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Leseprobe 1
Jürgen Werbick
Gott gibt sein Wort
Vom Ursprung und der Herausforderung des Verstehens
I. Wer spricht, wenn Gott spricht?

Was geht eigentlich vor sich, wenn Gott spricht? Kulturbeflissene Touristen können in Griechenland, Ägypten und anderswo einiges darüber erfahren: wie in den antiken Tempeln die Worte der um ein Orakel Bittenden vor ihrem Gott von den Priestern unbemerkt belauscht wurden, so dass man eine passende Antwort formulieren konnte und sie den Orakelnehmern als Gottes eigenes Wort übermittelte; wie man die Laute absichtsvoll in Menschensprache übersetzte, welche in Trance versetzte Medien als „Gottesbotschaft” hervorbrachten. Alles Lug und Trug? Oder präzis informierte und taktisch geschickt eingesetzte politische Einflussnahmen?

Für die Zeitgenossen ist es fast schon ausgemacht, dass von Gottes Sprechen – wie von seinem Handeln – nur in einem Sprachspiel die Rede sein kann, das mit der „Entzauberung” unserer Welt und der Rationalisierung unseres Weltverhältnisses der Vergangenheit angehört; jedenfalls wenn man die Worte „wörtlich” versteht. Wir handeln in der Welt und erklären uns Weltzusammenhänge unter der selbstverständlichen Voraussetzung, dass darin keine übermenschlichen Mächte oder Botschaften begegnen, sondern nur menschliche Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge oder Umstände, auf die menschliches Handeln sich bezieht, um sie anzueignen, zu transformieren und „das Beste daraus zu machen”.

Entspringen nicht auch geschichtliche Offenbarungsansprüche menschlich-allzumenschlichen Handlungsstrategien? Religionsgeschichtliche oder religionssoziologische Untersuchungen registrieren zwar genau, wie in religiösen Überlieferungen von Offenbarung bzw. ursprünglicher von Offenbarungen im Plural die Rede ist. Aber an die Stelle der „naiven” Frage, ob zu Recht von Offenbarung geredet wird, tritt die ganz andere, was Menschen oder soziale Systeme damit erreichen wollten bzw. davon hatten, bestimmte geschichtliche Phänomene als Gottesoffenbarung auszugeben, und was es unter den jeweiligen historischen Bedingungen des Verstehens bedeutete, eine „Botschaft” als Gottes Wort zu verkünden. Lassen sich hier nicht Strategien der Bedeutsamkeitssteigerung bis hin zur Tabuisierung bestimmter Wertsetzungen oder Einschätzungen erkennen? Der Prophet verkündigte als Wort Gottes, was unbedingt gelten und von den Hörern nicht in Frage gestellt werden soll; er griff zu einem im gegebenen Kontext höchst effektiven Legitimationsverfahren. Sich selbst musste er dadurch legitimieren, dass „seine” Gottesoffenbarung die Situation tatsächlich richtig – wirkungsgeschichtlich erfolgreich – deutete, herausfordernde Perspektiven öffnete und sich in der Zukunft bewährte. Oft genug scheiterten die prophetischen Interventionen, was zur Delegitimierung des angeblichen Propheten führte. Sind Gottes-Worte also nur geschichtlich folgenreiche Versuche, sich in einer religiösen Überlieferung mit der eigenen Botschaft erfolgreich zu positionieren und für das verkündete Gotteswort Gehorsam zu finden? Ist die Inanspruchnahme von Offenbarungsqualität letztlich nichts anderes als ein erfolgreiches Verfahren, Bedeutsamkeit, ja Unwidersprechlichkeit zu erzeugen?

