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Leseprobe 1
Allan K. Davidson
Eine Landkarte des Christentums und seiner Ausbreitung in Ozeanien
Die Besiedlung der Inseln in der Weite des Ozeans, der sich von Asien nach Nordund Südamerika und von Alaska bis zur Antarktis erstreckt, hat sich über viele Jahrhunderte hingezogen. Die als Melanesien (die schwarzen Inseln) bezeichneten Inseln im Südwesten mit Neuguinea als der größten wurden in einem Zeitraum von 40.000 Jahren von diversen Völkern besetzt, die viele verschiedene Sprachen sprachen. Die als Polynesien (die vielen Inseln) bekannte zentrale und südöstliche Region wurde innerhalb der letzten dreitausend Jahre besiedelt und ist in kultureller und sprachlicher Hinsicht deutlich homogener. Die nordwestlichen Inseln (Mikronesien – die kleinen Inseln) werden im vorliegenden Überblick nicht berücksichtigt.

Vom 16. Jahrhundert an waren es die europäischen Seeleute, die auf ihren Reisen den riesigen Ozean und die Vielzahl der Inseln in dem von Ferdinand Magellan so genannten „Mar Pacifico” nach und nach kartographierten. 1567 stach die Expedition Alvaro de Mendañas von Peru aus in See und verband die Ziele der Bekehrung und Eroberung mit der Suche nach dem biblischen Ophir, der Quelle von König Salomos Gold. An Orten, die danach Namen wie Santa Ana, Santa Ysabel, San Cristobal und Salomon-Inseln trugen, kam man kurz mit den Inselbewohnern in Berührung. Diese Expeditionen und die folgenden – die von Mendaña und Queirós 1595 und Queirós‘ vom Papst unterstützte Expedition im Jahr 1606 – brachten Franziskaner ins Land. Doch die 1606 gegründete Siedlung auf Espiritu Santo (Neue Hebriden – das heutige Vanuatu) wurde aufgegeben, und das Christentum übte keinen nachhaltigen Einfluss aus. Erst im 19. Jahrhundert wurden die christlichen Missionierungsversuche im Südpazifik wiederaufgenommen.

I. Protestanten in Polynesien


Die Kartierung des Pazifiks gipfelte in den von James Cook angeführten Expeditionen 1768–1771, 1772–1775 und 1776–1780. Das neu erwachte Interesse für die pazifischen Inseln und ihre Bewohner fiel zeitlich mit dem Aufkommen der britischen evangelikalen Missionsbewegung zusammen, die sich für die Missionierung der gesamten Welt verantwortlich fühlte.

Die nicht-konfessionelle Londoner Missionsgesellschaft (London Missionary Society – LMS) wurde 1795 gegründet und wählte den Pazifik als ihr erstes missionarisches Arbeitsfeld. 1797 kamen 26 Laien mit handwerklichen Berufen und vier geweihte Kleriker nach Tonga, Tahiti und auf die Marquesas und versuchten die Menschen zu „zivilisieren”, indem sie gemeinsam mit der christlichen Lehre auch europäische Arbeitstechniken einführten. Die Missionen auf Tonga und den Marquesas wurden rasch aufgegeben, und viele der Missionare auf Tahiti zogen sich nach Australien zurück. Die wenigen verbleibenden Missionare hatten ihre liebe Not mit den Rivalitäten zwischen den örtlichen Stämmen.

Das heikle Bündnis mit Häuptling Pomaré II., der zum Beschützer der Missionare wurde, veränderte sich mit der Zeit, als er gegen seine Feinde um die Vorherrschaft kämpfte und an seinem eigenen „Oro”-Kult zu zweifeln begann. Das wachsende indigene Interesse am Christentum brachte die Bure Atua, die „Beter zu Gott”, hervor und manifestierte sich in der Zerstörung traditioneller religiöser Symbole. Als Pomaré 1815 in Fei Pi über seine Feinde siegte, festigte sich seine Vormachtstellung, und es zeichnete sich eine allgemeine Tendenz ab, den Sonntag zu halten und den 1818 von den Missionaren eingeführten Gesetzeskodex zu akzeptieren. Die Alphabetisierung und der durch Henry Notts Übersetzungsarbeit ermöglichte Zugang zu den christlichen Schriften wurden zu einer treibenden Kraft und ließen die Menschen nicht nur nach der christlichen Botschaft, sondern auch nach Bildung streben, die als neue Quelle für Mana – Ansehen und religiöse Autorität – betrachtet wurde.

