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Leseprobe 1
Daniel G. Groody
Bewegliche Ziele
Migranten, Globalisierung und Menschenhandel
I. Die Globalisierung des Menschenhandels

Vom 11. Juni bis zum 11. Juli 2010 war Südafrika Gastgeber der 19. FIFA - Fußballweltmeisterschaft. Das ist das Sportereignis, das weltweit von den meisten Menschen mitverfolgt wird; das Endspiel hatte fast eine Dreiviertel Milliarde Zuschauer auf der ganzen Welt. Um sich auf die Hunderttausende von Touristen vorzubereiten, investierte das Land Milliarden Dollar in die Entwicklung seiner Infrastruktur und in neue Anlagen. Eine dieser neu errichteten Spielstätten war das Nelson-Mandela-Bay-Stadion, in dessen Schatten eine andere Art von Vorbereitung stattfand. Monate vor dem Spiel sagte ein Bordellbesitzer in Bloemfontein: „Ich erwarte wirklich ein gutes Geschäft während der Weltmeisterschaft.” Er hatte bereits erhebliche Profite mit den Bauarbeitern des Stadions gemacht, doch ihm war klar: Mehr Besucher bedeuteten mehr Geld.

Um der Nachfrage künftiger Kunden entsprechen zu können, war er in eine ganz andere Art von Spiel verwickelt, in das Spiel nämlich, das von Menschenhändlern betrieben wird, die Armut und Verwundbarkeit für ihre Zwecke ausbeuten. Diese Menschenhändler stellen umfangreiche Berechnungen an und entwickeln umfassende Betrugssysteme, um Prostitutionsringe zu schaffen, die mit „menschlichem Kapital” ausgestattet sind. Eines ihrer Opfer war Sindiswa, deren Name „Befreiung” bedeutet. Sie kam aus Indwe, einer der ärmsten Regionen Südafrikas. 95 Prozent der Menschen in ihrer Stadt leben unterhalb der Armutsgrenze, jeder Vierte ist mit HIV infiziert. Somit hatte sie trostlose Aussichten in ökonomischer Hinsicht und im Hinblick auf Bildung und Beschäftigung. Dazu wurde sie noch mit 16 Jahren eine Waise und hatte – wenn überhaupt – kaum Zukunftschancen. Doch im Februar 2010 bot ihr eine Frau aus einer Stadt in der Nähe „ehrliche Arbeit” in Bloemfontein an. Kurz nach ihrer Ankunft wurde sie einem nigerianischen Drogen- und Menschenhändler für 120 Dollar und ein wenig Crack verkauft. Von nun an verdingte sie sich auf den Straßen und führte ein Leben als erniedrigte Sexsklavin. Jede Nacht arbeitete sie zwölf Stunden. Wenn sie zu entkommen versuchte oder Widerstand leistete, wurde sie geschlagen oder gar vergewaltigt.

Sindiswa ist eines von Millionen jährlichen Opfern von Menschenhandel. Jedes Land der Welt ist in irgendeiner Weise vom Menschenhandel betroffen, entweder als Ursprungsland, als Transitland oder als Bestimmungsland. Die Menschen werden für nicht mehr als 45 Dollar eingetauscht und verkauft, auf vielfache Weise werden sie erniedrigt und wird ihnen brutale Gewalt angetan: Der Preis, den diese Menschen bezahlen, ist nicht zu beziffern. Opfer von Menschenhandel kann man im Umfeld von herausragenden Ereignissen wie der Fußballweltmeisterschaft antreffen, doch sie sind fast überall rund um den Globus zu finden. Der Menschenhandel hält seine Opfer nicht nur in einem komplizierten Netz von Armut, Migration und Globalisierung wie in einer Falle gefangen, er entmenschlicht auch diejenigen, die diese Opfer benutzen und ausbeuten. In diesem kurzen Beitrag möchte ich einige grundlegende Dimensionen des Menschenhandels darstellen, seinen Bezug zur internationalen Migration herausarbeiten und das menschliche Antlitz derer sichtbar machen, die für Arbeit und sexuelle Dienstleistungen benutzt und missbraucht werden.