Religionsgeschichte und Religionssoziologie wollen nicht geradewegs ausschließen, dass man mit dem Anspruch, Gottes Wort zu verkünden, irgendwie Recht haben kann. Aber sie beschreiben gezielt nur die Strategien, die im einen Fall zum Erfolg führten, in anderen Fällen nicht. Sie analysieren die Umstände, die den Erfolg oder den Misserfolg begünstigten. Explizit religionskritische Interventionen „wissen mehr”. Sie wissen, dass in „Gottes Wort” niemand anderes spricht als der Wunsch unterdrückter und um ihr Selbstsein gebrachter Menschen, endlich als sie selbst gewürdigt und aus der Hinfälligkeit eines menschlich sinnlosen Daseins gerettet zu werden. Wenn man diesem Wunsch nach dem Mund redet, hat man die Elenden und Unterdrückten in der Hand. Das haben die religiösen „Genies” aller Zeiten gewusst. So haben sie sich zu Sachwaltern eines Gottesworts gemacht, um sich die Aura göttlicher Heilsbringer anzueignen.
So könnte man sich menschlich-allzumenschliche Ansprüche erklären, ein Gotteswort zu künden – und den Gehorsam, den Menschen diesem Wort entgegenbrachten: Wo Gott spricht, da sprechen in Wirklichkeit Menschen, die sich in Gottes Rolle hineinsprechen, um eigene Legitimations- oder Machtansprüche zu sakralisieren. Damit ist es in Zeiten eines aufgeklärten, entmythologisierenden Bewusstseins vorbei. Hier werden die tatsächlichen Sprecher des „Gottesworts” identifiziert und in ihren Absichten entlarvt. Aber ist damit alles gesagt?

II. Gott spricht im Menschenwort

Menschen sprechen mit, wenn „Gott” spricht. Sprechen sie nicht allein, im menschlich-allzumenschlichen Eigen-Interesse, im Funktionskreis erforderlicher und auf verschiedenen Wegen erbrachter gesellschaftlicher Leistungen, wenn guten Gewissens oder mit mehr oder weniger unlauteren Absichten von Gottes Wort die Rede ist? Man kann über alles funktionalistisch reden. Gäbe es die sozialen Funktionen von Offenbarungsansprüchen nicht, so wären sie kein sozialer Faktor in einer gemeinschaftlichen Lebens- und Glaubenswelt; so hätten der Gehorsam gegenüber Offenbarungsbehauptungen und das Sich-Einlassen auf sie keine Auswirkungen im sozialen Feld. Aber sind sie deshalb nichts anderes als diese Auswirkungen im Feld gesellschaftlicher Verständigung und/oder individueller Identitätsbildung?

Zu bedenken wäre ja schon dies: Was bestimmte gesellschaftliche oder biographische Leistungen erbringt, ist nicht „automatisch” von der Leistungs-Anforderung hervorgebracht, die es mehr oder weniger passgenau zu befriedigen scheint. Funktionalistische Analysen sind nicht selten von dem Vorurteil begleitet, ein Bedürfnis produziere sich seine Erfüllung selbst; es erfinde sich einfach, was es brauche: Legitimationsbedürfnisse produzierten sich Legitimationen; Hoffnungen produzierten sich verlässliche Verheißungen, an die sie sich halten können; Ängste produzierten Rettungs- und Heilsperspektiven; die leidvolle Erfahrung des Todesschicksals produziere Vorstellungen eines ewigen Lebens.