Die Christianisierung Tahitis erfolgte nach einem Muster, das sich auf vielen der polynesischen Inseln wiederholte: anfänglicher Widerstand gegen die Botschaft der Missionare, ein Kräftemessen mit den alten Religionen, die maßgebliche Rolle der Häuptlinge, der Einfluss der Alphabetisierung als einer neuen Quelle von Autorität, eine indigene Reaktion und Akzeptanz des Christentums, die die Missionare zuweilen schlichtweg überrollte, und der Versuch, die protestantischevangelikalen Moralvorstellungen durchzusetzen. Bekehrungen waren häufig ein Gruppenphänomen, was dem hohen Stellenwert widersprach, den die Missionare der individuellen Erfahrung beimaßen. Dadurch, dass die Missionare sich der Volkssprache bedienten, war gewährleistet, dass das Christentum innerhalb der lokalen Kultur Fuß zu fassen begann.

Dass sich das Christentum in ganz Polynesien so bemerkenswert rasch ausgebreitet hat, ist zu einem nicht geringen Anteil der Arbeit indigener Helfer zu verdanken. Einige von ihnen begaben sich spontan auf andere Inseln und führten dort die Grundlagen des Christentums ein. Von seiner Missionsstation in Raiatea aus leitete John Williams diesen Einsatz einheimischer Prediger, die den europäischen Missionaren der LMS den Boden bereiteten. Missionsschiffe setzten diese Evangelisationsprediger auf Inseln im östlichen Polynesien ab, wo sie trotz eines gewissen Widerstands den außerordentlichen Erfolg des Christentums auf den Weg brachten. Die westwärts gerichtete Expansion auf die Cook- Inseln führte dank der herausragenden Führungsrolle von Papehia zu der raschen Annahme der christlichen Lehre auf Aitutaki (1821) und Rarotonga (1823). Dieser Prozess griff auf alle Cook-Inseln und 1830 auch auf Samoa über, wo der Einfluss des Oberhäuptlings Malietoa maßgeblich dazu beitrug, dass die Samoaner Christen wurden. Europäische Missionare unterstützten die polynesischen Glaubenslehrer und ließen sich nach dem anfänglichen Erfolg auf einigen Inseln nieder, um deren Arbeit durch Übersetzung und Lehre zu untermauern. Reaktionen wie die Mamaia-Bewegung auf Tahiti und die Siovili-Bewegung auf Samoa zeigen die komplexe Verschmelzung zwischen dem Christentum und den einheimischen Kulturen. Missionare der LMS gingen nach Niue, Tuvalu und Tokelau. 1820 nahm das American Board of Commissioners for Foreign Mission in Haiti seine Arbeit auf und expandierte weiter südwärts nach Kiribati.

1814 gingen Missionare der Anglican Church Missionary Society und 1822 die Methodisten nach Neuseeland. Entsprechend dem bereits bekannten Muster folgte auf einen anfänglichen Widerstand gegen das Christentum in den 1830er Jahren eine breite Akzeptanz. Bemerkenswerte Führungspersönlichkeiten unter den christlichen Maori wie Piripi Taumata-a-Kura und Nopera Panakaraeo spielten bei der Evangelisierung ihres Volkes eine herausragende Rolle. 1837 lag das Neue Testament in maorischer Sprache vor. Te Hahi Mihinare, die Kirche der Missionare, begann sich herauszubilden, noch ehe 1840 der Vertrag von Waitangi unterzeichnet und das Land eine britische Kolonie wurde. Mit der Ankunft einer großen Anzahl britischer Einwanderer wurde das maorische Christentum nach und nach überlagert, bis die Missionen schließlich in den vorherrschenden Kolonialkirchen aufgingen. Neue religiöse Strömungen wie die von Te Ua geführte Hauhau-Bewegung und die Ringatu-Bewegung unter Te Kooti entstanden in den 1860er Jahren als maorische Antwort auf die koloniale Landenteignung und Kriegsführung. Diese Bewegungen verbanden die maorische Kultur mit alttestamentlichen Einflüssen und lehnten das missionarische Christentum ab.