II. Was ist Menschenhandel?


Menschenhandel ist eine moderne Art von Sklaverei, die zwischen zwölf und 27 Millionen Menschen in einem Leben von Zwangsarbeit oder sexueller Ausbeutung festhält. Das heißt, dass heute mehr Menschen versklavt sind als in jeder anderen historischen Epoche jemals zuvor. Mehr noch: Die Kosten für einen durchschnittlichen Sklaven in den Südstaaten der USA entsprächen heute 40.000 Dollar, doch heute kann ein Mensch für durchschnittlich 100 Dollar gekauft und versklavt werden. Jedes Jahr werden etwa 800.000 Menschen ins Ausland verkauft; 80 Prozent davon sind Frauen und Mädchen, 50 Prozent sind Kinder. Mehr als eine Million Kinder werden jährlich für das weltweite Sex-Geschäft ausgebeutet.

Der Menschenhandel ist eine erschreckend profitable Branche, und die Globalisierung hat die Situation wesentlich verschlimmert, da sie es Menschenhändlern ermöglichte, sich neue Märkte zu erschließen, die verwundbaren Menschen mit neuen technischen Errungenschaften zu locken und sich zielgenau die Schwachen und Verzweifelten herauszusuchen, die wenig Beschäftigungsmöglichkeiten haben. Sie werden gezwungen, in der Landwirtschaft und auf dem Bau, in der Nahrungsmittelindustrie und im Reinigungsgewerbe, in Nähstuben [den berüchtigten „sweatshops”; Anm. d. Übers.] und Restaurants, im Haushalt und in der Unterhaltungsbranche und eben auch in der Prostitution und in der Sexindustrie zu arbeiten.

Auf der anderen Seite haben die internationalen Anstrengungen, den Menschenhandel zu bekämpfen, zugenommen. Im Jahr 2000 erließen die USA den „Trafficking Victims Protection Act” (TVPA: Gesetz zum Schutz der Opfer von Menschenhandel), und die Vereinten Nationen nahmen das „Protokoll zur Vorbeugung, Unterdrückung und Bestrafung des Handels mit Menschen, besonders mit Frauen und Kindern” an, das auch unter dem Namen Palermo-Protokoll bekannt ist. Das Protokoll unterscheidet zwischen dem Akt, den Mitteln und der Absicht des Menschenhandels. Der Akt meint insbesondere die „Rekrutierung, den Transport, den Transfer, die Unterbringung und die Übernahme von Menschen”. „Mittel“ bezieht sich auf „Drohung oder Gewaltanwendung oder andere Arten von Zwang, Entführung, Betrug, Täuschung, Machtmissbrauch oder Ausnutzung einer Position der Schwäche bzw. das Entgegennehmen oder Gewähren von Geld oder anderen Vorteilen”. Bei der Absicht geht es um „zumindest Pläne, solche Menschen als Prostituierte oder in anderer Weise sexuell, in Zwangsarbeit oder erzwungenen Dienstleistungen auszubeuten, sie in Sklaverei oder sklavenähnlichen Verhältnissen, in Knechtschaft zu halten oder Organe zu entnehmen”. Jemand muss nicht über Landesgrenzen verbracht worden sein, um als Opfer von Menschenhandel zu gelten, doch es gibt oftmals eine enge Beziehung zwischen Migration (oder Menschenschmuggel) und Menschenhandel.

III. Menschenschmuggel versus Menschenhandel


Obwohl es gemeinsame Merkmale gibt, ist Menschenschmuggel nicht dasselbe wie Menschenhandel. Die Verwirrung beruht auf der Tatsache, dass Migranten ohne Rechtsstatus typischerweise Landesgrenzen mithilfe von Schleppern oder Schmugglern überqueren, die helfen, sie von einem zum anderen Ort zu transportieren. Nach Zahlung bestimmter Gebühren können sie sich in der Regel frei bewegen und Arbeit finden, und die Abmachung zwischen dem Schlepper und dem Migranten enthält keinerlei Betrug. Für die Opfer von Menschenhandel sieht die Sache anders aus.

