsten Initiativen zählen in dieser Hinsicht öffentliche Auftritte von Religionsoberhäuptern, interreligiöse Gebete und Zeremonien sowie Besuche von Religionsvertretern an den Kultstätten anderer Religionen. So erinnern sich viele von uns beispielsweise an die drei von starkem Medieninteresse begleiteten Ereignisse aus dem Pontifikat Johannes Pauls II. (die ersten Besuche eines Nachfolgers des hl. Petrus in einer Synagoge und in einer Moschee sowie das große internationale Gebetstreffen in Assisi), die im öffentlichen Bewusstsein einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen haben. Vor Ort wird derartigen Ereignissen gelegentlich die Gunst der medialen Aufmerksamkeit zuteil – zweifellos eine grundlegende und wichtige öffentliche Plattform. Zu interreligiösen Ereignissen wie den erwähnten gehört üblicherweise auch der Austausch zwischen Vertretern der Religionen.

Ina Merdjanova und Patrice Brodeur haben ihrem jüngsten Buch in einer recht provokanten Umkehrung des Rorty‘schen Ausspruchs den Titel Religion as a Conversation Starter („Religion als Gesprächseinstieg”) gegeben. Auf der internationalen Bühne, so stellen sie darin fest, sei nach dem 11. September 2001 zu beobachten, dass der interreligiöse Dialog offenbar aus einer politischen Randstellung weiter ins Zentrum gerückt sei. So verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen 2006 eine Resolution, die im Interesse der Friedensförderung und Kooperation sowohl zum interkulturellen als auch zum interreligiösen Dialog aufrief. Merdjanova und Brodeur analysieren die Wege des interreligiösen Dialogs, die man auf dem Balkan beschritten hat. Ihre Feldstudie dokumentiert verschiedene, auf Versöhnung ausgerichtete Initiativen und versteht unter Dialog „alle Formen der menschlichen Kommunikation durch Sprache wie auch durch gemeinsame Aktivitäten zur Förderung des wechselseitigen Verständnisses und Miteinanders zwischen verschiedenen Menschen, die sich über die Religion definieren.” Eine ihrer zentralen Schlussfolgerungen besagt, dass die besten Praktiken im Bereich der Versöhnung nicht nur Religionsvertreter einbeziehen, sondern auch für kreative Kombinationen wechselseitiger Beziehungen zwischen Laien und Klerus – insbesondere unter Beteiligung von Frauen und jungen Menschen – Raum schaffen müssen.

Nur wenige der bedeutenden Initiativen, die in dieser Dokumentation vorgestellt werden, hatten mit Kunst zu tun. Ein Beispiel ist in diesem Zusammenhang der Chor Pontanima (nach den lateinischen Wörtern für „Seele” und „Brücke”). Ivo Marković, ein Franziskanerpater, hat diesen Chor 1996 gegründet. Er besteht aus Angehörigen verschiedener Religionen, und sein Repertoire umfasst Lieder aus ebendiesen unterschiedlichen Religionen, die auch an den jüngsten Konflikten auf dem Balkan beteiligt waren. Anfangs fiel es manchen Mitgliedern schwer, die Lieder des Feindes zu interpretieren, und sie mussten sich von ihren Freunden Verrat vorwerfen lassen. Religiöse Würdenträger kritisierten die Initiative und nannten sie synkretistisch. Mit der Zeit jedoch erhielt der 60 Mitglieder starke Chor internationale Anerkennung und gewann mehrere Preise. Marković erklärte, aus dieser Praxis sei eine Theologie entstanden, doch die Autoren befassten sich nicht näher mit diesem Aspekt. Deshalb wandte ich mich mit der Hilfe des kroatischen CONCILIUM-Verlegers selbst an Pater Ivo Marković, der sich freundlicherweise bereit erklärte, einige seiner Gedanken mit uns zu teilen.

Interview


Wie kamen sie auf die Idee, den Chor Pontanima zu gründen?

Ivo Marković: Nach dem Abkommen von Dayton 1995 schlugen die Generalkurie des Franziskanerordens (OFM) in Rom und die Führung meiner bosnischen Franziskanerprovinz vor, einige Versöhnungsprojekte auf den Weg zu bringen. Sie sollten vom franziskanischen Charisma inspiriert sein und das positive Potential der Religionen für den Frieden und eine moderne interreligiöse Dynamik nutzen. In diesem Geist wurde der Pontanima-Chor ins Leben gerufen. Er wurde sehr gut und solide theologisch begründet und sehr sorgfältig vorbereitet. Der Pontanima-Chor ist voll und ganz christlich und bosnisch und franziskanisch. Unsere theologischen Grundlagen stammen aus der Lehre und der Dynamik des Zweiten Vatikanischen Konzils und insbesondere aus Konzilsdokumenten wie Nostra Aetate über die Beziehung zu anderen Religionen. Der kontextuelle Aspekt war nach unserem Verständnis hauptsächlich von sehr komplexen und konfliktträchtigen interreligiösen Beziehungen geprägt. Die grundlegende praktischtheologische Ausrichtung von Pontanima basierte auf der Inkulturationstheologie. Zuallererst mussten wir den bosnischen Islam inkulturieren und uns durch Verständnis, Respekt und spirituelle Offenheit von der Last der Vorurteile befreien. Dies, so glaubten wir, würden wir dadurch erreichen können, dass wir die besten Lieder und Gebete sangen und beteten, die die islamische Spiritualität jemals hervorgebracht hatte. Und wir singen auch Lieder aus anderen religiösen Überlieferungen.

