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Leseprobe 3
Jon Sobrino
Christsein heute
Aguilares und das Hervorbrechen des Christentums

Um die Frage zu beantworten, was Christsein bedeutet, beginne ich mit einer persönlichen Erfahrung, die seinerzeit etliche Christen machten. Ich kam in Aguilares, dreißig Kilometer von San Salvador entfernt, am 12. März 1977 mit dem Christentum in Berührung. Der Priester Rutilio Grande war zusammen mit zwei Bauern ermordet worden. An diesem Tag und im unmittelbaren Geschehen danach brach ein Christentum hervor, wie ich es noch niemals erlebt oder erahnt hatte. Die Regeln von Gut und Böse waren außer Kraft gesetzt worden, obwohl die Grausamkeiten gegen die Armen bereits vorher begonnen hatten. Doch in Rutilio und in Bischof Romero, der sich von diesem Tag an zum Verteidiger des Armen von Amts wegen bekehrte, gab sich auch Jesus von Nazaret, der mir vertraut war und mit dem ich mich seit Jahren beschäftigt hatte, zu erkennen – ophte. Und plötzlich trat ein Leib der Kirche in Erscheinung, der gezeichnet war von der Bekehrung zum Armen, der Verrücktheit der Seligpreisungen und der je größeren Liebe – ein Leib, der wie niemals zuvor vereint und zur Nachfolge entschlossen war. Viele beteten zum himmlischen Vater. Die Glaubensüberzeugung, das Engagement und der Stolz, Christ zu sein, waren förmlich zu greifen. Es war eine neue Taufe.

Für jemanden, dem die Geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola vertraut sind, war das Geschehen dieser Tage wie ein neues Prinzip und Fundament. Es war keineswegs das Ganze, aber es war sehr wohl Prinzip, also Anfang, denn es eröffnete eine Wirklichkeit des Christseins, wie man sie vorher nicht kannte. Und es war Fundament, denn alles ruhte auf diesen Dingen auf, und nicht nur auf Dogmen, Institutionen und Normen. Im weiteren Verlauf dieses Beitrags werde ich konkrete Dinge zur Sprache bringen. An dieser Stelle möchte ich mich darauf beschränken, lediglich zwei Überzeugungen zu erwähnen, die sich als sehr tiefgehend erwiesen haben.

Die erste lautet, dass Christsein eine reale Sache ist. Der Christ ist im Verborgenen mit Gott, doch das Christentum strömt in die Geschichte ein. In Aguilares nahm das die konkrete Gestalt der Verteidigung des Lebens an, also der Verteidigung dessen, was den Bauern am meisten am Herzen lag; es nahm die Gestalt der Anklage und Einforderung der Gerechtigkeit, des Aufsichnehmens von Verfolgung, Gefahren und Risiken an. Und gemäß dem Paradox des Christentums nahm es auch die Gestalt der Gnade an, denn diese Wirklichkeit hat uns getragen und zur Geschwisterlichkeit geführt. Real waren das Gebet und zuweilen sogar die Vergebung. Jesus ähnlich zu werden und einer Kirche anzugehören, die ihn in diesen Tagen deutlich gegenwärtig werden ließ, waren reale Dinge. Die Texte, selbstverständlich die Heilige Schrift, waren weiterhin wichtig und notwendig. Doch man verstand sie ausgehend von dem, was passiert war. Und damit sagen wir nichts Außergewöhnliches, denn genau so beginnt der Erste Johannesbrief: „Was wir mit unseren Ohren gehört, mit unseren Augen gesehen und mit unseren Händen ergriffen haben ...”

Dies verhalf zur Klarheit und dazu, zwei ernsthafte Gefahren zu überwinden, die das Christentum stets bedrohen. Die eine ist der Doketismus, das heißt, in einer irrealen Welt zu leben, vor allem, ohne an ihrem Leid teilzuhaben. Die andere ist der Gnostizismus, das heißt, das Heil in ein zeitloses und von der Erde losgelöstes Wissen von Eingeweihten zu verlegen. Die Voraussetzung für die Vermeidung dieser beiden Gefahren ist das grundlegende Erfordernis des „ehrlichen Umgangs mit der Wirklichkeit”.