Menschenhandel unterscheidet sich vom Menschenschmuggel in vierfacher Hinsicht. Erstens geht es um Zustimmung. Selbst wenn Menschenschmuggel oftmals gefährlich ist, lassen sich die Migranten aus freiem Willen auf diesen Prozess ein. Einige Opfer von Menschenhandel hingegen haben die Sache entweder niemals gebilligt oder wenn sie es anfangs taten, dann wurde diese Einwilligung aufgrund von Täuschung, physischer Gewalt oder psychischem Zwang vonseiten des Menschenhändlers bedeutungslos. Der zweite Punkt hat mit Ausbeutung zu tun. Das Schmuggeln von Migranten umfasst den Transport von einem Ort zum anderen, doch der Menschenhandel geht mit Misshandlung und Manipulation des Opfers einher. Der dritte Punkt betrifft die Transnationalität. In den allermeisten Fällen bedeutet der Schmuggel das Überschreiten von Landesgrenzen, doch mit Millionen Menschen wird jedes Jahr innerhalb des eigenen Landes Menschenhandel betrieben. Beim letzten Punkt geht es um den Profit. Beim Menschenhandel entsteht der Profit aus dem Transport oder der Unterbringung von Migranten, während Menschenhändler an der fortgesetzten Ausnutzung der Opfer verdienen. Wenn auch die Unterscheidung zwischen Schmuggel und Handel nicht trennscharf ist (insbesondere wenn Migrantinnen ihren Körper verkaufen müssen, um zu überleben), ist der zentrale Punkt, in dem sich der Menschenhandel davon unterscheidet, der, dass hier Menschen „gekauft” werden, dass Herrschaft über ihren Willen ausgeübt wird, dass Bedürftige manipuliert und Verwundbare mithilfe von Gewalt, Betrug oder Zwang ausgebeutet werden.

IV. Verschiedene Arten von Menschenhandel

Menschenhandel wird auf unterschiedliche Weise unterteilt, doch einige grundsätzliche Kategorisierungen umfassen 1. Zwangsarbeit, 2. Arbeitsverpflichung, 3. Kinderarbeit und 4. Menschenhandel für sexuelle Zwecke.

1. Zwangsarbeit

Die Mehrzahl der Betroffenen sind Opfer von Zwangsarbeit. Der ILO (International Labour Organization – Internationale Arbeitsorganisation der UNO) zufolge kommen auf jede zur Prostitution gezwungene Person neun, die in einer Situation unfreiwilliger Knechtschaft gehalten werden. Gegen ihren Willen werden sie oftmals mittels Gewaltandrohung oder Bestrafung gezwungen, Jobs in der Landwirtschaft, als Hausmeister, in Nähstuben, im Dienstleistungsgewerbe und im Haushalt zu verrichten, oder sie werden betteln geschickt. Das US-Außenministerium schätzt, dass es weltweit mehr als acht Millionen Opfer von Zwangsarbeit gibt, denen mehr als zwanzig Milliarden Dollar Lohn vorenthalten werden. Frauen aus weniger entwickelten Ländern in Südasien, Afrika und Lateinamerika werden als Hausangestellte und Hausmeisterinnen für entwickeltere Länder wie etwa die Golfstaaten, die Staaten der Levante, Malaysia, Singapur, Taiwan, Europa und die USA rekrutiert. Migranten aus dem Ausland, die als ungelernte Arbeiter angeworben werden, sind besonders gefährdet, den Mechanismen des Menschenhandels zu unterliegen. Zu ihnen zählen Menschen wie Phirun. In seiner Jugend baute er Reis und Gemüse in Kambodscha an. Dann wurden ihm bessere wirtschaftliche Möglichkeiten in einer Fabrik in Thailand versprochen. Daraufhin reiste Phirun illegal nach Thailand ein, wo Menschenhändler ihm den Pass abnahmen, ihn isolierten und ihn an den Besitzer eines Fischkutters verkauften. Er arbeitete rund um die Uhr, zerlegte Fische und nahm sie aus und arbeitete ununterbrochen auf See mit wenig zu essen und zu trinken. Er wurde manchmal ohne Grund geschlagen und beobachtete, wie andere Arbeiter gefoltert oder erschossen und ihre Leichen ins Meer geworfen wurden.

