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Leseprobe 2
Mark J. Allman
Wasser als Sakrament
Die weltweite Wasserkrise und die sakramentale Verantwortung
Letzte Weihnachten bekam meine Tochter ein „Arche-Noah-Spiel” geschenkt. Als sie die Plastiktiere paarweise in die Arche marschieren ließ, dachte ich: „Wer meint bloß, dass sich dieses Spiel für Kinder eignet? Die ganze Geschichte beruht schließlich darauf, dass Gott einen globalen Genozid begeht!” Die Geschichte von der Arche Noah mag für Kinder nicht geeignet sein, aber sie eignet sich durchaus als ethisches Lehrstück für heute. Gott kann den Menschen ihr sündhaftes Verhalten nicht vergeben und schickt deshalb die Sintflut. Heute steht die Menschheit vor einer viel langsameren, aber nicht minder zerstörerischen Flut, hervorgerufen durch den steigenden Meeresspiegel, der auf den durch menschliches Handeln verursachten Klimawandel zurückzuführen ist. Wie die Noah-Geschichte ist auch diese Flut das Ergebnis menschlicher Sünde. Anders als bei der Noah-Erzählung jedoch stammt diese Flut nicht von Gott. Sie ist ein Fluch, den die Menschen über sich selbst und die gesamte Schöpfung bringen. Die weltweite Wasserkrise beschränkt sich nicht auf den steigenden Meeresspiegel; zu ihr zählen noch weitere erhebliche Gefahren, von denen besonders die in den Entwicklungsländern lebenden Menschen bedroht sind.

In diesem Artikel wird die weltweite Wasserkrise theologisch aus einer sakramental-ethischen Perspektive betrachtet, indem sowohl der Charakter des Wassers als auch der Charakter des Sakraments untersucht werden. Auch geht es um die Frage, wie ein sakramentales Verständnis des Wassers Christen dazu anregen kann, für Wassergerechtigkeit aufzurufen. Wenn Christen das Wasser als ein Sakrament verstehen, kann sie dies dazu bringen, sich aufgrund der doppelten Verpflichtung der Gerechtigkeit und der sakramentalen Verantwortung für einen gerechten Umgang mit Wasser einzusetzen.

Wasser

Die Situation des Wassers ist zugleich tragisch und paradox. Fast 75 Prozent der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt, aber davon sind nur 3 Prozent Süßwasser, und weniger als 1 Prozent der Süßwasservorkommen der Erde können von Menschen erreicht und genutzt werden. Dieses knappe eine Prozent reicht aus, um die Weltbevölkerung zu versorgen, aber eine Milliarde Menschen (jeder achte Mensch) hat keinen Zugang zu sauberem Wasser. Das führt in jedem Jahr zu 3,5 Millionen Todesfällen aufgrund verschmutzten Wassers; 84 Prozent dieser Toten sind Kinder (das ist etwa alle 20 Sekunden ein Kind). Ebenso sind der Verbrauch und der Preis des Wassers ungleich verteilt. So verbraucht beispielsweise ein Mensch in den Vereinigten Staaten während eines fünfminütigen Duschbades mehr Wasser als ein Mensch in einem Entwicklungsland während eines ganzen Tages, und die arme städtische Bevölkerung bezahlt häufig fünf- bis zehnmal soviel für einen Liter Wasser wie ihre reichen Nachbarn in derselben Stadt. Die Krise wird noch dadurch verschärft, dass es konkurrierende Interessen gibt (die Nutzung durch die Landwirtschaft, die Industrie oder die Haushalte), ineffiziente Verwaltung durch die Regierungen, verstärkte Bemühungen um eine Privatisierung der Wasserversorgung, Kriege und politische Instabilität sowie das generelle Fehlen des politischen Willens, sich mit der Krise zu befassen. Das Wasser steht im Begriff, im kommenden Jahrhundert zu einem wichtigen Grund (wenn nicht zum Hauptgrund) für internationale Konflikte zu werden, was auf gescheiterte Staaten (failed states), innen- und außenpolitische Konflikte, Hunger, Migration sowie den weltweiten wirtschaftlichen Druck zurückgeht.

Recht oder Ware?