Die protestantischen Missionen pflegten das Prinzip der comity und versuchten so, einen Wettbewerb mit anderen Missionen zu vermeiden. Eine Ausnahme war Samoa, wohin Peter Turner, ein methodistischer Missionar, 1835 entsandt wurde. Die Methodisten reagierten damit jedoch auf eine indigene Expansion von Tonga, wo die Methodisten 1822 ihre Arbeit aufgenommen hatten, nach Samoa. Die Comity-Übereinkünfte zwischen den europäischen Missionaren verkannten jedoch die Stärke lokaler Bündnisse. Die Rolle der tongaischen Häuptlinge, namentlich des Häuptlings Tafa‘ahau, der 1831 getauft und 1845 als George I. von Tonga zum König gekrönt wurde, trug maßgeblich zur Konsolidierung des Methodismus bei. Tonga wurde zur Plattform für die Expansion auf die Fidschi- Inseln im Jahr 1835, wo die frühen Missionare auf geballten Widerstand trafen. Durch die Beharrlichkeit von Missionaren wie dem Tongaer Joeili Bulu und dem begabten Sprachforscher John Hunt wurden die Fidschianer nach und nach zum Christentum hingezogen. Die Bekehrung des obersten Häuptlings Ratu Seru Cakobau leitete 1854 einen entscheidenden Umschwung in der Evangelisierung der Fidschis ein, da sich nun, ähnlich wie auf Tonga, unter der Führung der Häuptlinge eine ozeanische Form des Christentums herausbildete.

II. Katholische Missionen in Polynesien


Das Wiederaufleben der Missionen im postrevolutionären Frankreich brachte neue religiöse Gesellschaften hervor. Manche von ihnen widmeten sich der missionarischen Arbeit im Pazifik, wo sie viele der polynesischen Inseln bereits von britischen Protestanten besetzt fanden. Zu den alten Rivalitäten zwischen den Weltreligionen kam nun, da sowohl Katholiken als auch Protestanten ihre missionarischen Prioritäten verteidigten, die bittere Feindschaft nach den jüngsten Konflikten zwischen Briten und Franzosen hinzu. Die 1800 gegründete Kongregation von den Heiligsten Herzen Jesu und Mariens (SSCC) entsandte ihre ersten Missionare nach Hawaii (1827) und in der Mitte der 1830er Jahre auf die Marquesas, die Gambierinseln und Tahiti. Als die LMS die katholische Lehre auf Tahiti verbot, führte dies zu einer französischen Flottenintervention, die 1843 in der Gründung eines französischen Protektorats gipfelte. Königin Pomaré IV. wurde abgesetzt, und der frühere LMS-Missionar und britische Konsul George Pritchard wurde deportiert. Daraufhin gedieh der Katholizismus im späteren Französisch-Polynesien und insbesondere auf den Marquesas und den Gambierinseln. 1844 kamen die Josephsschwestern aus Cluny nach Tahiti, um dort als Lehrerinnen und in der Krankenpflege zu arbeiten.