Es wurde auch klar, dass Christsein eine gute Sache ist, was, wenn man es in historischer Perspektive betrachtet, keine Selbstverständlichkeit ist. Es lässt den Menschen und dessen endgültige Bestimmung gut sein, doch es bedeutet auch Heil für die Geschichte. Bei allen Begrenzungen, die allem Menschlichen eigen sind, gingen von Aguilares Impulse aus, das Unrecht in Gerechtigkeit, die Sklaverei in Freiheit, die Lüge und Verschleierung in Wahrheit, die Abstumpfung in Mitleiden, den Egoismus in Solidarität, die Welt des reichen Prassers und des Lazarus in Gleichheit, die Traurigkeit in Freude, den Tod in Leben zu verwandeln. Und von Aguilares gingen auch Impulse aus, dass die Menschen, vor allem die Bauern, ihr Vertrauen in einen Gott setzten, der ein Vater ist, und sich einem Vater anheimgaben, der Gott ist.

So weit meine persönliche Erinnerung. Sie ist idealisiert, denn das geschilderte Neue war mit Begrenzungen und Sünde verbunden. Mehr noch: Die Dinge haben sich sehr verändert, und „Aguilares” kann kein Modell für heute sein. Doch ich meine, man darf es auch nicht ignorieren, denn stets von Neuem können Lichtblitze des Christentums zum Durchbruch kommen. Bei aller Bescheidenheit kann diese Erfahrung die Funktion haben, die Damaskus für Paulus oder Manresa für den heiligen Ignatius hatte. Ich werde nun konkret zwei Haltungen in Erinnerung rufen, die grundlegend bleiben, auch wenn sich die Zeiten ändern. Danach werde ich einige Inhalte analysieren.

„Wachsam sein” und das „Hereinbrechen der Armen in die Geschichte”

Christsein heißt eine Tradition weiterführen, die bereits in lang zurückliegender Vergangenheit begonnen hat, und es heißt die Zeichen der Zeit erkennen. Doch es heißt auch, sich von der Wirklichkeit des Christentums „durchdringen” zu lassen, wenn sie hervorbricht. Mit Rutilio, Romero und anderen brach das Christentum hervor, das heißt, es war nicht bloß die Schlussfolgerung aus einer guten Theologie oder aus der Soziallehre der Kirche, ja es war nicht einmal die aktualisierte Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils, auch wenn all dies wichtig ist. Das, was hervorbrach, drängte sich von sich selbst her als etwas Wahres auf, das ein Potenzial hatte, Menschen und Gruppen in der Kirche effektiv zu formen. Dies habe ich die Fähigkeit zu „durchdringen” genannt.

Doch ich meine, das Wichtigste, was wir uns klar machen müssen, ist, dass sich dieses Hervorbrechen des Christentums im Kontext eines ursprünglicheren Vorgangs ereignete: des Hereinbrechens der Armen und mit ihnen Gottes in die Geschichte. Dies war das grundlegende Geschehen in Medellín, und es ereignete sich an anderen Orten der Dritten Welt sowie auch in Armutsgebieten der Ersten Welt. Dabei will ich nun verweilen, denn so, wie die Welt ist, bleibt die Tatsache des Hereinbrechens der Armen und die Bereitschaft, dieses zu erfassen, weiterhin von grundlegender Bedeutung.

Medellín setzte nicht mit einer Rede über Christus oder sein Sakrament, die Kirche, ein. Es begann mit dem „Elend als Massenerscheinung”, als Produkt einer „Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit”, und deshalb gab es seinem ersten Dokument die Überschrift Gerechtigkeit. Dies charakterisierte sicherlich die Wirklichkeit, doch es war mehr als ein Zeichen der Zeit. Es verkündete die letztgültige Wahrheit des Kontinents, ohne dass man hier lange Überlegungen anstellen müsste und ohne die Möglichkeit eines Irrtums. Und es verlangte von der Kirche eine radikale Bekehrung: in wirklicher Armut zu leben, Gerechtigkeit zu üben, eine Option für die Armen zu treffen und ihr Elend auf sich zu nehmen – und die Bereitschaft, den Preis ihrer Verteidigung zu zahlen.