Eine der Hauptdebatten im Rahmen der weltweiten Wasserkrise dreht sich darum, ob Wasser ein Menschenrecht oder eine Ware ist. Für das menschliche Dasein ist Wasser – wie Nahrung, Luft, Obdach und Gesundheitsversorgung – ein lebensnotwendiges Gut. Ohne Wasser stirbt man. Deshalb scheint es zutreffend, Wasser als Menschenrecht zu bezeichnen. Was allerdings in der Debatte um „Menschenrecht oder Ware” übersehen wird, ist die Tatsache, dass Wasser eine Infrastruktur (die Aufbereitung sowie ein Verteilungssystem) benötigt, damit es verwendet werden kann. Einige der lebensnotwendigen Güter des menschlichen Daseins sind leicht zugänglich und kostenfrei zu erlangen (Luft); andere sind arbeitsintensiv und erfordern eine Infrastruktur und Arbeitskraft (Nahrung, Kleidung, Obdach und Gesundheitsversorgung). Während Wasser zunächst wie Luft zu sein scheint, weil es häufig kostenlos zu erlangen ist (in Flüssen, Seen und dem Regen), so ist allerdings verwendbares bzw. trinkbares Wasser nicht kostenfrei. Es setzt eine aufwendige Infrastruktur und Arbeit voraus; insofern ist Wasser eher wie die anderen lebensnotwendigen Güter, die sowohl als Rechte wie auch als Ware angesehen werden. Die Lehren der katholischen Kirche über das Wasser spiegeln ein differenzierteres Verständnis des Wassers als eines Rechtes und als einer Ware.

Das Kompendium der Soziallehre der Kirche beschreibt das Wasser als „ein Geschenk Gottes”, das „ein Recht aller” ist, und verurteilt einen Umgang mit dem Wasser, bei dem es „eine Ware unter vielen” oder lediglich „ein wirtschaftliches Gut” ist. Am Weltwassertag 2007 hat Papst Benedikt XVI. die Vorstellung der Kirche vom Wasser dahingehend präzisiert, dass er es als „Gemeingut der menschlichen Familie” und „wesentliches Element für das Leben” bezeichnete. Des Weiteren sagte er: „Der Zugang zu Wasser gehört zu den unveräußerlichen Rechten jedes menschlichen Wesens”; dieser sollte entsprechend der ethischen Prinzipien der Subsidiarität, der Teilhabe und der besonderen Aufmerksamkeit für die Armen verwaltet werden. Hierbei ist hervorzuheben, dass die katholische Soziallehre den Zugang zum Wasser als ein Recht beschreibt und die ausschließliche Behandlung des Wassers als Ware verurteilt, dabei aber nicht die Privatisierung des Wassers ausschließt. Stattdessen zieht das Kompendium die kirchliche Lehre über das Privateigentum heran, in der zwischen „Gebrauch” und „Eigentum” unterschieden wird.

In diesem Artikel liegt das Augenmerk nicht alleine auf dem Wasser, über das ich mich an anderer Stelle geäußert habe und das in diesem Heft noch von anderen behandelt wird. Hier gilt das Interesse dem Schnittpunkt zwischen dem Wasser, der Ethik und dem Sakrament. Im Denken der katholischen Soziallehre ist Wasser sowohl ein Gemeingut (das zu unser aller Gebrauch von Gott gegeben wurde) als auch ein materielles Gut, das sich in Privatbesitz befinden kann, insofern „der Zugang zu sauberem Wasser und die Hygiene für alle” gewährleistet ist. Wenn es bei der Wasserkrise einfach nur um Fragen des Zugangs und der Hygiene gehen würde, dann wäre sie wohl in erster Linie eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Doch die Wasserethik reicht auch in die Sakramententheologie hinein, weil Wasser in der Liturgie und im Sakrament verwendet wird. Die weltweite Wasserkrise definiert die Bedeutung des Wassers neu. Was einst ein Symbol für Reinheit und Leben war, ist für viele Menschen zu einer Ware geworden, die sie sich nicht leisten können, und zu einem Symbol des Schmutzes und des Todes. Dies lässt die weltweise Wasserkrise nicht allein als Frage der sozialen Gerechtigkeit erscheinen, sondern ebenso als eine Frage sakramentaler Verantwortung.