Die von Jean-Claude-Marie Colin 1836 gegründete Gesellschaft Mariens (SM) entsandte noch vor 1849 117 Missionare in den pazifischen Raum. Bischof Jean Baptiste François Pompallier leistete bei diesem Pazifikabenteuer der Maristen Pionierarbeit. Seine Rechtsprechung wurde 1842 auf Neuseeland beschränkt, wo er 1838 mit der Arbeit begonnen und sowohl die katholische Maorimission als auch die wachsende und vor allem aus Iren bestehende Siedlerkirche geleitet hatte. 1848 wurde Neuseeland in zwei Diözesen aufgeteilt, und Philippe Viard übernahm die Verantwortung für den unteren Teil der Nord- und die gesamte Südinsel. Aufgrund eines Streits zwischen Colin und Pompallier und zum Nachteil der katholischen Arbeit unter den Maori des Nordens wurden die maristischen Missionare in die Diözese Wellington umgesiedelt. 1850 kamen die Barmherzigen Schwestern (Sisters of Mercy) nach Auckland, und von da an leisteten katholische Ordensfrauen vor allem im Bereich der katholischen Erziehung einen maßgeblichen Beitrag. Mary Aubert, die 1860 zunächst mit den Maori in Auckland, dann in Hawke‘s Bay und in Bethlehem am Whanganui-Fluss arbeitete, öffnete ihre Einrichtungen für alle. 1917 erhielten die von ihr gegründeten Daughters of Our Lady of Compassion die päpstliche Approbation.

Nach der Ermordung von Pierre Louis Chanel auf Futuna 1841 wurde die Insel zu einem Bollwerk des Katholizismus. Chanel wurde 1954 heiliggesprochen, und seine sterblichen Überreste kehrten 1977 nach Futuna zurück. Pierre Bataillon war auf Uvea (Wallis) erfolgreich, wo er die Bevölkerung innerhalb von vier Jahren bekehrte. 1843 wurde er Bischof von Zentralozeanien und versuchte dort vergeblich, eine indigene Priesterschaft zu etablieren. Der erste von der Insel stammende Priester wurde 1888 geweiht. Als Marie-Françoise Perroton 1846 unerwartet auf Uvea eintraf, um dort zu arbeiten, wurde sie von Bataillon nicht eben herzlich begrüßt. Allerdings holte Bataillon 1856 Maristenschwestern auf die Insel, und Perroton trat in den Orden ein.

Pompalliers Versuch, 1837 zwei Missionare auf Tonga anzusiedeln, scheiterte am protestantischen Vorbehalt. Die französische Flottenintervention auf Tonga 1841, das Wissen um die Ereignisse auf Tahiti und der herzliche Empfang, den die gegen Tafa‘ahau eingestellten Ha‘a Havea den Katholiken bereiteten, führten zur Entsendung von Maristen. Als Spätankömmlinge fanden die katholischen Missionare auf Tonga und andernorts in Polynesien ihre Konvertiten häufig unter den traditionellen Feinden derer, die sich bereits auf die Seite der protestantischen Missionare gestellt hatten. Dasselbe Muster wiederholte sich auch auf Fidschi und Rotuma, wo die Methodisten und die katholischen Nachzügler miteinander im Streit lagen. 1845 kamen die Maristen nach Samoa, und die Konversion des protestantischen Oberhäuptlings Mata-‘afa Fagamanu lieferte dem Katholizismus eine tragfähige Grundlage. Louis Elloy wurde, nachdem er zehn Jahre auf Samoa verbracht hatte, zum Bischof geweiht. Er setzte sich dafür ein, dass „Samoa den Samoanern” gehören sollte, und hatte, wie andere führende Kirchenmänner auch, angesichts starker Familienbande sehr damit zu kämpfen, eine indigene Priesterschaft zu etablieren. Dem Versuch, Dorfkatecheten auszubilden und Frauen für das Ordensleben zu gewinnen, war größerer Erfolg beschieden.