Dieses Hereinbrechen rüttelte aus dem Traum wach, den Antonio Montesinos im Jahr 1511 beklagte: „Wie lethargisch seid ihr eingeschlafen und träumt.” Christsein setzt vor allem voraus, die Courage zu haben, „aus dem Traum der grausamen Unmenschlichkeit zu erwachen”, so wie Kant den Mut eingefordert hat, aus dem „dogmatischen Schlummer” zu erwachen. Und mit dem Armen brach Gott in die Geschichte herein. Dom Pedro Casaldáliga hat beide ineins gesetzt: „Alles ist relativ, außer Gott und dem Hunger.”

Das Hereinbrechen des Armen sorgte auch dafür, dass die Sünde, die Montesinos anklagte, nicht mehr verschleiert werden konnte: „Wie haltet ihr sie in solcher Unterdrückung und qualvoller Mühe, ohne ihnen zu essen zu geben oder sie in ihren Krankheiten zu heilen, die das Ergebnis der über alles Maß hinausgehenden Arbeiten sind, welche ihr ihnen auferlegt, und woran sie sterben, oder besser gesagt: womit ihr sie tötet, damit ihr jeden Tag Gold aus der Erde holt und an euch reißt?” In Mittelamerika brach diese Unterdrückung unter der imperialistischen Herrschaft der USA herein, ohne dass die anderen Demokratien ernsthaft irgendetwas unternahmen, um das zu verhindern. Zehntausende wurden als unschuldige und wehrlose Opfer ermordet. Und bis heute sterben sie an Hunger. Sie sind das gekreuzigte Volk, der leidende Knecht Jahwes. Dies war das Makaberste, doch das am meisten Neue war das Hervorbrechen der stets größeren Liebe. In El Salvador gaben Hunderte von Bauern, darunter viele Christen, 17 Priester, fünf Ordensschwestern und zwei Bischöfe ihr Leben für die Gerechtigkeit hin. Ähnlich war die Zahl in Guatemala. Dies sind die jesuanischen Märtyrer, diejenigen, die in Leben und Tod Jesus ähnlich werden.

Das Erbe dieser Zeit ist unter anderem die Einsicht, dass Christsein „wachsam sein” bedeutet, um das zu erkennen, was hervorbricht. Diese Haltung ist immer den Armen gegenüber erforderlich, aber auch gegenüber anderem Neuen, das sich zu erkennen gibt. So ist zum Beispiel die Frau in Welt und Kirche hereingebrochen, doch dieses Hereinbrechen muss man in Dankbarkeit annehmen und in konsequentes Handeln übersetzen.

„Seinen Weg in Demut gehen”, im Rhythmus der Armen

Micha 6,8 erläutert gut, was Gehen bedeutet. Gott entlarvt die falsche Auffassung des Menschen, dass wir ihn mit Gottesdienst und Opfer auf unsere Seite ziehen. Vor allem aber verkündet er, was das Menschliche in seiner richtigen Auffassung ist: „Es ist dir bereits gesagt worden, Mensch, was gut ist, und was Jahwe von dir fordert. Nichts anderes als Gerechtigkeit und Recht zu üben, im Geist der Treue und Zärtlichkeit, und in Demut mit deinem Gott den Weg zu gehen.” Dieses Gehen entspricht einem „Gott auf dem Weg”, und nicht einem „Gott des Kultes”. Dieser Kultgott ist zugänglicher, doch der Gott auf dem Weg entspricht mehr der Wahrheit. Und man darf nicht vergessen, dass Gott sich vor uns auf den Weg machte: Er stieg vom himmlischen Thron, um ein Volk zu begleiten, zu verteidigen und zu befreien. Und auch von Jesus wird gesagt, dass er „ging, unterwegs war, um Gutes zu tun, die vom Teufel Besessenen zu heilen, weil Gott mit ihm war”. Und er ging den Weg bis hin zum Kreuz.