Sakrament


In seinem Aufsatz The Sacramentality of Creation and the Role of Creation in Liturgy and Sacraments geht Kevin Irwin davon aus, dass die Liturgie „die Aktualisierung des österlichen Mysteriums der gläubigen Kirche durch einen Akt der Verkündigung und des Hörens des Wortes und der Feier des sakramentalen Ritus” ist. Mit anderen Worten: Sakramente sind nicht nur „von Christus eingesetzte und der Kirche anvertraute wirksame Zeichen der Gnade, durch die uns das göttliche Leben gespendet wird”, sondern sie sind symbolische Mittel der Teilhabe am österlichen Mysterium.

Die altkirchliche Maxime lex orandi, lex credendi (das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens) bringt einen grundlegenden Gedanken der liturgischen wie der Sakramententheologie zum Ausdruck: Man kann anhand dessen, wie die Kirche betet, erkennen, was die Kirche glaubt, denn: „Die Kirche glaubt so, wie sie betet.” Später dann wurde diese Maxime ausgeweitet zu lex orandi, lex credendi, lex vivendi, lex agendi. Darin kommt die Vorstellung zum Ausdruck, dass Gebet und Glaube sich nicht nur auf das alltägliche Leben auswirken, sondern dass sie auch den gesellschaftlichen Auftrag der Kirche durchdringen müssen. Doch sakramentale Symbole wirken in zwei Richtungen. Sie sind wirksam, weil sie gewöhnliche Tätigkeiten spiegeln, von ihnen abgeleitet sind und ihnen entsprechen. „So stützt sich beispielsweise die Verwendung von Wasser in der Taufe auf den Akt des Waschens; die Verwendung von Brot und Wein in der Eucharistie setzt den Akt des Essens voraus; und die Verwendung des Öls bei der Krankensalbung knüpft an die menschliche Handlung an, sich die Haut zu salben.” Dies ist ein Spiegel des sakramentalen Prinzips, wonach das Geschaffene ein Quell der Gnade sein kann (Röm 1,20).

Irwin stellt eine komplexe, auf Sakramenten basierende Schöpfungstheologie vor, die
- erstens zwischen zwei Arten sakramentaler Symbole differenziert: zwischen denjenigen, die direkt der Natur entstammen (Wasser, Feuer), und denjenigen, die aus der Natur abgeleitet sind, aber zugleich das Ergebnis des Geistes und der Arbeit von Menschen sind (Brot, Wein und Öl).
- Zweitens bedient sie sich der Beziehung zwischen den verwendeten Symbolen und den Worten, die ihre Verwendung begleiten; bei beiden bedarf es einer Antwort der Gemeinde, die mit den Symbolen und Worten einen gemeinsamen Sinn verknüpft.
- Drittens erkennt diese Theologie an, dass Symbole polyvalent sind (d.h. vieldeutig – im Gegenteil zu Zeichen, die allgemein als Objekte mit nur einer Bedeutung gelten) und dass nur einige der Bedeutungen in den Gebeten in Worte gefasst werden.

Daraus folgert Irwin, dass

„die liturgische Theologie, die von im Kontext der Liturgie verwendeten Symbolen abgeleitet ist, nicht nur von ,Objekten‘ handeln kann. Sie kann sich auch nicht nur einfach auf Symbole – insbesondere aus der geschaffenen Welt – beziehen, um Gott zu erfahren. Sich in der Liturgie auf die Schöpfung zu beziehen heißt, der Schöpfung Verehrung entgegenzubringen, durch die, mit der und in der der inkarnierte Gott offenbart und entdeckt wird. Der Gebrauch der irdischen Schöpfung in der Liturgie wird traditionell so verstanden, dass sie auf den Schöpfer verweist und eine Auffassung impliziert, die auf der soliden Grundlage theologischer Anthropologie basiert.”

Im Rest seines Artikel widmet sich Irwin der Frage, wie die Schöpfung heute in der Liturgie zum Tragen kommt. In unserem Zusammenhang lassen sich seine theoretischen Erkenntnisse zur Schöpfung und dem Sakrament auf das Wasser als Sakrament übertragen. Doch bevor wir uns dem Wasser als Sakrament zuwenden, muss zunächst noch eine weitere schöpfungstheologische Frage angesprochen werden: Ist die Schöpfung das Ur-Sakrament?