2. Arbeitsverpflichtung
Migranten, die häufig aus schwachen oder verzweifelten wirtschaftlichen Verhältnissen kommen, geraten oftmals in „Arbeitsverpflichtung” oder „Schuldsklaverei”; das stellt eine weitere Form des Menschenhandels dar. Dabei gehen die Migranten ein Schuldverhältnis für den Transport ein; Träger des Schuldtitels ist ein Menschenhändler, der Arbeitsleistung als Bezahlung fordert. Sehr oft waren die Bedingungen nicht im Voraus klar, und oft werden die geleisteten Dienste nicht der „Abtragung der Schuld” angerechnet. Arbeiter können sogar für die Schulden ihrer Vorfahren einstehen, wobei die gesamte Familie über Generationen versklavt wird. Obwohl Arbeitsverpflichtungen ursprünglich in ländlichen Siedlungen Südasiens überwogen, haben sich neue Formen „gebundener” Arbeit in Industriegebieten im Rahmen der derzeitigen globalen Ökonomie entwickelt. Gebundene Arbeit betrifft Menschen wie etwa Sheldon aus Jamaica, dem man eine Saisonarbeit mit einem legalen Visum in einem der bekanntesten Hotels in Kansas City in Missouri versprach. Doch die Händler sorgten dafür, dass Sheldon ständig verschuldet blieb, indem sie von seinem Lohn exorbitante Gebühren für die Uniform, den Transport und die Miete in überfüllten Wohnungen verlangten. Als Sheldon die Arbeit verweigerte, drohten ihm die Menschenhändler, dass ihm sein Migrantenstatus entzogen und er den Behörden als illegaler Migrant gemeldet werde.

3. Kinderarbeit
Der Menschenhandel betrifft nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder zwischen fünf und 17 Jahren. Obwohl es in vielen Ländern gesetzlich erlaubt ist, dass Kinder bestimmte Arbeiten verrichten, schätzt die ILO, dass 246 Millionen Kinder auf der ganzen Welt in Schuldsklaverei, als Kindersoldaten, im illegalen Waffenhandel, in der Prostitution, in der Pornoindustrie und für andere unerlaubte Tätigkeiten ausgebeutet werden. Kinder können – manchmal durch Gewaltanwendung, Betrug oder Zwang – von Regierungen, paramilitärischen Organisationen oder Rebellengruppen als Kämpfer, Arbeits- oder Sexsklaven, Köche, Hausangestellte, Boten und Spione rekrutiert werden. Die Kinderarbeit betrifft etwa Menschen wie Vipul, der im armen indischen Dorf Bihar aufwuchs. Seine Mutter versuchte verzweifelt, ihre sechs Kinder vor dem Hunger zu bewahren, und nahm von einem Menschenhändler 15 Dollar als Vorauszahlung für die Arbeit ihres Sohnes in einer Teppichfabrik an. Hier behandelten ihn die Besitzer wie ein ständig verfügbares industrielles Werkzeug. Vipul und andere Kinder, die wie er verkauft worden waren, wurden gezwungen, 19 Stunden am Tag zu arbeiten, ohne dabei den Knüpfrahmen zu verlassen. Wenn sie Fehler beim Knüpfen machten, wurden sie hart geschlagen. Die Arbeit schnitt seine Handflächen ein, und wenn er um Erleichterung wimmerte, wurden seine Hände in heißes Öl getaucht, um die Wunden zu verätzen, und er wurde gezwungen weiterzuarbeiten.