Über das Gehen möchte ich sagen, dass es nicht nur das existenzielle Gehen meint, welches den Fokus auf den richtet, der unterwegs ist, und das von Antonio Machado gut in die Verse gefasst wird: „Wanderer, es gibt keinen Weg. Der Weg entsteht im Gehen.” Pedro Casaldáliga nimmt die Größe und Schönheit dieser Worte auf, korrigiert sie jedoch zugleich:

„Weg, der jemand ist, den jemand beim Gehen erzeugt.
Damit andere, die unterwegs sind, den Weg finden können.
Damit diejenigen, die nicht weiterkommen, neuen Mut fassen können.
Damit die Toten nicht aufhören zu sein.“


Das Unterwegssein gehört zur Conditio humana, zu den Daseinsbedingungen des Menschseins, doch es kann von sich her eine Hilfe für die Verirrten, für die, die nicht weiterkommen, und für die Toten sein. Diese Art zu gehen erfüllt bereits die Forderung des Propheten Micha, doch Pedro Casaldáliga weist dem Volk, den Armen, darüber hinaus eine entscheidende Rolle zu. „Mach den Gesang deines Volkes zu deinem Marschrhythmus.” Die unaufhörlichen Karawanen der Frauen, die mit ihrem Hausrat auf dem Kopf und Kindern auf dem Arm aus Ruanda flohen, geben dem christlichen Gang den Rhythmus vor. Es ist ein demütiges Unterwegssein mit dem Volk.

Jesus ähnlich werden


Dies ist die klarste Antwort auf die Frage, was Christsein bedeutet, klarer noch als die, dass es „an Christus glauben” meint. Denn Jesus ähnlich werden ist das erste, die „Mystagogie”, das heißt die Einweisung in das Geheimnis des „Glaubens an Christus”, das an zweiter Stelle kommt. Tatsächlich kamen etliche Christen zu einer Vorstellung von Jesus mit eigenen Gesichtszügen, blieben von einem Geist des Evangeliums durchdrungen und wurden von der Bereitschaft zu einer jesuanischen Praxis geformt. Dies ging zuweilen bis zur Lebenshingabe. Wir werden hier nur einige Elemente dessen erwähnen, was es heißt, „Jesus ähnlich zu werden”. Und wie die vorherigen Überlegungen vor dem Hintergrund „der Armen” entwickelt wurden, so bildet nun „das Kreuz Jesu” den Hintergrund. Und dies aus zweifachem Grund. Einerseits ist unsere Welt in ihrer Grausamkeit gegen die Bevölkerungsmehrheiten eine Welt des Kreuzes. Andererseits sagte bereits Martin Kähler: „Etwas herausfordernd könnte man die Evangelien Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung nennen.” Und diese Einleitung beginnt mit einem Hinweis auf das Kreuz: Jesus geht nach Galiläa, „nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte” (vgl. Mk 1,14). Und es ist entscheidend, festzuhalten, dass das Ende Jesu kein natürlicher Tod war, sondern dass er getötet wurde.

Hier liegt kein Masochismus vor, sondern lediglich Aufrichtigkeit. J. I. González Faus besteht im Kontext des religiösen Pluralismus auf dem „Exklusivismus des Gekreuzigten als dem unaufgebbar Christlichen”. Es ist das nicht Verhandelbare und absolut Notwendige in unserer Welt. Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind aufgrund von Ungerechtigkeit, „es wird ermordet”, wie Jean Ziegler klarstellt, denn dieser Tod kann heute ohne Schwierigkeiten überwunden werden. Doch die Welt des Überflusses tendiert dazu, sich in die Sphäre des light zu begeben. Wenn man das Kreuz der Welt und das Kreuz Jesu nicht ernst nimmt, dann, so sagt J. Comblin, „dient das Evangelium der Befriedigung der Bourgeoisie”. Betrachten wir nun einige wichtige Elemente an diesem Jesus. Sie betreffen Menschen, doch wir möchten insbesondere die Kirchen dabei im Auge behalten.