Schöpfung als Ur-Sakrament?

Die Sakramente sind als sichtbare und wirksame Zeichen der göttlichen Gnade nicht auf die sieben ritualisierten Handlungen beschränkt. Wie Edward Schillebeeckx vor über fünfzig Jahren gesagt hat, ist Christus das Ur-Sakrament, und in jüngerer Zeit hat der Katechismus der Katholischen Kirche festgestellt, dass die Kirche ein Sakrament ist, wenn auch im analogen Sinn. Einige Theologinnen bzw. Theologen (Elizabeth Johnson, Dorothy McDougall, John Hart) haben für ein Verständnis der Schöpfung oder des Kosmos als eines Ur-Sakraments plädiert. Damit versuchen sie, der anthropozentrischen und instrumentalisierenden Sicht des Christentums auf die Natur entgegenzuwirken. Anstelle dieser Sicht halten sie fest, dass die Schöpfung einen Wert an sich besitze. Sie sei ein Subjekt (kein Objekt), das den Menschen gleichwertig sei, und ihr Wert bemesse sich nicht daran, wie sie den Menschen zu Diensten ist. Auch wenn solche Bestrebungen gut gemeint sind, so sind sie doch aus mindestens drei Gründen mit Problemen behaftet. Erstens geraten solche Versuche in gefährliche Nähe zum Pantheismus und Panentheismus (oder schlimmer, zur Idolatrie), indem sie die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Schöpfung verwischen. Zweitens sind „Kosmos” oder „Schöpfung” zu große Begriffe, als dass sie noch handhabbar wären. Die Beziehungsaspekte einer Schöpfungstheologie gehen in solchen weiten Kategorien unter. Ein Verantwortungsbewusstsein für den Kosmos an sich ergibt keinen Sinn. Man bringt sich nicht einfach mit der gesamten Schöpfung in Verbindung, weil man nicht mit dem Kosmos interagiert, sondern nur mit seinen einzelnen Teilen (Pflanzen, Tieren, Flüssen, Bergen). Wenn es der Theologie der Schöpfung auch darum geht, ein stärkeres Umweltbewusstsein zu wecken, dann laufen Kosmos- und Schöpfungstheologien diesem Ziel zuwider. Und schließlich führen auch Behauptungen über die „Ursprünglichkeit” von Sakramenten nicht weiter. Sakramente sind Instrumente der Gnade und Mittel zur Teilhabe am österlichen Mysterium, und als solche lassen sie sich nicht quantifizieren, wie auch die Gnade an sich nicht quantifizierbar ist. Ob Christus, die Kirche, der Kosmos oder die Schöpfung das Ur-Sakrament sind, ist eine Unterscheidung, die des Unterschieds entbehrt.