Was ist von diesem Vorurteil zu halten, dem man sich kaum entziehen kann? Es ist klar, dass es von Feuerbach über Nietzsche bis Freud und darüber hinaus die Logik religionskritischer Argumente trägt: Die Gemeinde derer, die sich in einem bestimmten Bedürfnis verbunden fühlte, „schuf [...] sich ihren ,Gott’ nach ihrem Bedürfnis”. Aber ganz so einfach ist es nicht mit den Kausalitäten. Nietzsche selbst gibt zu bedenken: „Das Bedürfnis gilt als die Ursache der Entstehung: in Wahrheit ist es oft nur eine Wirkung des Entstandenen.” Am Entstandenen zeigt sich das Bedürfnis bzw. bildet es sich aus, entdeckt und artikuliert es sich. Aber was ist da entstanden – und wie entsteht es? Kaum glaubhaft, dass die Religionen einfach nur aus einem „Irrtum in der Auslegung bestimmter Naturvorgänge” entstanden sind, aus einer „Verlegenheit des Intellekts”. Sie sind unvordenklich da. Der Versuch, sie zu diskreditieren, indem man zu zeigen versucht, auf welchen „Irrgängen der Vernunft” sich die Religion „in‘s Dasein geschlichen” hat, ist nicht weniger bedürfnisbestimmt, „projektiv”, als es religiöse Überzeugungen je sein könnten. Er ist bestimmt von dem Bedürfnis, von der Religion freizukommen. Der Streit über die „wahren Ursachen” religiöser Überzeugungen ist deshalb müßig; die genaue Analyse der Vorgänge, in denen sich an ihnen bestimmte Bedürfnisse gebildet haben, die dann ihrerseits die Ausbildung religiöser Überzeugungen entscheidend mitbestimmt und sie in spezifischer Weise in Dienst genommen haben mögen, ist es nicht. Religiöse Überzeugungen sind lebendig in den Kraftfeldern gesellschaftlich-biographischer (Selbst-)Verständigung. Sinn und Kraft durchdringen sich immer schon unauflöslich und sind – als Konfliktgeschehen – in ihrem Miteinander, Ineinander und Gegeneinander eben nur von einer konfliktsensiblen Hermeneutik aufzuhellen.

Das bedeutet aber auch grundsätzlich, dass mein Hervorbringen und mein Hervorgebrachtwerden in der distanziert-differenzierenden Beobachterperspektive nicht hinreichend klar unterschieden werden können. Es bedeutet, dass menschlich- religiöse Poesie und die in solcher Poesie zum Tragen kommende Inspiration zwar begrifflich unterschieden werden müssen – da das Eine die logische Voraussetzung oder die Vor-Gabe des Anderen ist –, dass aber nicht mehr konkret identifiziert und differenziert werden kann, was als Inspiration und was als Poesie anzusehen ist. Die Inspiration gibt es nicht „chemisch rein” für sich; sie ist nur in dem da, was sie inspirierte: in ihrer poetischen Ausgestaltung. Theologienäher formuliert: Ein Anruf wird gehört; er ruft die Antwort der Zeugen hervor. Die Antwort kann für sich genommen werden, so als ergreife der Antwortende selbst das Wort, um sich zu legitimieren, zu privilegieren, zu trösten u.a.m. Sie kann aber auch als Antwort, als Zeugnis gehört und gelesen werden, um darin den Anruf zu hören und zu verstehen, der diese Antwort hervorrief – und in ihr widerhallt, ganz gleich, was in dieser Antwort sonst noch mitsprechen mag. Miteinander, Gegeneinander, ja Konflikt der Hermeneutiken, schon der Verstehenszugänge und Hörbereitschaften; unauflösbares Ineinander von Anruf und Antwort, das schließlich zu diesem Leitsatz der Offenbarungs- und Zeugnishermeneutik führt: In der Antwort haben wir das Wort. Und nur eine Offenbarungs- und Zeugnishermeneutik kann von ihrer Voraussetzung her den Versuch machen, im „objektiv” Ununterscheidbaren von der Antwort auf den Anruf, auf das Wort zurückzufragen; kann damit rechnen, dass die Antwortenden nicht aus Eigenem das Wort ergreifen, sondern sich – zu Recht – mit der Möglichkeit zur Antwort beschenkt wissen.