Jesus forderte Umkehr: metanoeite. Er selbst machte Versuchungen durch, und soweit es die Evangelien erkennen lassen, musste er seine Vorstellung vom Kommen des Reiches Gottes radikal ändern. Die Möglichkeit unserer Umkehr erblickt Jesus in der Aufnahme durch den himmlischen Vater, und das bleibt für das Christsein von grundlegender Bedeutung. Es erleichtert darüber hinaus die Vergebung, die wir denen schulden, die uns beleidigen. Doch auch das Kreuz kann uns zur Umkehr bewegen. Der heilige Ignatius von Loyola konfrontiert denjenigen, der sich den Geistlichen Übungen unterzieht, mit dem gekreuzigten Jesus und fordert ihn auf, sich drei Fragen zu stellen: „Was habe ich für Christus getan, was tue ich für ihn und was werde ich für ihn tun?” Ignacio Ellacuría forderte einzelne Menschen und die Kirchen auf, sich vor das gekreuzigte Volk hinzustellen und sich dieselben Fragen zu stellen: „Was haben wir getan, dass dieses Volk gekreuzigt wird? Was werden wir tun, um dieses Volk vom Kreuz herabzuholen und dafür, dass dieses gekreuzigte Volk aufersteht?” Diese drei Fragen angesichts der Gekreuzigten erschallen noch immer laut. Zuweilen scheinen sie kein Echo zu haben, weder in der Welt noch in der Kirche. Zuweilen aber doch, und dann bedeutet die Umkehr die Rückkehr zu Quellen lebendigen Wassers. Und das erzeugt Freude. Das Paradox des Christentums ist damit erschlossen.

Das Mitleiden war die Definition Jesu: Immer reagierte er auf das „Herr, hab Erbarmen mit uns” von Kranken, Besessenen, Sündern und in ihrer Würde Jon Sobrino verletzten Frauen, ob sie nun etwas sagten oder stumm blieben. Er machte aus dem Erbarmen etwas Letztgültiges, denn es ist das, was aus den Eingeweiden kommt: splachnon. Ausgehend vom Erbarmen definierte er Gott, den Vater des verlorenen Sohnes und des Menschen im Vollsinn des Wortes, des Samariters. Wiederum fügt das Kreuz dem besondere Dimensionen hinzu, die es gerade heute zu bewahren gilt, um das Erbarmen nicht auf die caritas, die Werke der Barmherzigkeit, zu reduzieren. Davon unterscheidet sich das Erbarmen des Priesters Maximilian Kolbe, der stellvertretend für einen zum Tod Verurteilten dessen Schicksal auf sich nahm, einer Mutter Teresa, die sich für diejenigen verausgabte, denen man den geringsten Wert beimaß, eines Ignacio Ellacuría, der sich für eine Verhandlung engagierte, die zu Gerechtigkeit und zum Ende des Konfliktes führen sollte, was ihm wie Bischof Romero das Kreuz eintrug. In der Dritten Welt ist der Kampf für die Gerechtigkeit zur hauptsächlichen konkreten Gestalt der Barmherzigkeit geworden. Diese Barmherzigkeit findet mehr als deren andere Formen ihre Ausdrucksgestalt im Kreuz Jesu. Und sie fügt der Barmherzigkeit des Samariters zwei Merkmale hinzu: Sie ist konfliktiv, denn sie führt nicht nur dazu, denen, die leiden, zu „helfen”, sondern die Opfer zu „verteidigen” und die Konfrontation mit denen, die sie zu Opfern machen, aufzunehmen. Und sie ist konsequent, denn sie hält sich nicht nur über die Zeiten hinweg durch, sondern auch inmitten von Gefahren und Verfolgungen, was immer dies kosten mag und wohin immer dies führen mag. In jedem Fall aber, ob es nun um die alltägliche oder die heroische Barmherzigkeit geht, ist es für das Christentum wesentlich, dass ihr Letztgültigkeit zukommt. Und wiederum geht daraus Freude hervor. „Für dieses Volk ist es nicht schwer, ein guter Hirte zu sein”, sagte Bischof Romero, der tausend Probleme damit hatte, dieses Volk zu verteidigen.