Therese B. DeLisio wendet sich gegen kosmozentrische Sakramententheologien und votiert für eine theozentrische Sakramententheologie, genauer gesagt für „eine trinitarische Theologie der Schöpfung”. Sie spricht sich für ein Verständnis Gottes als „des Einen, der für, mit und in uns und der gesamten Schöpfung ist“ aus. Dieser Gedanke bewegt sich jenseits der traditionellen Spekulationen darüber, in welchem Verhältnis die trinitarischen Personen zueinander stehen. Stattdessen geht es nun „um Gottes Außenverhältnis, das heißt darum, wer Gott pro nobis ist – für uns”, ein Verhältnis, das „in der Schöpfung selbst seinen Ort hat”. In Irwins Sicht kommt die Schöpfung in der Liturgie zur Sprache, weil sie den Kontext der Offenbarung bildet. In ähnlicher Weise ereignet sich auch für DeLisio Gottes Selbstoffenbarung in der Schöpfung – sei es nun im Akt der Schöpfung, in der Inkarnation, der Bewegung des Geistes oder im Sakrament. Es gibt keine Offenbarung außerhalb der Schöpfung. Indem sie sich darauf konzentriert, wer Gott für, mit und in uns im Kontext der Schöpfung ist, verringert sie die Gefahr des Anthropozentrismus und umgeht die Tücken des Pantheismus und Panentheismus. DeLisio fasst zusammen: „Wenn wir uns dem Kosmos in der Sakramententheologie zuwenden, bedeutet das, dass wir ernsthaft in Betracht ziehen müssen, uns von der Vorstellung von Christus als Ur-Sakrament zu verabschieden und uns stattdessen für ein mehrdimensionales und dynamisches Symbol des Heiligen Mysteriums mitten unter uns zu entscheiden.” So erscheint die Schöpfung nicht mehr nur als Objekt, aber sie ist auch noch kein Subjekt, und sie wird auch nicht auf etwas rein Zufälliges reduziert. Die Schöpfung wird nun zum grundlegenden Kontext der Offenbarung. Im Anschluss an ein solches ehrfürchtiges Verständnis von der Schöpfung behauptet DeLisio, dass „Sakrament” auch ein mehrdimensionaler Begriff sei, der „in unseren vielfältigen Weisen der Gotteserfahrung wurzelt”, während Sakrament als „Symbol oder Handeln, das auf die Teilhabe am göttlichen Leben hinweist oder sie vergegenwärtigt und ermöglicht”, als „ein Fokus” diene, „durch den die gesamte Schöpfung verstanden, gedeutet und als ein materielles Symbol eben des Mysteriums Gottes gewürdigt werden kann”. In dieser Weise ist die Schöpfung der unverzichtbare Kontext der Offenbarung wie auch des Sakraments.

Wasser als Sakrament

Die Schöpfung ist in der Liturgie nicht allein ein Werkzeug, das „zurück zum Schöpfer” weist oder das als „Mittel zur Erfahrung Gottes” dient. Die Schöpfung dient in der Liturgie dazu, die Ehrfurcht für die Schöpfung zu zeigen, weil sie den Kontext für Gottes Selbstoffenbarung bildet. Der Schöpfung wird mit Ehrfurcht begegnet, weil sie mit der Offenbarung verbunden ist. Dies gilt in besonderem Maße für das Wasser.

Irwins sakramental begründete Schöpfungstheologie bildet eine sinnvolle Hermeneutik für eine Theologie des Wassers als Sakrament. Erst einmal lässt sich seine Unterscheidung zwischen Symbolen, die direkt der Natur entstammen und Symbolen, die aus der Natur und der menschlichen Arbeit abgeleitet sind, nicht einfach auf das Wasser übertragen. In der entwickelten Welt bleibt der Einfallsreichtum und die Arbeit, die hinter dem Wasser stecken, weitgehend unsichtbar. Ich drehe meinen Wasserhahn auf, und das Wasser fließt. Ich denke kaum je an die Arbeiter, das Rohrnetz und die Kläranlagen, die nötig sind, damit es verfügbar und trinkbar ist. Doch für diejenigen, die jeden Tag Stunden damit zubringen müssen, Wasser zu holen und Holz zu sammeln, das sie verbrennen können, um das Wasser zu erhitzen und so aufzubereiten, gibt es das Wasser wohl kaum ohne eine Verbindung mit menschlicher Arbeit. Und in der Tat sind alle in der Liturgie verwendeten Symbole (Wasser, Feuer, Öl, Brot und Wein) „Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit”, weil keines von ihnen direkt aus der Natur kommt. Dass alle sakramentalen Symbole menschliche Arbeit beinhalten, spiegelt die Vorstellung wider, dass Gott die Menschen in eine Beziehung des Zusammenarbeitens einlädt, bei der nicht das Geschenk der Schöpfung allein eine angemessene Opfergabe ist, weil das hieße, Gott das zurückzugeben, was er zuvor selbst gegeben hat.

