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Leseprobe 1
Erik P. N. M. Borgman
Die kapitalistische Ökonomie und der Gott der Nächstenliebe
Einige theologische Überlegungen
Gleich zahlreichen anderen Pfarrern und Pfarrerinnen hat Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury und Primas der Anglikanischen Gemeinschaft, am 16. November 2008 über das Gleichnis von den Talenten gepredigt. Dem Verfasser des Matthäusevangeliums zufolge sagte Jesus seinen Jüngern, das Reich Gottes sei

„wie ein Mann, der ins Ausland reiste, seinen Knechten Anweisungen erteilte und ihnen sein Vermögen anvertraute. Einem gab er fünf Talente, einem anderen zwei, und einem dritten eines [...]. Der Mann, der fünf Talente erhalten hatte, ging sofort hin und handelte damit und erwirtschaftete noch fünf hinzu. Der Mann, der zwei Talente erhalten hatte, erwirtschaftete noch zwei hinzu. Doch der Mann, der eines erhalten hatte, ging und grub ein Loch in den Boden und versteckte das Geld seines Herrn.”
(Matthäus 25,14–18)

Die beiden, die Profit erzielt haben, werden reich belohnt; derjenige, der nur dafür Sorge getragen hat, dass sein Vermögen sicher aufbewahrt wurde, muss sein Geld demjenigen mit den fünf Talenten geben, der bereits fünf weitere dazubekommen hat. „Denn dem, der hat, wird dazugegeben werden, und er wird mehr als genug haben; doch jedem, der nichts hat, wird auch noch das, was er hat, weggenommen werden” (Vers 29). Bei dieser Pointe hat man fast zwangsläufig ein ungutes Gefühl.

Als er diese Predigt hielt, war Williams bewusst, dass das volle Ausmaß und die möglichen Folgen einer globalen Wirtschaftskrise erst nach und nach zutage traten. Aus dem Gleichnis von den Talenten leitet Williams eine überraschende Einsicht in den Charakter des Geldes und damit in die Wirtschaft als Ganzes her. Der Knecht, der das ihm anvertraute Geld vergrub, hat nach Williams nicht verstanden, dass ihm eine Beziehung anvertraut wurde. Durch Jesu Verkündigung des Reiches Gottes empfangen die Menschen eine neue Beziehung zu Gott und zueinander. Eine Beziehung lässt sich per definitionem nicht isolieren; man kann sie nicht aufrechterhalten, indem man sie separiert. Relationalität, Verbundenheit kann nicht entweder investiert oder nicht investiert werden, wie es das Gleichnis unter Verwendung des Bildes vom Geld zunächst anzudeuten scheint und wie es der dritte Knecht offensichtlich auch annimmt. Relationalität, Verbundenheit existiert nur, indem man sie investiert. Dies geschieht durch Formen von Verbundenheit und Bindung, in denen alle Beteiligten zugleich Gebende und Empfangende sind. Darin liegt die Botschaft des Gleichnisses.

Williams vertritt die Auffassung, dass uns das Gleichnis mithin etwas Wichtiges über die derzeitige Wirtschaftskrise zu sagen hat, indem es wirtschaftliches Handeln zur Metapher für etwas macht, das mehr ist als Ökonomie. In Diskussionen mit Menschen aus der Wirtschaft sei ihm häufig aufgefallen, wie sehr diese auf das Erzielen von Profit ausgerichtet seien. Sie seien kaum dazu zu bewegen, ihre Aufmerksamkeit auf Beziehungen zu richten, und sie seien fast nicht dazu bereit, sich die notwendige Zeit zu nehmen, um mit wirklich engagierten Menschen erfolgreich ein Geschäft aufzubauen. Allein die finanziellen Resultate zählten, und diese müssten sofort erzielt werden. Der Erzbischof schließt daraus:

„Also hat das doppelte Problem – das Fehlen von Beziehung und die Reduzierung der aufgewendeten Zeit – die irreale, destruktive Welt der Spekulation geschaffen, die das Leben zahlreicher Menschen zerstört hat, zu denen viele der bedürftigsten und schwächsten Menschen in unserer Gesellschaft und in aller Welt zählen.“

Hier wird, so denke ich, ein wichtiger Gedanke zum Ausdruck gebracht, dem ich in diesem Artikel etwas weiter nachgehen möchte.