Hoffnung bedeutet – wenn man sie hat und vor allem, wenn man sie anderen vermittelt –, Jesus ähnlich zu werden. Im Christentum ist ihr symbolischer Ausdruck schlechthin die Auferweckung Jesu, das Leben in Fülle gegen und über den Tod hinaus. Doch auch das Kreuz als solches bringt Hoffnung hervor. In sehr tiefsinnigen Worten bringt dies Jürgen Moltmann zum Ausdruck: „Nicht jedes Leben gibt Anlass zur Hoffnung, wohl aber dieses Leben Jesu, das in der Liebe das Kreuz und den Tod auf sich nahm.” Dies lässt die Frage nicht verstummen, warum ein guter und gerechter Mensch ermordet wurde und wozu sein Tod gut war. Doch es bleibt wahr, dass Bischof Romero, der wegen der Liebe zu seinem Volk ermordet wurde, weiterhin Hoffnung weckt. Andere Sichtweisen der Hoffnung gehen für gewöhnlich nicht über den Optimismus hinaus.

Und schließlich die Erlösung: Heute wird nicht viel über die Erlösung gesprochen, und unter uns hat sich der Ausdruck Befreiung durchgesetzt, um das Heil zu umschreiben, das Jesus gebracht hat. Doch das bedeutet nicht, dass die Erlösung nicht wesentlich zum Christentum gehört. Dem Heil kommt es zu, mit der Last des Kreuzes zu beladen. „Nulla salus sine effusione sanguinis“, sagte Ellacuría in einer wichtigen ethisch-politischen Rede. Es geht darum, ernst zu nehmen, was es bedeutet, zu kämpfen, um das Böse auszutilgen, und zwar nicht von außen, sondern von innen her, indem man bereit dafür ist, dass das Böse seine zerstörerische Gewalt über einen ausübt. Genau das hat Jesus getan. Ohne an die Märtyrer zu erinnern und sie lebendig im Gedächtnis zu bewahren und ohne die wenigstens angestrebte persönliche Haltung der Selbsthingabe versteht man wenig vom Christsein.

In vieler anderer Hinsicht können wir Jesus ähnlich werden: in Armut und ohne Machtausübung leben, in Demut und ohne Überheblichkeit leben, nicht isoliert, sondern in Gemeinschaft leben. Dies ist die Kirche, die Gruppe der Menschen, die Jesus nachfolgen und in einer Weise organisiert sind, die dem Evangelium entspricht. Die Geschichte zeigt, dass es alles andere als leicht ist, eine Kirche im Geiste Jesu zu schaffen. Heute geht es eher darum, diejenige Kirche zu rekonstruieren, die aus dem qualitativ Neuen des Zweiten Vatikanischen Konzils und aus dem Aufbruch von Medellín hervorgegangen ist, und nicht so sehr die Kirche, die aus der Ökumene mit anderen Kirchen, Religionen und Humanismen heraus entstanden ist. Es sei mir lediglich eine Überlegung gestattet: Wir teilen den Wunsch vieler, „zum Konzil zurückzukehren”, doch wir meinen, dass es nach all dem, was wir hier über die Armen und das Kreuz gesagt haben, dringender ist, „zu Medellín zurückzukehren” – wobei wir keineswegs das Zweite Vatikanische Konzil vergessen und für die Anstrengungen und die Hingabe vieler Konzilsväter und Theologen dankbar sind. Der Grund dafür ist, dass sich auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Kirche der Armen nicht durchsetzen konnte – die Zeit war dafür nicht reif –, was eine Reihe von Bischöfen aus Lateinamerika und anderen Weltregionen, die sich in der Domus Mariae trafen, bald erkannte. Schließlich verfassten sie einen Text, in dem sie sich verpflichteten, persönlich und als Institution Kirche in Armut zu leben und den Armen zu dienen. Sie nannten dies den „Katakombenpakt”. In der Welt, in der wir leben, ist es, so schwer es auch sein mag, das Wichtigste, was die Kirche tun kann und muss, zur Armut und zu den Armen „zurückzukehren”. Es bildet die kirchliche Grundlage, um Jesus inmitten der Wechselfälle der Geschichte ähnlich zu werden.