Irwins zweiter Aspekt – dass sakramentale Symbole und die Worte, die ihre Verwendung begleiten, einer Antwort der Gemeinde bedürfen, die mit den Symbolen und Worten einen gemeinsamen Sinn verknüpft – sowie sein dritter Punkt – dass sakramentale Symbole polyvalent sind und als Brücke zwischen dem Heiligen und dem Profanen dienen – lassen sich in einer Theologie des Wassers als Sakrament zusammenfassen. Sakramentale Symbole sind wirksam, weil sie alltäglichen Handlungen entsprechen. Alltägliche Objekte werden zu sakramentalen Symbolen, weil sie in einem gemeinschaftlichen liturgischen Setting verwendet werden (Wasser wird zu Weihwasser, und Brot wird zum Leib Christi). Alltägliche Handlungen werden sakramental aufgrund ihrer Verbindung mit der Liturgie (das Waschen erinnert uns an die Taufe, das Essen wird eucharistisch). Dies ist möglich, weil die Gemeinde mit diesen Objekten in der sakralen wie in der alltäglichen Sphäre einen gemeinsamen Sinn verknüpft. Doch die Verbindung funktioniert in beide Richtungen. Wie ein Objekt in alltäglichen Tätigkeiten gebraucht wird, hat Auswirkungen auf sein Vermögen, als Sakrament zu fungieren. Was passiert, wenn die Erfahrung der Gemeinde mit dem alltäglichen Objekt es als sakramentales Symbol ungeeignet, unangemessen oder unwirksam erscheinen lässt? Dies gilt ganz besonders für das Wasser, das zentrale Symbol der Taufe.

Bei der Taufe ist das Wasser ein unverzichtbares Symbol für das neue Leben, die Sündenvergebung und die Zugehörigkeit zum Leib Christi. Doch im täglichen Leben von Milliarden von Menschen ist das Wasser mit Exkrementen und Chemikalien verseucht und ein tödlicher Quell von Krankheiten; es ist eine Ware, die sie sich nicht leisten können oder ein Grundnahrungsmittel, das sie viele Arbeitsstunden kostet. Verseuchtes Wasser besitzt, wie John Hart bemerkt, „keinen sakramentalen Charakter mehr als Zeichen des Schöpfergeistes in der Natur”. Wie kann man mit Wasser taufen, das zu schmutzig ist, um es zu trinken? Wasser, das mit Exkrementen und krebserregenden Substanzen verunreinigt ist, ist kein wirksames Symbol mehr für das Abwaschen des Makels der Ursünde; vielmehr wird es zum Symbol von Krankheit und Tod. In ähnlicher Weise bemerkt Hart: „Wenn Wasser zum Privatbesitz wird, dann wird seine sakramentale Bedeutung als Gemeinbesitz vielen Menschen verwehrt. Seine Verfügbarkeit als Zeichen des liebenden Geistes, der sich um alles Leben sorgt, wird eingeschränkt.” Wie kann man mit Wasser taufen, das so kostbar ist, dass sich die Menschen entscheiden müssen, ob sie das für die Taufe notwendige Wasser kaufen oder ob sie Nahrung und Medikamente kaufen? Wenn Wasser zu einer teuren Ware wird, dann funktioniert es nicht mehr als Symbol für die von Gott reichlich geschenkte erlösende Gnade, sondern steht für Unterdrückung und den Prozess der Kommerzialisierung der Gnade.

Irwin fordert dazu auf, sich sowohl der sakramentalen Symbole zu bedienen als auch der Worte, die ihren Gebrauch begleiten. Wenn beispielsweise die Gebete der Taufliturgie für Erwachsene im Kontext der Zweidrittelwelt gesprochen werden, dann ist dieser Gegensatz von geradezu tragischer Ironie. Das Segensgebet über dem Taufwasser bei der Osternacht (Version A) wiederholt eine Vielzahl biblischer Wasserbilder (die Schöpfung, die Sintflut, den Durchzug durch das Rote Meer, den Befehl zur Taufe aller Völker und die Kreuzigung) und spricht direkt von der Gnade des Wassers:

„Auf vielfältige Weise hast du das Wasser dazu erwählt, dass es hinweise auf das Geheimnis der Taufe [...] Dieses Wasser empfange die Gnade deines eingeborenen Sohnes vom Heiligen Geiste, damit der Mensch, der auf dein Bild hin geschaffen ist, durch das Sakrament der Taufe gereinigt wird von der alten Schuld und aus Wasser und Heiligem Geiste aufersteht zum neuen Leben deiner Kinder.“

Der Zelebrant ist gehalten, entweder die Osterkerze oder seine Hand in das Wasser einzusenken und zu sprechen:

„Durch deinen geliebten Sohn steige herab in dieses Wasser die Kraft des Heiligen Geistes, damit alle, die durch die Taufe mit Christus begraben sind in seinen Tod, durch die Taufe mit Christus auferstehn zum ewigen Leben.”