III. Wort in der Antwort

Zeugnishermeneutik: Sie versucht dem Woher auf die Spur zu kommen – und dann auch zu würdigen, wohin sich die Zeugin oder der Zeuge von dem Wort herausgefordert wissen, auf das sie oder er Antwort geben, mehr noch: Antwort sein wollen. Solche Zeugnishermeneutik darf sich in anthropologisch Grundlegendem verorten: Das Selbst-Zeugnis oder die Ich-Botschaft eines Menschen, die Botschaft also, für die er im kommunikativen Miteinander, in dem sich Identitäten ausbilden, zuerst und zuletzt um aufmerksames Gehör bittet – und in diesem Gehör auflebt –, ist Antwort auf die Worte, die ihn ins Leben hineingerufen haben, ihm auf seinen Weg mitgegeben wurden und diesen Weg immer wieder neu vorzeichnen, begleiten oder „kommentieren”. Die Worte, der Anruf, die Botschaften, auf die ein Menschenleben Antwort sein will oder sein muss: Wir kennen sie oft nicht einmal. Manchmal graben sie sich tief in ein Menschenschicksal ein, werden sie einem Menschen zum Schicksal; vor allem dann, wenn ein Mensch mit diesem Wort nicht leben kann: mit einer Herausforderung, die ihn in die falsche Richtung ruft, ihn unendlich überfordert, ihn mit Misstrauen infiziert, zu Wohlverhalten und Gehorsam zwingt oder abgründig entwürdigt. Zur einzig angemessenen Antwort – der entschiedenen Zurückweisung – fehlt oft die Kraft. So müssen Menschen versuchen, das Wort über ihr Leben irgendwie zu widerlegen. Oder sie geben ihm gegen sich selbst Recht und lassen sich von ihm aburteilen: Was es forderte, konnte man nicht leben. So ist es das Urteil über den, der ihm nicht gewachsen war. Wie abgründig, wenn die elementare Botschaft über ein Leben das Nein ist: Nein, du solltest nicht leben – es ist nicht gut für dich und für andere, dass du lebst! Wer mit einer „unmöglichen” Botschaft leben muss, dem bleibt kaum eine Chance, in die Fülle des Lebens hineinzufinden, solange die zerstörerische Macht dieser Botschaft nicht gebrochen ist. Das ihm gegebene Wort ist eine verhängnisvolle Gabe, ein Danaergeschenk, aus dem sich die Mächte des Unheils in sein Leben ergießen. Er bezeugt wider Willen – schicksalhaft –, welches böse Wort ihn dazu verurteilt, Antwort zu sein.

Aber es gibt auch die guten Worte. Wir haben sie uns so wenig selbst gegeben wie die bösen. Sie zu hören und aufzunehmen bringt dem Leben Weite und eine gute Herausforderung ein, gibt ihm Perspektive und Hoffnung: ein Wort des Zutrauens, ein Treueversprechen, ein Wort der Wertschätzung; durchaus auch eine Forderung, an der ich entdecke, wer ich selbst bin, und die mir eine Ahnung davon vermittelt, was schlechthin gut genannt zu werden verdient – was deshalb auch meinen Einsatz verdient. Gute Worte sind Worte ins Leben hinein; Worte, die versprechen, dass es gut ist, das Leben zu wagen und seiner Fülle auf der Spur zu bleiben, sich dann auch in die letzte große Verwandlung hineinzuwagen, die dem Lebewesen Mensch an seinem Ende unausweichlich bevorsteht.

Ist unter all den Worten und Anrufen, die mir zugesprochen, zugerufen sind und mich nötigen oder dazu befreien, die Antwort auf sie zu leben, auch Gottes Wort – in ihnen, unter ihnen, von ihnen unterscheidbar als Gottes- und als Offenbarungswort, nicht nur als Menschenwort? Was hieße unterscheidbar? Kein Wort lässt sich „objektiv” oder deskriptiv beschreibend als Gottes eigenes Wort identifizieren, im Unterschied zu allen Menschenworten, worauf sie sich auch beziehen mögen. Der Beweis für eine übernatürliche Verursachung des Gottesworts durch die von seinem Verkünder bewirkten Wunder oder in ihm enthaltene zutreffende Voraussagen („Prophetien”) verdient keinen wissenschaftlichen Kredit; verdient auch das Zutrauen der Glaubenden nicht. Die Zeugnisse von solchen Wundern und Prophetien sind nicht „wissenschaftlich belastbar”; sie sind auch nicht geeignet, die Glaubensantwort zu motivieren, die der Gottes-Anruf für sich einfordert und ermöglicht. Was könnte eine Unterscheidung des Gottesworts von den Menschenworten dann noch leisten?