Die Abkehr von moralisierender und totalisierender Kritik


Meiner Ansicht nach eröffnet dieser Gedanke einen Weg, Ökonomie und Wirtschaftswissenschaften theologisch zu verstehen. Dieses Verständnis steht den gegenwärtigen Wirtschaftsbeziehungen und ihrer Logik kritisch gegenüber. Allerdings geschieht dies auf andere Weise als bei der großen Entzauberung des Kapitalismus durch Theologen in den 1980er und frühen 1990er Jahren. In meiner Sicht brauchen wir eine andere Kritik der derzeitigen Ökonomie als die, in der die Ökonomie nur als institutionalisierte Habgier erscheint, die die ärmeren Regionen der Welt unbarmherzig ausbeutet und die natürlichen Ressourcen hemmungslos zerstört. Wie notwendig die Veränderungen sind, belegen die exorbitanten Gehälter in der Finanzwelt, der enorme Unterschied zwischen Arm und Reich sowie der voranschreitende Raubbau an der Erde und ihrer Intaktheit – der Erde, auf der eigentlich das gute Leben in Fülle Gestalt annehmen soll. Wie aber Schmerzen nicht anzeigen, worin ihre Ursache liegt oder wie man diese am besten bekämpft, so leistet auch die moralische Entrüstung keinen Beitrag zur Aufklärung dessen, was tatsächlich geschieht oder wie Veränderungen herbeigeführt werden können. Nach Auffassung des deutschen Kommunikationswissenschaftlers Norbert Bolz besteht die Gefahr, dass Theologen die Vorstellung vom Kapitalismus als einer umfassenden Totalität dazu benutzen, ihre eigene Disziplin durch die Kritik daran zu legitimieren.

Dabei ist es keineswegs so, dass die Analyse des Kapitalismus kein Problem wäre. Das Problem allerdings besteht darin, dass es schlicht keinen Raum „außerhalb” des Kapitalismus gibt, auch nicht für Chronisten oder Kritiker. Der heutige Kapitalismus ist keine Vorstellung, die man aus moralischen Gründen befürworten oder ablehnen könnte. Er ist ein praktiziertes System, das uns fortwährend handeln lässt und das durch unsere Handlungen bestätigt wird.

Der deutsch-jüdische Philosoph Walter Benjamin (1892–1940) hat den Kapitalismus als „eine reine Kultreligion” bezeichnet. Nach Benjamin ist der Kapitalismus eine Religion, weil er die gleichen Sorgen, Ängste und Befürchtungen anspricht wie die Religionen. Kapitalismus, so schrieb Benjamin, ist „vielleicht die extremste [Kultreligion], die es je gegeben hat”, weil er über keine Lehren verfüge, an die man glauben müsse. Er bestehe aus der reinen Tat. Das Produzieren, Verkaufen, Kaufen und Verbrauchen sei ein permanenter Kult, der sich selbst durch die reibungslose Weise legitimiere, in der er funktioniere. Dazu gehört auch, dass sich die Wirklichkeit des Kapitalismus mit moralischer Kritik oder rein theoretischen Analysen nicht erfassen lässt. Der Kapitalismus begründet sich nicht auf theoretische Weise, sondern durch die Praxis. Selbst den radikalsten Theoretikern und Aktivisten ist es nicht möglich, die eigene Beteiligung daran zu beenden und weiterzuleben. Wie gelangen sie an Lebensmittel außer durch den Markt, wie reisen sie, wo wohnen sie und womit kleiden sie sich? Wie werden die Daten für ihre Analysen gesammelt und abgerufen, wie funktionieren die Computer, und wie werden die Büros an den Universitäten geheizt und gereinigt? Ich würde sogar sagen: Gerade die Vorstellung, es könne möglich sein, keinen Anteil zu haben an der Situation, in der man sich befindet, die Vorstellung, man könne fähig sein, einen Schritt hinaus zu tun und nur durch den Willen zur Veränderung eine Verbindung mit der Situation einzugehen, wird durch den Kapitalismus verstärkt, wenn nicht gar durch ihn erzeugt. Es ist der ultimative Traum des einzelnen Konsumenten: vollkommen frei zu sein, das zu bekommen und zu tun, was immer man will – aus dem einzigen Grund, dass man es will.