III. Missionare in Melanesien

Im Gegensatz zu Polynesien gab es in Melanesien Hunderte von Sprachen. Verschärft wurde die Situation zudem durch die Malaria und andere tropische Krankheiten. In Polynesien hatten der Stammeszusammenhalt und der maßgebliche Einfluss starker Häuptlinge die Akzeptanz des Christentums in der Bevölkerung begünstigt. Die differenzierteren Gesellschaftsstrukturen in Melanesien erschwerten hingegen die Bekehrung ganzer Stämme. Außenseiter wurden als Feinde betrachtet, und es herrschte das Prinzip der Vergeltung. John Williams und ein Gefährte wurden 1839 auf Erromanga ermordet, als sie versuchten, Inselmissionare auf den Neuen Hebriden zu stationieren. In den folgenden Jahrzehnten starben viele Missionare samt ihren Familien an Krankheiten; andere wurden ermordet.

Die Versuche der Maristen, 1845 unter der Leitung von Bischof Jean-Baptiste Epalle die Arbeit auf den Salomonen aufzunehmen, gestalteten sich katastrophal. Epalle wurde angegriffen und starb. Nachdem weitere vier Missionare erkrankt und gestorben waren, wurde die Mission 1847 aufgegeben. Die Maristen verfingen sich in örtlichen Rivalitäten, die sie nicht durchschauten. Unter Jean-Georges Collomb siedelten sie auf die Woodlarkinsel über, doch Collombs Tod 1848 auf Umboi in der Nähe von Neubritannien war nicht geeignet, die Einheimischen zur Annahme des Christentums zu bewegen. Die Maristen zogen sich aus Melanesien zurück, und an ihre Stelle traten Italiener des Mailänder Seminars für auswärtige Missionen. Sie gaben die Mission 1855 auf. Mangelnde kulturelle Sensibilität, die Fokussierung der Missionare auf ihr eigenes spirituelles Leben, Dürreperioden und Krankheiten – all das wirkte zusammen und untergrub die missionarische Arbeit. Als die Maristen 1898 auf die Salomonen zurückkehrten, halfen das verbesserte kulturelle Verständnis, die Beruhigung der Lage zwischen Briten und Deutschen sowie Malariamedikamente, die früheren Hindernisse zu überwinden.

George Augustus Selwyn, der anglikanische Bischof von Neuseeland, entwickelte angesichts der Besiedlungsprobleme in Melanesien sowie mangelnder personeller Möglichkeiten ein innovatives Missionierungskonzept. Jungen und später auch Mädchen von Vanuatu und den Salomonen wurden auf Reisen zu den Inseln angeworben und zu Bildungs- und Schulungszwecken zunächst nach Neuseeland und von 1867 an auf die Norfolkinsel gebracht. Die Ermordung von John Coleridge Patteson 1871, der als erster Bischof von Melanesien zehn Jahre lang im Amt gewesen war, stellte einen herben Rückschlag dar. Die melanesische Mission förderte indigene Mitarbeiter und brachte den einheimischen Kulturen mehr Respekt entgegen als die protestantischen Missionare. Die Mission machte langsame Fortschritte, und nach und nach konzentrierte sich die Arbeit auf die Inseln.

Presbyterianer aus Nova Scotia, Australien und Neuseeland waren maßgeblich an der Arbeit auf den zentralen und südlichen Inseln von Vanuatu beteiligt. John Geddie ging 1848 nach Aneityum. Die Vorgehensweise der Presbyterianer bestand darin, auf jeder Insel Mitarbeiter zu stationieren, die die Landessprache lernen und sich mit der Kultur vertraut machen sollten. Europäische Krankheiten hatten verheerende Folgen für die pazifische Bevölkerung, was mancherorts für eine feindselige Stimmung gegenüber den Missionaren sorgte. In Neukaledonien entstand infolge der Annexion durch die Franzosen in den 1850er Jahren wieder die bereits erwähnte Gemengelage aus Rivalitäten zwischen Briten und Franzosen sowie zwischen Katholiken und der LMS.