Gottes Wort wäre, wenn Er es gesprochen hätte, das gute Wort, das beste Wort, sodass ein besseres Wort nicht gesagt werden könnte; gesagt vom „Besten” (optimum), über das bzw. den hinaus Besseres nicht gedacht werden kann (quo nihil melius cogitari potest) – so formuliert Bonaventura bekanntlich den Gedanken des Anselmschen Proslogion um. Man muss die Zeugnisse befragen und prüfen, ob man ihnen zutrauen darf, dass sie von diesem besten Wort und seinem besten Sprecher hervorgerufen sind; auch die Zeugen, ob und wie sie aus diesem Wort gelebt haben, eine wenn auch in großer Entfernung von ihm gefundene, einigermaßen glaubwürdige Antwort gelebt haben. Aber wie hätten sie diesem Wort und Anruf gerecht werden können! Man wird sich doch an das gute Wort halten müssen, dem man beim Hören auf ihr Zeugnis auf die Spur kommen kann. Enthüllt es sich in den Zeugnissen, die ihm zu antworten versuchen und doch weit hinter ihm zurückbleiben, als das Wort, das in die Fülle des Lebens (Joh 10,10) hineinruft und sie erschließt? Hier werden die Unterscheidungen zu suchen sein.

Gottes Wort erweist sich als solches daran, dass es das gute Wort ist, das schlechthin gute Wort, der Anruf, sich dieser Güte zu öffnen, an ihr teilzunehmen und darauf zu bauen, dass sie die Menschenwelt in Gottes Herrschaft und das menschliche Leben in Gott hinein verwandelt. Aber was beweist das schon? Das beste Wort, über das hinaus sich kein besseres denken lässt: ist es nicht ein von Menschen ausgedachtes und Gott „in den Mund gelegtes”, damit er für es einstehe? Und wenn es noch einmal besser wäre, als Menschen bei dem Versuch, das beste Wort zu denken, es ausdenken könnten?

Wir bewegen uns weiter in Anselms Spur. Führt sie auch weiter? Sie führt uns an eine Grenze: Wenn Menschen das beste denkbare Wort denken, wissen sie: Sie können nicht denkend verbürgen, dass es ihnen gegeben wird – und nicht mehr ermessen, wie es ihnen gegeben und sich erfüllen wird. Das muss ihnen geschehen. Diesem Geschehen – dieser Gabe – könnten sie nur hinterherdenken als dem Größten, „quo majus nil fieri potest, worüber schlechterdings nichts Größeres geschehen kann”. Wenn es geschieht, handelt und spricht – geschieht – Gott, geschieht er so, dass er die Menschen in dieses Geschehen hinein nimmt und zu Zeugen macht, dass er ihnen die Möglichkeit zu einem vorbehaltlosen Ja und Amen schenkt. Davon sprechen die Menschen-Antworten, an denen wir das Wort haben.

IV. An der Grenze

In solchen Ereignissen geschieht den Menschen das gute Wort, wird es ihnen gegeben. Wird es ihnen tatsächlich gegeben, oder geben sie es sich selbst? Gibt Er ihnen sein gutes Wort? Der Verdacht ist immer auf dem Sprung, die Menschen hätten sich dazu entschlossen, Gott für das Wort in Pflicht zu nehmen, das sie ihm in den Mund gelegt haben, damit das für sie am meisten Wünschenswerte nicht nur eine vage Aussicht bleibe, sondern heilvolle Wirklichkeit wird. Er wäre tatsächlich der Einzige, der dieses Wort erfüllen könnte. Aber ist Er sein auctor; und wird er deshalb auch zu ihm stehen?