An anderer Stelle schreibt Walter Benjamin, dass unsere Generation die Erfahrung gemacht habe, dass der Kapitalismus keines natürlichen Todes sterben werde. Ist dies das untrügliche Zeichen dafür, dass der Kapitalismus totalitär ist? Im Marxismus gibt es eine Tradition, in der diese Ansicht vertreten wird. Im Kommunistischen Manifest hat Karl Marx (1818–1883) die radikale Kapitalismuskritik im Proletariat verortet. Als Arbeiterklasse spiele das Proletariat die Schlüsselrolle bei der kapitalistischen Wohlstandsproduktion, doch es sei ebenso die unterdrückte und ausgebeutete Klasse, die nichts zu verlieren habe als ihre Ketten. Das Proletariat würde mit der Revolution beginnen, die den Kapitalismus abschafft. Demgegenüber war Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924) der Ansicht, dass alle Menschen in einer kapitalistischen Gesellschaft vom kapitalistischen System und seiner Ideologie verblendet seien. Lenin verkündete, dass sie der Kommunistischen Partei bedürften, die sie über ihre wirkliche Situation aufklären und sie zu Revolutionären machen würde. Dieser Denkrichtung folgend hielt Georg Lukács (1885–1971) die gesellschaftliche Wirklichkeit für eine abgeschlossene Totalität, an der die Beteiligten naturgemäß nur Anteil haben könnten, ohne sie jemals wirklich zu erkennen oder zu verstehen und schon gar nicht zu kritisieren. Die Arbeiterklasse würde nur dann mit der Revolution beginnen, wenn ihr ihre objektive Lage in der von Marx entwickelten wissenschaftlichen Analyse des Kapitalismus mit Hilfe der Propaganda erklärt würde.

Es ist unschwer zu erkennen, wie dies nahezu unausweichlich zu einer totalitären Position führt. In dieser Sicht hat die Kommunistische Partei immer und erklärtermaßen Recht, weil sie als einzige den Zugang zur wissenschaftlichen und objektiven und darum entscheidenden Wahrheit über die Gesellschaft hat. Die Erfahrungen einfacher Menschen sind fehlgeleitet, und die Beschäftigung mit ihnen lohnt sich nicht, weil sie vom kapitalistischen System hervorgebracht und deshalb per definitionem mit Fehlern behaftet sind.

Die Hinwendung zu einem inkarnatorischen Ansatz

Meines Erachtens verfolgt das Christentum einen grundsätzlich anderen Ansatz. Auch wenn nicht klar ist, wie man den Kapitalismus analysieren und kritisieren kann, so führt doch die inkarnatorische Sichtweise des Christentums zu der Überzeugung, dass Erkenntnisse über die Gesellschaft nicht dadurch gewonnen werden können, dass man sich aus ihr zurückzieht. Wenn die Liebe Gottes zur Welt dazu geführt hat, dass er ihr seine verletzliche Präsenz in der Gestalt Jesu Christi zum Geschenk gemacht hat, dann kann die christliche Reaktion auf keinen Fall in der Abstraktion vom Konkreten bestehen. Die Antwort sollte vielmehr in der Suche nach mehr Konkretion liegen. Der Ausgangspunkt hierfür ist gerade die Überzeugung, dass etwas mit dem Kapitalismus grundsätzlich nicht stimmt. Diese Überzeugung beruht auf der Erfahrung und der Einsicht in das, was vor sich geht und was der Fall ist. Was auch immer der Kapitalismus ist – keinesfalls ist er ein geschlossenes System, das alle Formen des Widerstands, der Kritik und der kritischen Analyse von vornherein effektiv ausschließen würde.

An dieser Stelle kommt Rowan Williams ins Spiel. In Anschluss an eine sehr alte Denktradition über die Sünde weist er darauf hin, dass das Problem des Kapitalismus darin bestehe, die Relationalität außer Acht zu lassen. Der Kapitalismus basiert auf Beziehungen, Bindungen und Verbindungen zwischen Menschen. Für diese ist er allerdings blind, und er leugnet sie sogar vehement. Ein typisches Beispiel hierfür ist der Lieblingsspruch der früheren englischen Premierministerin Margaret Thatcher: „So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht”: Der Individualismus ist die Ideologie des Kapitalismus. Diese Ideologie steht allerdings immer schon im Widerspruch zum Verhalten der Menschen, und sie wird durch das in Frage gestellt, wonach sich die Menschen ganz offensichtlich sehnen. Wie auch immer man die jüngsten Tendenzen zum Populismus, zur Fremdenfeindlichkeit und zum Schutz einer vermeintlichen Leitkultur – wie sie zumindest in der ganzen westlichen Welt festzustellen sind – bewertet, so lassen sie doch eindeutig nicht auf einen tiefgreifenden Individualismus schließen. Man kann wohl behaupten, dass Menschen im Populismus ein Gefühl der Zugehörigkeit finden: als Heilmittel gegen die Tendenz des Kapitalismus, sie zu einsamen und isolierten Individuen in einer leeren Welt zu machen. Damit soll natürlich nicht der höchst problematische und gewalttätige Charakter der populistischen Ideologie bestritten werden. Ich halte es jedoch für wichtig, dass wir den Protest verstehen, der in dem liegt, was ansonsten einfach als Ausbruch reaktionärer Ressentiments erscheint.