1871 erreichte die westwärts gerichtete Expansion der LMS Papua und gründete dort Missionsstationen für die Inselbewohner. Die Pioniere hatten mit schwierigen Lebensbedingungen zu kämpfen, und die Mission wurde kritisiert, weil sie sie in materieller Hinsicht nicht ausreichend unterstützte. Mit der Ankunft der erfahrenen Missionare William George Lawes, John MacFarlane und James Chalmers ordnete sich die Lage, auch wenn es zwischen MacFarlane, der von den Torres-Strait-Inseln aus operierte, und Lawes und Chalmers, die gemeinsam mit der Inselbevölkerung auf dem Festland lebten, zu Spannungen kam. Die entlang der Küste gelegenen Missionsstationen waren so unterschiedlich wie der Charakter ihrer jeweiligen Bewohner. 1901 wurden Chalmers, Oliver Tomkin und neun einheimische Studenten in Goaribari ermordet.

George Brown, ein erfahrener Missionar, der bereits auf Samoa tätig gewesen war, leitete 1875 mithilfe samoanischer und fidschianischer Lehrer die Anfänge der methodistischen Arbeit auf Neubritannien. Seine aggressive Reaktion auf den Tod vier fidschianischer Missionare 1878 rief beträchtliche Kritik hervor. Die methodistischen Missionen expandierten auf die Papua-Inseln (1891) und die westlichen Salomonen (1902). Die deutsche Kolonialisierung auf Neuguinea führte dazu, dass Lutheraner der Neuendettelsauer Missionsgesellschaft und der Rheinischen Missionsgesellschaft 1886 bzw. 1887 ihre Arbeit aufnahmen. Australische Anglikaner begannen 1891 mit der Missionstätigkeit auf Papua. 1882 trafen katholische SSCC-Missionare auf Neubritannien ein. 1889 wurde Louis Couppe Bischof von Rabaul; seinen Stützpunkt hatte er in Vunapope, dem „Platz des Papstes”. Auch die von Yule Island in Britisch-Neuguinea aus geleistete Arbeit lag in den Händen von SSCC-Missionaren: Einer von ihnen, André Navarre, wurde 1887 zum Bischof geweiht. Die missionarische Expansion in das Innere von Papua und Neubritannien erwies sich als schwierig: Zehn Missionare und sieben einheimische Christen wurden 1904 bei den Bainings auf Neubritannien getötet. Von 1896 an wurde die Gesellschaft des Göttlichen Worts (Steyler Missionare, SVD) im nördlichen Neuguinea sehr aktiv, wo sie neben der Evangelisierung eine Art Arbeiterseelsorge betrieb (industrial mission) und Plantagen bewirtschaftete.

Die Beschäftigung melanesischer Arbeiter in den Zuckerplantagen von Queensland führte zur Gründung der Queensland Kanaka Mission (QKM) durch Florence Young, die Verbindungen zur Brüderkirche hatte. Von 1904 an folgte die QKM heimkehrenden Arbeitern auf die Salomon-Inseln und wurde später in Evangelikale Südseemission (South Sea Evangelical Mission) umbenannt. Auf Fidschi veranlassten die Seelsorger der europäischen Siedler und melanesischen Arbeiter sowie die Mission für die arbeitsverpflichteten Inder die Anglikaner 1908, T. C. Twitchell zum Bischof in Polynesien zu ernennen. Alfred Willis, der frühere anglikanische Bischof von Hawaii, gründete 1902 eine Mission auf Tonga. Obwohl es auf Tonga 1885 zum Bruch zwischen der von Shirley Baker geleiteten unabhängigen methodistischen Kirche und dem König einerseits und den von James Egan Moulton angeführten Wesleyanern und australasiatischen Methodisten andererseits gekommen war, fühlten sich nur wenige Methodisten zu Willis‘ Kirche hingezogen.

IV. Entwicklungen im 20. Jahrhundert

Anfang des 20. Jahrhunderts war das Christentum in Polynesien weitgehend akzeptiert, und auch in Melanesien waren die Grundlagen im Wesentlichen gelegt. Das Aufkommen der Cargo-Kulte mit ihrem religiösen Streben nach materiellen Gütern stellte eine indigene kulturelle Antwort auf das Christentum und die europäischen Einflüsse dar. Die Einstellung gegenüber diesen Bewegungen und den traditionellen Bräuchen variierte und reichte von der Verurteilung durch die evangelikalen Protestanten bis hin zu einer größeren Akzeptanz seitens der melanesischen Mission und vieler Katholiken.