Hier kommt jede diskursive Vergewisserung des Glaubens an eine Grenze. Wie sollte man Sicherheit darüber gewinnen können, dass Gott in die gewagtesten, menschlichsten Hoffnungen hinein Sein schöpferisch-neuschöpferisches fiat spricht? Dass Menschen Sein Versprechen hören und es bezeugen, wenn sie Gott als den Retter und Befreier der in Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Tod Gefangenen in Anspruch nehmen? Sie hören Sein Wort und versuchen, die Antwort zu leben. In ihrer Lebens-Antwort vertrauen sie sich dem an, der das gute Wort gesprochen hat. Wenn ihr An-Vertrauen ins Leere geht, hat Er sein gutes Wort nicht gesprochen, bleibt der Kosmos stumm und fühllos gegenüber den tiefsten menschlichen Hoffnungen. Wie sollte man nachprüfbar ausschließen können, dass es so kommt; dass alle Worte im Abgrund der Sprachlosigkeit verstummen? Wie sollte man es ausschließen können, da doch so viel dafür zu sprechen scheint: der ungerechte Lauf der Dinge, der Zynismus der Mächtigen, das Unglück der Armen und Leidenden. Menschen hören und bezeugen Gottes Widerwort. In ihrem Zeugnis haben wir Sein Widerwort, gegeben als das gute Wort, an dem Menschen entdecken können, wozu sie berufen sind; an dem sie Seine Güte und Menschenfreundlichkeit als den Horizont entdecken können, in den hinein sie auf Gott und seine Herrschaft frei werden dürfen von aller Entwürdigung und der Missachtung ihres Menschen-Daseins.

Wo dieser Horizont sich öffnet – an der Grenze menschlicher Sehnsucht, da, wo es für den Menschen darauf ankommt, seiner Sehnsucht zu trauen und sich dem anzuvertrauen, der sie unendlich verwandeln wird und erfüllen kann –, wo Menschen diesen geöffneten Horizont bezeugen, spricht Gott sein gutes Wort. In diesem Sinn kann man es „wagen, die Bibel offenbart zu nennen, insofern das neue Sein, von dem sie redet, für die Welt, für die gesamte Wirklichkeit einschließlich meiner Existenz und meiner Geschichte offenbarend ist.” Die Offenbarungszeugnisse entwerfen diesen offenen Horizont des Freiwerdens, indem sie einen „Weg durch die Welt der gewöhnlichen Erfahrung [vorzeichnen], der Verschlossenheit dieser Erfahrung zum Trotz”. Was ist dann das offenbarende Gotteswort? „Was offenbart ist, das ist die Möglichkeit zu hoffen ,trotz ...’.” Diese Möglichkeit aber erschließt sich an Geschehenem: „nur Ereignisse, Handlungen, Personen, die bezeugen würden [attesteraient], dass das nicht zu Rechtfertigende hier und jetzt überwunden ist, könnten aufs Neue den Weg zur Urbejahung öffnen”; den Weg des Sich-Anvertrauens an das zuhöchst Bejahenswerte, an den, der für es einsteht.

In solchem Geschehen spricht Er Sein Wort. Und es beglaubigt sich, indem es den Horizont öffnet, der in Seine und der Menschen Freiheit hineinführt; indem es in der Gemeinschaft derer, die sich in diese Freiheit hineinwagen, immer wieder neu den Mut zum „Trotzdem” hervorruft; indem es immer wieder neu die Erfahrung schenkt, dass der Weg in Seine Freiheit hinein der Weg der Menschwerdung auf die Fülle des Lebens hin ist; indem es auf diesem Weg Gott erschließt als den wahrhaft An-Vertrauenswürdigen. Letztlich also und vor allem: Gottes Wort kann nur glaubwürdig werden, wenn es mit Gott als dem An-Vertrauenswürdigen vertraut macht.