Erzbischof Williams vertrat in seiner Predigt vom 16. November 2008 die Auffassung, dass Geld ein verborgener Ausdruck von Gemeinschaft ist. Damit schließt er sich an die Tradition der mittelalterlichen Mystikerin Katharina von Siena (1347–1380) an. In der sich damals entwickelnden Marktwirtschaft und in der zunehmenden Arbeitsteilung sah sie einen Ausdruck des göttlichen Willens, weil diese Entwicklung die wechselseitige Abhängigkeit aller Menschen fördere. Einer ihrer Visionen zufolge hatte sich Gott mit folgenden Worten an Katharina gewandt:

„Damit ihr also in der äußeren Tat wie in der inneren Neigung die Liebe übt, hat meine Vorsehung nicht dem Einzelnen und jedem Menschen für sich all das Wissen und die Kunst verliehen, die für das gesamte Menschendasein erforderlich sind, sondern der eine kann dies, der andere jenes, sodass einer sich in seiner Not an den andern halten kann. [...] Hätte ich nicht jedem alles geben können? Natürlich, aber meine Vorsehung wollte, dass der eine sich vor dem anderen demütige und beide gezwungen seien, die Nächstenliebe sowohl der Tat wie der Neigung nach zu üben.“

Indem sie Waren und Dienstleistungen tauschen – mit anderen Worten: indem sie auf dem Markt Handel treiben –, tragen Menschen füreinander Sorge, und auf diese Weise sind sie ein Zeichen und ein Spiegel der Liebe Gottes und erweisen sich als Gottes Ebenbilder.

Der entscheidende Punkt ist dabei jedoch, dass der Kapitalismus für diesen grundlegenden Aspekt der Ökonomie blind ist: dass sie die Möglichkeit bietet, dass sich Menschen umeinander kümmern und mit dem Lebensnotwendigen versorgen. Und das führt zu bedrohlichen Situationen: einerseits für die Menschen am Rande der Gesellschaft – was offensichtlich ist, seit es den Kapitalismus gibt –, andererseits, wie die derzeitige Schuldenkrise zeigt, auch für die Gesellschaft und ihre Ökonomie insgesamt.

Wie Karl Marx bereits vor gut 125 Jahren gezeigt hat, ist diese Blindheit eng mit der ambivalenten Funktion des Geldes im Kapitalismus verknüpft. Wer nur über Geld verfügt in einer Situation, in der bestimmte lebenswichtige Güter knapp sind, wird schnell entdecken, dass – wie Papst Benedikt XVI. etwas unbedacht zu Beginn der derzeitigen Finanzkrise sagte – Geld „nichts” ist. Nur wirkliche Dinge mit einem wirklichen Wert für das Leben der Menschen – um den Hunger zu stillen, vor Kälte zu schützen, Ideen zu verbreiten – sind wirklich etwas. Marx hat allerdings auch gezeigt, dass die Menschen, die nur über Eigentum, aber nicht über Geld verfügen, in einer kapitalistischen Marktwirtschaft entdecken werden, dass nur Geld wirklich real ist. Der Schuster mit einem Lager voller Schuhe wird Hunger leiden, solange er nicht einige seiner Schuhe verkauft und Geld einnimmt, um Essen zu kaufen. Der Arbeiter kann nur dann von seiner Arbeit leben, wenn ihn jemand beschäftigt und entlohnt. Der Eigentümer einer Fabrik voller Maschinen, der über die notwendigen Rohstoffe verfügt, kann die Arbeiter nur gegen Geld beschäftigen. In solchen Situationen ist Geld eine höchst reale Sache.