Religiöse Musik ist ein mächtiges Werkzeug des gesellschaftlichen Wandels, der Verständigung zwischen den Religionen, der Heilung und Versöhnung. Die Kunst wird heute allgemein als ein mächtiges Werkzeug des sozialen Wandels und der Heilung entdeckt. Insbesondere die Musik bringt eine überraschende Vitalität hervor – indem sie unsere unterdrückten und vergessenen menschlichen Tiefen ergreift, weckt und wiederbelebt.

Ist der Chor noch immer aktiv, und können Sie erklären, was er tut?


Marković: Wir geben im Durchschnitt mehr als dreißig Konzerte im Jahr und sind in den elektronischen und gedruckten Medien sehr präsent. Zurzeit versuchen wir, uns auf neue Situationen und Bedürfnisse einzustellen. Außerdem versuchen wir, den Einfluss zu untersuchen, den Pontanima im Nachkriegsbosnien hat. Mir persönlich tut es sehr leid, dass ein Projekt wie Pontanima von meiner Kirche nicht bereitwilliger akzeptiert worden ist. Meiner Ansicht nach ist dies ein Zeichen für die tiefe Krise der Kirche und des Glaubens in Bosnien-Herzegowina.

Könnten Sie erklären, wie sich diese Ablehnung durch die Kirche in Ihrem Land äußert?

Marković: Gleich zu Anfang haben wir betont, dass wir keinerlei kolonialistischen und imperialistischen Missionsgedanken einsickern lassen wollten. Wir würden jeden Bürger unabhängig von seinem oder ihrem religiösen Hintergrund willkommen heißen. Die Initiative zu einer Bekehrung liegt ganz bei Gott. Die Menschen, die Pontanima-Mitglieder wurden, stellten sehr bald fest, dass dies ein ehrliches Projekt ohne Vorbehalte und verhüllte missionarische Zielsetzungen war. Sie wurden mit ihrer Identität gebraucht, respektiert und akzeptiert. Und die Theologie, die aus diesem Projekt erwuchs, könnte eine kraftvolle Inspiration sein. Inkulturation wurzelt in einer echt christlichen und universalen religiösen Methode. Im Christentum hat man sie von Anfang an praktiziert. Echtes Christentum zerstört keine Religion und Kultur, sondern interpretiert sie neu und bereichert sie. Insbesondere durch ihre künstlerischen Ausdrucksformen entdecken wir andere Religionen als etwas, das jenseits unserer Vorurteile liegt, und wir entdecken die Erfahrungen anderer Religionen nicht als etwas Entgegengesetztes, sondern als etwas, das wir annehmen können, weil wir darin eine Spur von Gottes Gnade finden. Ein Christentum, das die Inkulturation fürchtet, hat keine Zukunft.

Es war die katholische Seite, die den Vorwurf des Synkretismus gegen das Pontanima-Projekt erhob. Unter spirituellen Katholiken und, allgemeiner, unter Gläubigen und Menschen guten Willens hatte das Projekt leidenschaftliche Befürworter. Meiner Ansicht nach waren die katholischen Kleriker, die diese Vorwürfe erhoben, weniger religiös als vielmehr nationalistisch gesinnt: Gott war aus ihrem Glauben herausgelöst und durch die Nation ersetzt worden. Es gibt keine dokumentierten oder schriftlichen Anklagen oder Stellungnahmen gegen Pontanima. Es gab nur unwillige Ablehnung und Kommentare, die andeuteten, dass die Zeit noch nicht reif sei für solche Projekte. Anfang September 2012 fand zum Beispiel ein wichtiges interreligiöses Treffen in Sarajevo statt. Es wäre normal gewesen, den Pontanima-Chor einzuladen, der nur in Sarajevo hatte entstehen können und der weltberühmt geworden war, weil er Perspektiven in eine neue Zukunft eröffnete. Doch Pontanima wurde nicht eingeladen, und wir hatten auch gar nicht damit gerechnet. Der Widerstand gegen Pontanima kam nicht von außerhalb, sondern von gewissen Personenkreisen in Sarajevo mit einer stark national geprägten Religiosität.