Auf den meisten Inseln traf das Christentum vor den britischen, französischen und deutschen Kolonialmächten ein. Die Regierungen waren froh darüber, die Missionen zur Förderung von Frieden, Gesundheit und Bildung einsetzen zu können, doch die Interaktion zwischen den Missionen und den Regierungen schwankte zwischen Kooperation und Konflikt. In der Regel traten die Missionen trotz ihres oft herablassenden Verhaltens für die Rechte der Einheimischen ein. Im Ersten Weltkrieg besetzte Neuseeland Deutsch-Samoa und Australien Deutsch-Neuguinea. Australische und amerikanische lutherische Missionare übernahmen einen Großteil der deutschen Einrichtungen. Mit der Zerstörung missionarischen Eigentums und dem tragischen Tod von über dreihundert kirchlichen Mitarbeitern hatte der Zweite Weltkrieg schwerwiegende Auswirkungen auf das westliche Ozeanien. Ohne die europäischen Missionare wurde der Glaube der einheimischen Christen auf eine harte Probe gestellt, doch indigene Persönlichkeiten wie Hosea Linge auf Neuirland bewiesen ihre herausragenden Führungsqualitäten und sorgten dafür, dass die Kirche stark blieb. Nach dem Krieg gaben die zurückkehrenden Missionare die Kontrolle nur zögerlich aus der Hand.

Fast von Anfang an hatten die Missionen Einheimische als Prediger, Lehrer und Katecheten eingesetzt. An Schulungseinrichtungen wie Takamoa auf Rarotonga (1839) und Malua auf Samoa (1844) wurden indigene Mitarbeiter ausgebildet, die von den europäischen Missionaren jedoch üblicherweise eher als Assistenten denn als Gleichgestellte behandelt wurden. Aufsicht und finanzielle Unterstützung oblagen missionarischen Organisationen und Orden, die von Europa und Australasien aus kontrolliert wurden. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen die Missionen – nicht selten unmittelbar ehe die Länder ihre politische Unabhängigkeit erlangten –, die Kirchenleitungen in die Hände der Einheimischen zu übergeben. Die Entwicklung regionaler Ausbildungseinrichtungen für Seelsorger in den 1960er Jahren – des Pacific Theological College auf Fidschi (protestantisch), des Heilig-Geist-Seminars auf Papua-Neuguinea (katholisch) und anderer Kollegs – zeigt, dass man die Schulung gut vorbereiteter Kleriker vor Ort als ernste Aufgabe betrachtete. Was die Zusammenarbeit zwischen Katholiken und Protestanten betrifft, wird seit den 1960er Jahren in den verschiedenen Kirchenräten Pionierarbeit geleistet, die in Fragen der sozialen Gerechtigkeit – z.B. Atomtests – eine Führungsrolle übernehmen.

Die LMS, die inzwischen zu einer kongregationalistischen Körperschaft geworden war, entließ die Kirchen auf den Cook-Inseln 1945, Samoa 1962, Papua 1968 und Niue 1972 in die Unabhängigkeit. Die Einrichtungen in Französisch-Polynesien, die die Société des Missions Évangéliques 1863 von der LMS übernommen hatte, wurden 1963 unabhängig. Die presbyterianische Kirche der Neuen Hebriden (seit der Unabhängigkeit des Landes 1980: Vanuatu) wurde 1948 gegründet. Die Methodisten auf Samoa erlangten 1964 ihre Autonomie. Dank des nachdrücklichen Engagements von Königin Salote überwand die methodistische Kirche auf Tonga 1924 ihre Spaltung, auch wenn sich danach einige Splittergruppen bildeten. Die tongaischen Methodisten trennten sich von der Australasiatischen Konferenz und wählten Sione ‘Aminaki Havea 1971 zu ihrem ersten indigenen Ratspräsidenten. In der Vereinigten Kirche von Papua-Neuguinea und den Salomon- Inseln fanden sich 1968 die Papua Ekalesia (früher LMS), Methodisten und eine kleine presbyterianische Kirche zusammen; zweiter Moderator dieser Kirche wurde der von den Salomonen stammende Leslie Boseto. Die Anglikaner in Melanesien wurden 1861 Missionsdiözese der Neuseeländischen Kirche und 1975 als Kirche von Melanesien zu einer autonomen Provinz. Norman Palmer wurde zum ersten melanesischen Erzbischof geweiht. Die Maoris innerhalb der Neuseeländischen Kirche haben 1992 weitgehende Autonomie erlangt.

Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) führte mit seiner Betonung der Ortskirche und der Inkulturation zum Gebrauch der Landessprachen in der Liturgie. Vermehrt wurden einheimische Würdenträger eingesetzt. Der Samoaner Pio Taofinu‘u wurde 1968 Bischof in seiner Heimat, 1873 Kardinal und später Erzbischof. Patelisio Finau, ein Tongaer, wurde 1971 bischöflicher Koadjutor und 1972 Bischof von Tonga.

V. Schluss

Im 19. Jahrhundert kamen die LMS (Kongregationalisten), Methodisten, Presbyterianer, Anglikaner, Katholiken und Lutheraner nach Ozeanien, um die führende Rolle bei der Missionierung der Inseln zu übernehmen. Die Kirchen, die sie gründeten, sind noch heute die größten in der Region. Doch auch andere Missionsgruppen wie die Heiligen der Letzten Tage und die Siebenten-Tags-Adventisten waren im Verlauf der Geschichte aktiv. Die Erschließung des Hochlands von Papua-Neuguinea hat seit 1950 zu einem Wettstreit der verschiedensten Missionen geführt.

Das Aufkommen ozeanischer Kirchen unter einheimischer Führung hat sich mit einer Entwicklung überschnitten, die Manfred Ernst als „die rasch wechselnden religiösen Zugehörigkeiten in der Region” beschrieben hat. Ernst und seine Kollegen haben die Auswirkungen zeitgenössischer pfingstlicher, charismatischer, evangelikaler und fundamentalistischer Einflüsse in verschiedenen Ländern erfasst und sind zu dem Schluss gekommen, dass „eine neue Bewegung begonnen hat, das Christentum auf den pazifischen Inseln umzugestalten, zu erneuern und wiederzubeleben”.

Das Christentum kam als exotische Pflanze nach Ozeanien. Während es einerseits viele seiner für das Europa des 19. Jahrhunderts typischen Charakterzüge bewahrte, ist es doch andererseits auch tief in die Volkskultur eingedrungen, hat deren Identität mit geformt und wurde zu einem zentralen Bestandteil des dörflichen Lebens. Doch die Treue zu den alten Missionskirchen wird erschüttert, denn die Auswirkungen globaler religiöser, wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und politischer Kräfte haben die kleinen Insel- und Stammesgesellschaften beeinflusst. Die polynesische Diaspora in Neuseeland, Australien und an der Westküste der Vereinigten Staaten hat ebenfalls vielschichtige religiöse Entwicklungen ausgelöst. Einige Inselkirchen haben sich in regelmäßigem Austausch mit der Heimat selbst reproduziert; andere sind mit Konfessionen ihrer neuen Gastländer verschmolzen; wieder andere haben sich unter unabhängiger Leitung zu neuen Kirchen entwickelt. Auf den Inseln ist die durch das Christentum herbeigeführte religiöse Zersplitterung durch neue missionarische Aktivitäten noch verschärft worden. Wie weit sich die neuen exotischen Varianten ausbreiten und ob sie Fuß fassen werden, wird, wie schon bei der Ankunft der ersten Missionare, von der Reaktion der ozeanischen Bewohner abhängen.

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