In diesem Gebet geht es darum, dass das Wasser reinigt und neues Leben gibt; dies sind zwei Eigenschaften, die den größten Herausforderungen der weltweiten Wasserkrise entsprechen: Reinheit und Erreichbarkeit.

Erwähnenswert ist auch noch die Anweisung, dass das Wasser bewegtes bzw. lebendiges Wasser sein soll. In der Natur sammeln sich in stehendem Wasser leicht Krankheitserreger; bewegtes bzw. lebendiges Wasser gilt als frisch. Die Didache, eine der ältesten christlichen Abhandlungen (ca. 90 n. Chr.), enthält die Anweisung, dass man „in lebendigem Wasser” taufen solle. „Wenn dir aber lebendiges Wasser nicht zur Verfügung steht, taufe in anderem Wasser! Wenn du es aber nicht in kaltem kannst, dann in warmem!” Ergänzt wird der Hinweis auf das lebendige Wasser durch die Allgemeine Anweisung, wonach „das für die Taufe verwendete Wasser wirkliches Wasser und wegen der eigentlichen sakramentalen Symbolik und aus hygienischen Gründen rein und sauber sein soll”, und dass das Taufbecken selbst „makellos sauber sein soll”. In der Allgemeinen Anweisung wird auch erwähnt, dass das Eintauchen die bevorzugte Taufmethode ist und dass, „wenn das Klima es erfordert, Vorkehrungen getroffen werden sollen, dass das Wasser zuvor erhitzt wurde”. So wird sowohl durch die Worte als auch die Handlung der Taufe deutlich, dass Wasser eine sinnliche und unverzichtbare Rolle bei der Taufe spielt. Die kirchliche Theologie des Wassers ist tiefgründig und vielfältig, sie ist trinitarisch und findet ihre Basis in Schrift und Tradition. Dies ist alles schön und gut für eine Tauftheologie, aber Symbole funktionieren in zwei Richtungen. Die größte Bedrohung eines Verständnisses des Wassers als eines Sakraments erwächst nicht durch irgendeine neue theologische Bewegung oder durch eine radikale Interpretation der Schrift. Die schwerwiegendste Bedrohung des Wassers als eines Sakraments sowie der Taufpraxis erwächst aus der Situation des Wassers in der Welt.

Fazit: lex vivendi, lex agendi

Die Erzählung von Jesus und der Samaritanerin am Brunnen (Joh 4,1–42) ist ein passendes Sinnbild für die Beziehung zwischen der einen durstigen Milliarde Menschen und der Sakramentalität des Wassers. Der johanneische Philosoph Jesus verwendet die Metapher vom lebendigen Wasser und hält einen Vortrag über die Erlösung. Die namenlose Frau ist mit praktischen Dingen beschäftigt. Als er sie um etwas zu trinken bittet, sorgt sie sich zunächst darum, wie dies aussehen wird (ein jüdischer Mann bittet eine samaritanische Frau um Wasser), und dann weist sie darauf hin, dass er kein Gefäß besitzt. Jesus verspricht: „Wer aber von dem Wasser trinkt, dass ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben” (V. 14). Worauf sie antwortet: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr haben und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen” (V. 15); vermutlich weil sie dadurch einiges an Arbeitszeit sparen würde. In diesem Fall reden zwei Menschen aneinander vorbei. Jesus beschäftigt sich mit dem Durst im übertragenen Sinn, während es der Frau um den ganz unmittelbaren Durst geht.