Die Kunst als Quelle des Dialogs

Diese wunderbare Erfahrung – die sich gewiss in anderen Kontexten wiederholen lässt – erinnert uns daran, dass eine der tiefsten Quellen von Einheit und interreligiösem Dialog in der Kunst zu finden ist. Denn die Erfahrung von Pontanima kombiniert Gebet, Schrift und Musik und ermöglicht ein einzigartiges interreligiöses Miteinander: Sie gibt Gläubigen unterschiedlicher Traditionen die Chance, die heiligen Texte der jeweils anderen zu lesen, zu erspüren, was darin „wahr und heilig ist” (Nostra Aetate 2), und musikalische Traditionen miteinander zu teilen, in denen die Gläubigen sich wiedererkennen. Es handelt sich also um eine dreifache Erfahrung der Inkulturation – man meditiert über einen Text, man singt ihn, und man spielt Musik aus der Tradition der jeweils anderen. Wie Pater Marković es ausdrückt: „Dies, so glaubten wir, würden wir dadurch erreichen können, dass wir die besten Lieder und Gebete sangen und beteten, die die islamische Spiritualität jemals hervorgebracht hatte. Und wir singen auch Lieder aus anderen religiösen Überlieferungen.” Inkulturation bedeutet hier vielleicht, dass man den anderen im Kontext tiefer Konflikte und Verwundungen nicht einfach zur Konversion auffordern, sondern auf allen Seiten immer nur versuchen kann, anzuerkennen, was in der religiösen Kultur des jeweiligen Gegenübers gut, sinnvoll und schön ist.

Vielleicht wundern wir uns darüber, dass eine Erfahrung, bei der der Gläubige der einen Religion an der religiösen Musik einer anderen Tradition teilhat, ein solches Unbehagen auslösen kann. Dennoch handelt es sich hierbei um eine Reaktion auf das gemeinsame Beten in einem glaubensübergreifenden Kontext, die den meisten christlichen Kirchen inzwischen aus ihrer Praxis vertraut ist. Vielleicht hat dieses Unbehagen nicht nur mit nationalistischen Vorurteilen, sondern auch mit dem Gefühl zu tun, dass die Wunden des Krieges noch zu frisch sind. Wenn es tatsächlich, wie Pater Marković andeutet, auf einer reflexartigen Verteidigung der eigenen Identität und auf einer engen Verbindung von nationaler und religiöser Identität beruht, kann man – selbst wenn die religiösen Ausdrucksformen anderer gewisse Aspekte des kulturellen und religiösen Zusammenhalts bedrohen – damit umgehen wie mit jeder anderen durch Unterschiedlichkeit bedingten Konfliktsituation. In gewisser Weise ist diese Art der Besorgnis angesichts der religiösen Vielfalt auch vielen westlichen Ländern bekannt: eine Angst vor den Symbolen und Ausdrucksformen der anderen als potentiellen Quellen der Gewalt. So gesehen ist die Pontanima-Erfahrung eine Provokation, weil sie es wagt, religiöse und künstlerische Grenzen zu überschreiten.

Schluss

Aus den vorangegangenen Überlegungen ergibt sich, dass der christliche Glaube einige spirituelle Traditionen, Praktiken und Einsichten anbieten kann, die sich bei kollektiven und individuellen Versöhnungsprojekten nutzen lassen. Wir haben in aller Kürze darüber gesprochen, dass die Bedeutung von Erzählungen und ihre komplexe Kombination aus Bekenntnis, Vergebung und Wiedergutmachung tatsächlich aus der christlichen Tradition der Buße stammen. Die schöne Erfahrung des Pontanima-Chors ist ein weiteres erwähnenswertes Beispiel. Beide Praktiken stimmen mit dem überein, was Rowan Williams, der Erzbischof von Canterbury, geschrieben hat: „Insgesamt erforderte der Weg der Versöhnung die Entwicklung eines gemeinsamen Lebens und einer gemeinsamen Sprache, einer öffentlichen Gemeinschaft von Männern und Frauen, die zusammenkamen, um bestimmte Texte zu lesen und bestimmte Handlungen zu vollziehen.” Wir hätten viele andere Erfahrungen anführen können, die Kreativität mit Versöhnung verbinden. Zu nennen wäre hier etwa auch die Herausforderung, neue Räume für Gebet und Gottesdienst zu kreieren, die auf Kontexte der Vielfalt und des Aufeinandertreffens verschiedener Religionen reagieren. Bis vor Kurzem war den Kirchen ein eher mäßiger Erfolg beschieden, wenn sie – als religiöses Angebot in öffentlichen Einrichtungen – Räume der religiösen Versöhnung konzipierten und schufen. Allgemeiner gesprochen besteht, was Kreativität und Theologie betrifft, ein besonders fruchtbarer Ansatz heute darin, diese Räume und verschiedenartigen Erfahrungen aus einem theologischen Blickwinkel visuell und audiovisuell zu erforschen und aufzuzeigen, wie sie sich in Habitate und Beispiele menschlicher Versöhnung verwandeln lassen und wie sie in einer Welt, die durch religiöse und weltliche Überzeugungen gespalten ist, Quellen der Hoffnung und Heilung erschließen können.

Aus dem Englischen übersetzt von Gabriele Stein

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