V. Das eine Wort in vielen Zeugnissen


Es sind unterschiedliche Wege, auf denen das Wort die von ihm Angerufenen mit Gott als dem An-Vertrauenswürdigen vertraut macht; viele Bezeugungsweisen, aus denen es herausgehört und in denen es hörbar wird, von denen her es zur Wegweisung in die Gottes- und Menschenfreiheit werden kann. Das Erste oder Alte Testament bindet sie in unterschiedlichen „Glaubens-Diskursen” zusammen: im prophetischen Diskurs, der Gottes Herrwerden in der Geschichte und noch über sie hinaus ankündigt; im narrativen Diskurs, der die Lesenden und Hörenden „auf die Spur Gottes im Ereignis” setzen will; im vorschreibenden Diskurs, der das Herz der Menschen zur Einsicht in wie zum Mitfühlen mit Gottes gutem Willen herausfordern will und die Glaubenden deshalb den Weg der Weisung führt; im Weisheitsdiskurs, der in eine gute, Gott-gegebene Lebensordnung einführt und zum Glauben daran anleitet, dass auch die Leidenden nicht aus Gottes „Fürsorge” herausfallen, zu einem Glauben ohne Sehen, über das Bedürfnis hinaus; im hymnischen Diskurs, der alle Welt und Gotteserfahrung ins Gebet einbringt. Was verkündigt und bezeugt ist, „wird jedes Mal durch die Form der Verkündigung [wie des Zeugnisses] qualifiziert”, was „ein polysemisches, polyphones Konzept von Offenbarung” erfordert. Neutestamentlich wird daraus eine christologische Polyphonie des Wortes: Jesus Christus, der Weg in Wahrheit zum Leben, der Ausspender des Lebens, das auf den Wegen der Nachfolge lebendig macht, die zum Vater führen, von dem alle Wahrheit ausgeht und zu dem sie führt (vgl. Joh 14,6). Er wird zum Versprechen Gottes in Person, das durch den Geist an ihm wie an den ihm Nachfolgenden Wirklichkeit wird (vgl. 2 Kor 1,18–22), zur Person gewordenen Tora, zur Weisheit der neuen Schöpfung in Person, zum prophetisch-aufdeckenden Ankündiger der Gottesherrschaft, die jetzt – in ihm – anfängt, zum Vorbeter in Vollmacht, dessen Gebet alle Not ins Gebet hereinholt und alle Glaubenshoffnung auf ihn setzt. So ist er das in die Geschichte des Wortes hinein Fleisch gewordene, in ihr sich ereignende ewige Wort, Gottes den Menschen gegebenes gutes Wort; unübertrefflich gut, weil Gott darin sich selbst verspricht.

Und was ist mit den Worten der Bibel, die nicht von diesem guten Wort Zeugnis geben oder zu geben scheinen; mit den Worten, die Gewaltphantasien, Identitätsängste und etwa auch eine Gotteserfahrung bezeugen, die Gott selbst Rachegelüste und Rücksichtslosigkeit gegen Feinde zuschreiben? Wenn die Heilige Schrift Heilige Schrift ist, weil sie Gottes gutes Wort bezeugt, dann muss in die Auslegung dieser Zeugnisse auch Sachkritik eingehen dürfen. Es ist die Kritik am Allzumenschlichen, das die menschlichen Zeugnisse unvermeidlich mitprägt. Die eingangs erwähnten, religionsgeschichtlichen und religionskritischen Zugangsweisen zu biblischen Texten können dafür eine gute Hilfe sein. Das entscheidende Kriterium solcher Sachkritik aber müsste die Erfahrung des guten Gottes sein, welche die biblischen Zeugnisse als Zeugnisse des guten Gotteswortes zusammenhält.

Dieses Zusammenhalten geschieht christlich in den Glaubens- und Auslegungsgemeinschaften der Kirchen. Sie leben und bezeugen ihrerseits, was die Heilige Schrift im Innersten zusammenhält. Ihr Zeugnis wird umso glaubwürdiger, je weniger man die Augen verschließt vor der polyphonen Vielfalt der Zeugnisse; je mehr man darauf vertraut, dass sich in dieser spannungsreichen Vielfalt die Lebendigkeit Gottes selbst bezeugt, der seine Gemeinde auf den Wegen des Lebens und der Liebe in die Fülle des Lebens hineinführen will.
Gotteswort im Menschenwort: nur als Gotteswort identifizierbar, wenn man es beim Wort nimmt und sich von ihm zur Fülle des Lebens führen lässt – wenn man der Herausforderung Folge leistet, sich dem Gott, der es gegeben hat, anzuvertrauen. So ist es mit jedem guten Wort: Es ist vergeblich gesprochen, wenn sich die Angesprochenen nicht dem oder der anvertrauen, der oder die es gegeben hat. Es hat ja nur diesen Sinn, sich dem anzuvertrauen, der es gegeben hat.

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