In gleicher Weise wird es der Kirche heute mit ihrer Theologie des Wassers ergehen, wenn sie sich weiterhin ausschließlich auf theoretische und theologische Überlegungen zur Heiligkeit des Wassers konzentriert und die Realität der durstigen Zweidrittelwelt ignoriert: Bald wird ihr aufgehen, dass dieses zentrale Symbol des christlichen Glaubens durch Umweltzerstörung, Dürre und die Kräfte des Marktes neu bestimmt wurde. Symbole funktionieren, weil sie sich der von einer Gemeinschaft geteilten Bedeutungen bedienen. Die Bedeutung des Wassers hat sich geändert. Für viele Menschen ist es nicht mehr länger ein Symbol des neuen Lebens und der Reinheit. Diese Veränderung zwingt die sakramentale und liturgische Theologie dazu, sich der Ethik, der Politik und der Ökonomie zuzuwenden. Lex orandi, lex credendi, lex vivendi, lex agendi.

Die Art und Weise, in der das Wasser in der Liturgie eingesetzt wird und in der dort über das Wasser gesprochen wird, kann ein Ausgangspunkt für die Schulung in Fragen der Wassergerechtigkeit sein, und sie kann Christen dazu anregen, zu Fürsprechern der Wassergerechtigkeit zu werden – nicht allein aufgrund der Barmherzigkeit gegenüber denen, die Durst leiden, sondern aus sakramentaler Verantwortung heraus. Dies kann dadurch geschehen, dass Wasser häufiger in eucharistischen Liturgien verwendet wird, wenn man sich für den Ritus der „Segnung und Besprengung mit gesegnetem Wasser” statt für den Bußritus entscheidet. Diese Variante umfasst drei Gebete für die Segnung des Wassers, die allesamt vom Wasser als einem Sakrament sprechen. Das Besprengen an sich sollte in reichlicher Weise geschehen. Taufbecken (und Weihwasserbecken an den Kirchentüren) sollten sauber, auffällig und ästhetisch ansprechend sein. Die großzügige und häufige Verwendung von Wasser in Verbindung mit Gebeten, die vom Wasser als Sakrament sprechen, weckt die Vorstellung, das Wasser als Geschenk, als Segen und als Lebensquell anzusehen. Diese Praxis kann damit einhergehen, auf die weltweite Wasserkrise aufmerksam zu machen: in den Fürbitten und, soweit es passt, in gelegentlichen Predigten (an Sonntagen, an denen Taufen gefeiert werden) sowie durch die Verwendung von Messen und Orationen bei verschiedenen Anlässen im Römischen Messbuch, die vom Wasser handeln. Im Kirchenjahr gibt es daneben eine Reihe von Gelegenheiten, um die Substanz und die geistliche Bedeutung des Wassers hervorzuheben: das Fest der Taufe des Herrn, Epiphanias, die Sonntage der Passions- und Osterzeit, Bitttage und andere Tage, die der Schöpfung, der Ernte oder dem Regen gewidmet sind. Ebenso können Kirchengebäude als Symbole dafür dienen, eine Schöpfungstheologie zu verkündigen, die das Wasser ehrt, wenn undichte Stellen repariert, durchflussregulierte Spülen und Toiletten eingebaut oder ihre Umgebung mit einheimischen Arten gestaltet werden, die nicht bewässert werden müssen; wenn Regentonnen und Regenwasser genutzt und die Fläche an versiegelten Oberflächen reduziert werden, um das Abfließen von Wasser zu verringern. Letzten Endes gehört der Einsatz für die weltweite Wassergerechtigkeit (durch Organisationen wie Catholic Relief Services oder Caritas Internationalis) auch zur Gottesdienstfeier für das Leben und das Wasser dazu.

Toiletten und Pflanzen erscheinen vielleicht in einer Theologie des Wassers nicht am Platze oder völlig jenseits des Erlaubten in der Liturgie. Doch das ist nur deshalb so, weil Gottesdienste häufig so gefeiert werden, als ob die Dinge der Welt für das österliche Mysterium keine Bedeutung hätten. Zu sehr ins Private gehende oder angeblich unpolitische Gottesdienste sind nicht einfach nur unerfreulich oder fehl am Platze. Sie sind Ausprägungen der sozialen Sünde, denn weil sie den ökonomischen und politischen Status quo nicht infragestellen, der eine Milliarde Menschen dürsten lässt und 3,5 Millionen Kinder pro Jahr tötet, verweigern wir dem einen Becher Wasser (Mt 10,42), der am Kreuz ausruft: „Mich dürstet” (Joh 19,28).

Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Gerlinde Baumann

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