Der Glaube an Gott


Dies ist die persönlichste und schwierigste Überlegung, doch wenn man vom Christsein redet, dann muss man dazu etwas sagen. Ich meine, was mit dem Ereignis von Aguilares am deutlichsten wurde, ist, dass mit den Armen auch Gott in die Geschichte hereinbrach. Und wenn mir eine kühne Art zu reden gestattet ist: Der Arme ist derjenige, der dafür sorgt, dass Gott in der Geschichte zur Fülle gelangt. „Gloria Dei vivens pauper“, sagte Bischof Romero. Im Unterschied zu dem, was andernorts passierte, wurde Gott hier auch in aktiver und dialektischer Weise erfasst, als Gott des Lebens im Gegensatz zu den Gottheiten des Todes, den Götzen. Der Gott des Lebens bleibt unergründliches und erquickendes Geheimnis. Die Götzen sind unsinnige Rätsel, eindeutig historischer Natur, aber absolut durchschaubar. Sie fordern – „wie der Gott Moloch” – Opfer, um sich am Leben zu erhalten: die Armen – so drückte es Bischof Romero aus. Auf diesem tatsächlichen Weg, und nicht nur im Denken mit Hilfe von Begriffen, sind an Gott mehrere dialektische Momente sichtbar geworden. Gott ist Vater und Mutter. Er ist transzendent innerhalb der Geschichte, nicht jenseits von ihr (Ignacio Ellacuría). Und er ist transzendent, um kondeszendent werden zu können (Leonardo Boff). Diesen Gott gilt es zu betrachten und zu praktizieren (Gustavo Gutiérrez). Es ist ein Gott, auf den man vertrauen und in dem man zur Ruhe kommen kann, denn er ist Vater. Doch dieser Vater lässt uns nicht zur Ruhe kommen und verlangt die Bereitschaft, denn er ist Gott, so sagen wir.

Auch bei uns macht sich die Zweideutigkeit der Gotteserfahrung bemerkbar. Wir können die Erfahrung machen, dass uns jemand aufnimmt und uns einen Namen gibt, und dann wiederum vernehmen wir von ihm nichts als Schweigen. Und niemals kommen die Fragen zur Ruhe. Vernunft und Herz empören sich angesichts unschuldiger Opfer, seinerzeit in Auschwitz, heute in El Mozote, Haiti ... Viele ringen mit Gott wie Jakob. Sie müssen den „Unglauben als theologisches Problem” ernst nehmen, von dem J. B. Metz sprach, und immer bleiben Zweifel und Unruhe. „Rahner geht mit ihnen auf elegante Weise um”, sagte Ellacuría, und ich glaube, dass dies auf ihn selbst zutraf. Es kann ein gequälter Glaube gedeihen, wie der M. de Unamunos, der auf seiner Grabinschrift zu Gott sagte: „Nimm mich auf, ewiger Vater, an deine Brust, geheimnisvolle Heimstatt. Dort werde ich schlafen, denn ich komme völlig erschöpft von der harten Mühe.” Oder ein Glaube wie der des Padre Arrupe, der nur in diesen wenigen Worten zum Ausdruck kam: „So nahe war uns der Herr vielleicht niemals, da wir ja niemals so ungesichert gewesen sind.”

Doch soweit man sich in diesen Dingen ein Urteil erlauben kann, waren bzw. sind Dom Hélder Câmara, Bischof Romero und Dom Pedro Casaldáliga Mystiker mitten unter uns. Andere durchliefen in der Nachfolge Jesu eine Mystagogie, um sich dem Geheimnis Gottes zu nähern, ohne zur Höhe der Mystik zu gelangen. Sie können auch dahin gelangen, etwas von den kühnen Worten des Paulus und des Johannes über die Liebe Gottes am Kreuz Jesu zu verstehen. Wir aktualisieren diese Worte mithilfe derer von Martin Luther King, dessen Weg sicherlich dem ähnelte, der bei uns mit Aguilares begann. „Ihr könnt tun, was ihr wollt, aber wir werden weiter lieben. Sie stecken uns ins Gefängnis, und auch dort werden wir sie lieben. Sie werfen Bomben auf unsere Häuser, bedrohen unsere Kinder, und, so schwer es uns auch fallen mag, wir werden sie auch dann noch lieben. Sie schicken in der Dunkelheit der Nacht Killer zu unseren Häusern, sie machen sich über uns her, und selbst sterbend werden wir sie lieben.” Es ist der gekreuzigte Gott, der unter uns gegenwärtig ist. Und es ist auch der Gott der Auferstehung, der Auferstehung Jesu, der Auferstehung Bischof Romeros und der vieler Märtyrer und Gefallener. Die Sehnsucht, dass „der Henker nicht über das Opfer triumphiert” (M. Horkheimer), wird historische Wirklichkeit.