4. Menschenhandel im Sexgewerbe
Wenn Menschen dazu gezwungen oder durch Täuschung dazu gebracht werden, ihren Körper zu verkaufen, gelten sie als Opfer von Menschenhandel. Solche sexuelle Ausbeutung weist Schnittmengen mit anderen Arten von Menschenhandel wie Schuldsklaverei auf, wobei Frauen und Mädchen nicht nur zur Prostitution gezwungen werden, sondern so lange in dieser Situation gefangen sind, bis sie ihre Schulden abbezahlt haben. Nicht alle Prostituierten gelten als Opfer von Menschenhandel, sondern lediglich diejenigen, die dazu gezwungen wurden. Die Menschen werden anfangs mit dem Versprechen gelockt, dass sie verheiratet würden und dass sie eine Beschäftigung, Bildung und bessere wirtschaftliche Möglichkeiten bekämen. Doch die Opfer werden bald gewahr, dass sie überlistet wurden, und arbeiten in Strip-Clubs, Porno-Unternehmen und in anderen Bereichen erniedrigender und entmenschlichender sexueller Ausbeutung. Viele sind nachhaltig physisch und psychisch traumatisiert, erkranken, werden drogenabhängig, sind schlecht ernährt, sozial ausgegrenzt, werden ungewollt schwanger und erleiden einen vorzeitigen Tod. Menschenhändler können die Migration als Werkzeug und Waffe dafür benutzen, um Menschen für die Prostitution zu rekrutieren, sie dauerhaft dazu zu zwingen und zu unterwerfen. Das betrifft insbesondere Menschen wie Anita, die als Migrantin von Nigeria über Ghana nach Italien kam. Sie durchlief die Stationen Turin, Rom und Mailand und wurde gezwungen, täglich mit mehr als 25 Männern Sex zu haben. Sie machte unterschiedliche Formen geistiger und körperlicher Tortur durch, musste brutale Abtreibungen über sich ergehen lassen, und ihr Menschenhändler vergewaltigte sie mehrmals, ließ sie hungern, schlug sie und drohte ihr mit der Abschiebung, falls sie sich beschwere.

V. Ein globales Problem bedarf einer globalen Ethik


Der Menschenhandel hat globale Ausmaße, und kriminelle Akteure aus der ganzen Welt nehmen verzweifelte, arme und verletzliche Menschen ins Visier. Doch Menschenhandel ist schließlich kein Spiel. Die Opfer schreien zum Himmel nach Gerechtigkeit, da sie an ihrem eigenen Leib ein Verbrechen gegen die Menschheit erleiden. Der Menschenhandel beraubt die Menschen nicht nur ihrer Menschenrechte und ihrer grundlegenden Freiheitsrechte, indem er sie physischem und emotionalem Missbrauch unterwirft und sie mitsamt ihren Familien bedroht. Er schädigt auch die Gesundheit der Gesellschaft insgesamt. Er schwächt Gemeinschaften, spaltet Nationen, verstärkt die weltweiten Gesundheitsrisiken, fördert die Netzwerke des organisierten Verbrechens, verschlimmert die Armutssituation und verhindert eine ganzheitliche menschliche Entwicklung. Unterhalb der Oberfläche des Menschenhandels, der eine Geißel der Menschheit darstellt, findet man ein Wurzelgeflecht von Ursachen, die den Nährboden für menschliche Verzweiflung, insbesondere bei Migranten, bereiten. Einige davon betreffen soziale, wirtschaftliche und strukturelle Fragen wie hohe Arbeitslosenraten, Armut, Verbrechen, schwache Rechtssysteme, Krieg, wenig entwickelte soziale Netzwerke, politische Instabilität, Konflikte und Korruption. Sie alle sind Ausdruck persönlicher, sozialer und struktureller Sünde, die unsere gegenseitige Verbundenheit zerstört. Das Zweite Vatikanische Konzil stellte fest, dass die Störungen des Gleichgewichts der Gesellschaft in den Störungen des Gleichgewichts des menschlichen Herzens ihren Ursprung haben, aus dem zerstörerische Entscheidungen entspringen, welche Beziehungen auflösen. Wenn wir innerhalb einer globalen Wirtschaft leben, in der Menschen benutzt, missbraucht und als verfügbare Waren behandelt werden, zahlt jeder einen Preis dafür: diejenigen, die versklavt werden, diejenigen, die diese Versklavung ermöglichen, und diejenigen, die andere nur für ihre eigenen Bedürfnisse und Vorteile benutzen. Papst Johannes Paul II. brachte es folgendermaßen auf den Punkt:

„Der Handel mit menschlichen Personen ist ein erschütternder Verstoß gegen die Würde des Menschen und eine schwere Verletzung der fundamentalen Menschenrechte. Bereits das Zweite Vatikanische Konzil hatte ,Sklaverei, Prostitution, Mädchenhandel und Handel mit Jugendlichen, sodann auch unwürdige Arbeitsbedingungen, bei denen der Arbeiter als bloßes Erwerbsmittel und nicht als freie und verantwortliche Person behandelt wird‘, als ,Schande‘ bezeichnet, ,die die menschliche Gesellschaft zersetzt, jene entwürdigt, die das Unrecht tun, und in höchstem Maße ein Widerspruch gegen die Ehre des Schöpfers ist‘ (vgl. Gaudium et spes, 27). Solche Situationen sind eine Beleidigung jener Grundwerte, die alle Kulturen und Völker miteinander teilen, Werte, die im Wesen der menschlichen Person selbst verwurzelt sind.“

Während der Fußballweltmeisterschaft hat eine Gruppe eine Kampagne mit dem Slogan „Rote Karte für den Menschenhandel” initiiert. Für viele Regierungen bedeutet dies eine Politik, die sich an den drei Stichworten Verfolgung, Schutz und Vorbeugung (und in zunehmendem Maße auch Partnerschaft) orientiert. Doch bis heute hat die Strafverfolgung nur in relativ geringem Maße stattgefunden. Auf achthundert Betroffene kommt ein verurteilter Menschenhändler, was wenig dazu beiträgt, Netzwerke organisierten Verbrechens abzuschrecken, die auf globalen Märkten geringe Risiken und hohe Profite sehen. Einige Länder wie zum Beispiel Schweden haben bezahlten Sex kriminalisiert und dadurch die Zahl der Prostituierten und der Organisationen, die von der Prostitution profitieren, reduziert, doch vielerorts werden Frauen dreifach entmenschlicht: nicht nur durch Marginalisierung und ihren Opferstatus, sondern auch durch Kriminalisie rung. Immigranten ohne Rechtsstatus, die Opfer des Menschenhandels werden, gehören zu den Verletzlichsten, insbesondere dann, wenn die Politik ihren rechtlichen Status höher bewertet als ihre grundlegenden Menschenrechte. Wenn sich die offizielle Politik des Menschenhandels annimmt, kann sie ihn nicht nur als ein Problem der illegalen Einwanderung oder einfach als eine Frage strengerer Gesetze behandeln. Eine globale Ethik muss im Gegensatz dazu einen opferzentrierten Ansatz wählen, dessen oberste Prioritäten Befreiung, Rehabilitation und Reintegration lauten müssen. Das Zentrum dieser globalen Ethik muss es sein, sich der Wunden anzunehmen, die dem Innersten dieser Opfer zugefügt wurden, und sich ihren Kampf zu eigen zu machen, ihr Leben neu aufzubauen, um entdecken zu können, was es heißt, frei als ein Mensch zu leben, der nach Gottes Bild und Ebenbild geschaffen wurde.

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