Der Marx‘schen Analyse zufolge trennt das Geld den Tauschwert von Gütern scheinbar von ihrem Gebrauchswert. Es macht sie zu Waren, die zu einem bestimmten Preis erworben und verkauft werden können. Doch Tauschwert und Gebrauchswert gehören untrennbar zusammen. Der Grund dafür, etwas kaufen zu wollen, ist der angenommene Gebrauchswert eines Gutes. Im Bereich der Ökonomie erscheinen Güter jedoch allesamt nur als Waren, die einen bestimmten Tauschwert repräsentieren. Anders gesagt: Im Produktionsprozess scheint nur der Tauschwert eine Bedeutung zu besitzen – bis aus irgendeinem Grund niemand mehr willens oder in der Lage ist, die Güter zu kaufen, und dann wird das Geld unversehens zu nichts. Dann wird deutlich, dass Güter letztlich keine Waren sind, die zum Verkauf hergestellt werden, sondern dass sie Dinge sind, die Menschen haben möchten, weil diese ihnen helfen, ihr Leben zu führen. Die Kreditverknappung im Jahr 2008 scheint durch die sträfliche Vernachlässigung der Tatsache ausgelöst worden zu sein, dass Güter letztlich zum Gebrauch dienen, und dass sie deshalb einen Tauschwert besitzen, weil sie nützlich sind. Eine Ökonomie, die im Übermaß unnütze Produkte herstellt, hat letztendlich keinen Bestand. Dabei können diese Produkte „wirkliche” Dinge sein oder auch – wie im Fall der Kreditkrise – Finanzkonstruktionen, die Menschen zu der irrigen Annahme verleiten, sie könnten sich ein Haus leisten, das sie faktisch aber nicht bezahlen können.

Ein gesellschaftliches Verständnis der Ökonomie

Hieraus zieht George Soros, der amerikanische Geschäftsmann und Beobachter der Finanzmärkte, die Konsequenz, dass es keinen Sinn hat zu versuchen, das Vertrauen in die Wirtschaft einfach wiederherzustellen – was grob gesagt seit 2008 versucht wird. Seiner Ansicht nach wären wir gut beraten, stattdessen den Wert des Geldes an den Finanzmärkten sowie die Werte von Anleihen und Aktien nicht mehr als etwas zu betrachten, das manipuliert werden kann. So sehr sich auch einige darum bemühen – der Markt lässt sich nicht in ein geschlossenes, selbstreferentielles System verwandeln. Er kann nur Ausdruck unseres kollektiven Wissens von der Realwirtschaft sein, wenn auch weitgehend unbewusst: von der Ökonomie der Menschen, die kaufen, verkaufen und Sachen besitzen, um ihr Leben zu gestalten. Deshalb kann man die berechtigte Frage stellen, ob uns das derzeitige ökonomische System wirklich mit Wissen versorgt, oder ob es uns nur eine Illusion vorgaukelt – bis die Illusion als solche entlarvt wird und es zur Krise kommt. Wichtig ist es, Mechanismen zu entwickeln, die das Finanzsystem enger an die Realwirtschaft von Produktion und Verbrauch binden, an den Austausch von Gütern und Dienstleistungen und an die Bedürfnisse der Menschen sowie deren Fähigkeit, diese zu befriedigen. Mit anderen Worten: Es ist wichtig, dass der Gebrauchswert nicht hinter den geheimnisvollen Mechanismen des Tauschwertes verborgen bleibt, sondern dass ein gutes Leben für alle Menschen wieder zum ausdrücklichen Ziel der Ökonomie wird. Im Sinne Katharinas von Siena sollten wir nicht nur Nächstenliebe praktizieren, indem wir uns im Tun um einander kümmern – was man unmöglich nicht tun kann, denn das würde man nicht überleben –, sondern auch im Wollen.

Damit würden wir dann der Ökonomie wieder eine Rolle beim Aufbau einer guten Gesellschaft zuweisen und sie in erster Linie als „politische Ökonomie” verstehen. Das würde notwendigerweise mit dem Abschied von der Illusion beginnen, dass die Ökonomie ein Bereich mit eigenen Gesetzen sei, vergleichbar etwa den Naturgesetzen. Die Wirtschaftswissenschaften, die sich mit der Erforschung der Ökonomie befassen, sind keine exakte Wissenschaft, sondern sollten als praktische Gesellschaftswissenschaft verstanden werden. Das ist – implizit oder explizit – auch das Verständnis von Ökonomie und Wirtschaftswissenschaften in der katholischen Soziallehre. Lange Zeit hat die Mehrzahl der Wirtschaftswissenschaftler dieses Verständnis ihrer Disziplin abgelehnt, doch es sieht danach aus, dass sich hieran etwas ändert. Grundlagen, Aufgaben, Verantwortlichkeit und Ziel dieses Wissenschaftszweigs werden gegenwärtig stark diskutiert. Mir scheint, dass dies uns Theologen und Theologinnen die Möglichkeit bietet, uns in diese Debatte einzumischen und so konkret wie möglich zu zeigen, dass in der Ehrfurcht vor dem Gott der Nächstenliebe der Anfang der Weisheit einer Gesellschaft besteht (vgl. Sprichwörter 9,10).

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