Den Glauben an diesen Gott kann man nicht programmieren, aber man kann ihm einen Ort geben. Rahner sagte vor etlichen Jahren, dass „der Fromme von morgen” ein Mystiker sein, oder überhaupt nicht sein werde, und das erweist sich auch unter uns als immer zutreffender. Doch Pedro Casaldáliga wandelt das Wort Rahners von den Armen her ab, so wie er es schon mit den Worten Machados getan hat: „Der Christ der Zukunft wird arm oder solidarisch mit den Armen, oder aber gar nicht sein.” Mystik, Armut, Solidarität mit den Armen sind das ubi des Glaubens an Gott.

Und über den Glauben an Christus sagen wir nur ein Wort. Wenn man wie Jesus von Nazaret auf dem Weg ist, dann erschließen sich das Humane, sein Sinn und seine Zukunft, mehr und mehr. Von diesem Jesus kann man also sagen, dass er mehr ist als der Mann aus Nazaret. Er ist das Sakrament Gottes.

Ein Wort zum Schluss

Christsein hat ein eigenes Profil. Das Reich Gottes aufzubauen verleiht ihm „Gewicht”. Das Kreuz verleiht ihm „Kanten”. Die Dialektik Gott–Vater verleiht ihm Dynamik. Wenn wir so auf dem Weg sind, dann werden wir Jesus ähnlich. Wir können existenziell eine Anthropologie des „Ecce homo” entwickeln: In Jesus von Nazaret ist der Christus nicht nur als vere homo erschienen, in dem der homo unabhängig von Jesus erkannt werden könnte, sondern als der homo verus, sodass von Jesus her der Mensch in seiner Fülle erkannt werden kann. Und eine Theo-logie des „Ecce Deus”: In Jesus ist Gott nicht nur als vere Deus erschienen, sondern als Deus verus, sodass wir Gott nur von Jesus her kennen.

Am Schluss dieser Überlegungen bemerke ich, dass ich vom Christentum die ernste Seite stärker betont habe als die froh machende, und einer der Gründe dafür mag sein, dass in Lateinamerika im Unterschied zu anderen Regionen der Dritten Welt diejenigen, die die Armen unterdrücken, Christen sind. Es erschallt also das „Um euretwillen wird der Name Gottes entehrt”, und das gebietet Ernst. Und die in diesem Beitrag oftmals zitierten Märtyrer wollen „den Unterdrückten verteidigen” und das Antlitz Gottes vom Schmutz befreien. Dem christlichen Paradox gemäß gehen Ernst und Freude Hand in Hand. So bringt es Karl Rahner in programmatischer Weise in einem universalen Kontext genau da zum Ausdruck, wo er über das Christsein spricht. Er wählt dazu Worte von großem theologischen Tiefgang:

„Christsein ist also eine ganz einfache Aufgabe und die schwere-leichte Last, wie es im Evangelium heißt. Wenn man sie trägt, trägt sie einen selbst. Je länger unser Leben währt, desto schwerer und leichter wird sie.“

Am Ende bleibt allein das Geheimnis. Aber es ist das Geheimnis Jesu. Von unserem Kontext, von „Aguilares” her sprach Bischof Romero ohne Umschweife vom Sein „wie Jesus”.

„Viele Salvadorianer und viele Christen sind dazu bereit, ihr Leben hinzugeben, damit Jon Sobrino es ein Leben für die Armen gibt. Wie Jesus in die reale Welt eingelassen, bedroht und angeklagt wie er, ihr Leben hingebend wie er, geben sie Zeugnis vom Wort des Lebens.“

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