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Leseprobe 1
Jon Sobrino
Die Grundlage eines jeden Amtes
Dienst an den Armen und Opfern in einer geteilten Welt
Die Ämter in der Kirche, vor allem das Verhältnis von Weiheämtern zu Ämtern ohne Weihe, sind weiterhin Gegenstand der Forschung. Die Brasilianische Bischofskonferenz zum Beispiel hat eine Einteilung in vier Kategorien vorgenommen:

1. Anerkannte Ämter, die im Zusammenhang mit einem bedeutenden Dienst für die Gemeinde stehen, wenn sie auch nicht auf Dauer angelegt sind;
2. Ämter, mit denen jemand betraut wird und die in einem einfachen liturgischen Akt oder in einer kirchenrechtlich verankerten Form verliehen werden;
3. Ämter, die durch einen liturgischen Ritus verliehen werden, den man Einsetzung nennt;
4. Weiheämter, die dem Träger durch ein besonderes Sakrament, das Sakrament der Weihe, verliehen werden.

In diesem Beitrag werde ich mich auf das konzentrieren, was meiner Meinung nach für jegliche Art von Amt grundlegend ist, unabhängig davon, in welcher Weise es übertragen wird. Ich gehe von zwei Voraussetzungen aus: Erstens: Das Amt ist Dienst, und in der Kirche muss der wesentliche Gehalt eines jeden Dienstes an Jesus selbst seine Gestalt finden. Zweitens: Der Dienst – bzw. Anti- Dienst – wird in einer Welt ausgeübt, die strukturell vom Nord-Süd-Gegensatz geprägt ist; auch dies muss dem Amt sein Profil geben. Wir werden nicht alle Fragen rund um das Amt behandeln, doch wir hoffen, einige wichtige Themen erläutern zu können.

I. Das Amt in einer in Nord und Süd gespaltenen Welt

„Die Welt ist geteilt zwischen Unterdrückern und Unterdrückten”, sagt José Comblin immer wieder, in zwei unterschiedliche und gegensätzliche Welten, deren grausame Trennung und ungerechter Widerstreit zunehmen. Dies lässt sich nicht verleugnen und bildet eine grundlegende Herausforderung für das Amt. Dennoch ist der Nord-Süd-Gegensatz, der natürlich in der Soziallehre eine Rolle spielt, innerhalb der theologischen Diskussion um das Amt kein Thema. Deshalb beginnen wir mit der Wiedergabe eines Textes von Santiago Agrelo, dem Erzbischof von Tánger, der den Kontext eines jeden Amtes beschreibt. Er blickt auf die Vergangenheit und auf die Gegenwart.

„Vor siebzig Jahren begann in Europa das Blut der Juden im von den Nazis ins Werk gesetzten Holocaust zu fließen.“

Inmitten dieser Wirklichkeit war es die grundlegende Frage für das Amt, ob es ein Engagement für die Juden zum Ausdruck bringt, ob es eine „Bekennende Kirche”, einen Dietrich Bonhoeffer und Alfred Delp hervorbringt, oder ob es sich hinter dem „Normalbetrieb Kirche”, hinter Getauften ohne entsprechendes Engagement verbirgt. Dieselbe Frage wäre für die Zeit der Conquista Lateinamerikas durch die Spanier, angesichts der Versklavung Afrikas durch die Europäer (mehr als zwei Millionen Sklaven!) und angesichts der Unterwerfung und Ausplünderung Lateinamerikas durch die Vereinigten Staaten zu stellen. Der „Süden” war und ist weiterhin der Prüfstein für die weltweite Bewertung des Amtes, und die Ergebnisse waren nicht sehr zufriedenstellend. Es hat bewundernswerte Amtsträger gegeben, wie etwa Bartolomé de las Casas, Desmond Tutu, Ita Ford und Maura Clarke, doch gerade in entscheidenden Zeiten waren es selten solche, die das kirchliche Amt insgesamt prägten. Und heute?

„Der Tod hält in unsichtbaren Vernichtungslagern Ernte unter dem menschlichen Abfall. Jeden Tag tötet das System der Gewählten mehr als 25.000 Kinder durch Hunger. Jeden Tag gesellen sich 200.000 Menschen zur Masse derer, die in dieser Welt an chronischem Hunger leiden.“

Dieser „gekreuzigte Süden” ist das Zeichen der Zeit schlechthin. Ihn „vom Kreuz herunterzuholen” ist das grundlegende Wesen des Amtes. Und jedes kirchliche Amt, das eher vom „Süden” als vom „Norden” her seine Gestalt gewinnt, wird dem Amt Jesu selbst ähnlicher.

a) Der „Süden” ruft das Amt vor allem zur Umkehr auf, und dies geschieht tatsächlich von Zeit zu Zeit, wenn es auch schwierig ist. Wenn man das Thema weltweit betrachtet, dann ist im Umfeld von Medellín sehr wohl ein bekehrtes Amt entstanden, mit Sicherheit auch, was das Hirtenamt der Bischöfe betrifft. Die Bekehrung bestand darin, dass man den Armen mehr und besser diente und die Konfrontation mit ihren Unterdrückern und Mördern einging, um sie zu verteidigen. Erzbischof Romero brachte es plastisch zum Ausdruck: „Mir fällt die Aufgabe zu, die Gewaltopfer, die Leichen einsammeln zu gehen [...] Heute ist es meine Pflicht, ein zerstörtes Heiligtum, vor allem ein gedemütigtes und in unwürdiger Weise geopfertes Volk aufzulesen.” Für das Leben der Opfer zu kämpfen, sie zu verteidigen, sie wenigstens zu beerdigen war zu dieser Zeit sein ministerium ex officio, sein Dienst von Amts wegen, so wie die Bischöfe während der Kolonialzeit ex officio Verteidiger der Indios waren. Der „Süden”, „Medellín” forderten zu dieser Bekehrung heraus und ermöglichten sie, und sie fand tatsächlich statt. Sechs Bischöfe wurden aufgrund ihrer Treue zu diesem neuen Dienstamt ermordet.

b) Der „Süden” verleiht dem Amt die Dimension des Absoluten. Bischof Pedro Casaldáliga sagt: „Alles ist relativ, außer Gott und dem Hunger.” Die 25 Kinder, die jeden Tag an Hunger sterben – sie werden ermordet, denn ihr Tod ist vermeidbar –, stellen etwas Absolutes dar und können durch nichts bagatellisiert werden. Dostojewskijs Iwan Karamasow hat es sehr gut zum Ausdruck gebracht: Wenn sie ihn in einen Himmel einlüden, in dem es sich die Kindsmörder gütlich tun, gäbe er auf der Stelle seine Einlasskarte zurück. Die Trivialisierung im Stil des Nordens – „Das Leben besteht aus Es-sich-gut-gehen-Lassen und Erfolg” – tötet das Absolute. Der „Süden” verteidigt es.
Das Absolute des Hungers kann darüber hinaus zu anderen absoluten Realitäten führen. Zusammen mit dem „Hunger”, einem sichtbaren Absoluten, kann man „Gott”, das unsichtbare Absolute, in den Blick nehmen. Sie sind nicht dasselbe, doch in der Ausübung des Amtes ist es nicht wenig, wenn man wenigstens auf etwas wirklich Absolutes verweisen kann und auf diese Weise in Frömmigkeit und Liturgie sowie im kirchlichen Alltagsbetrieb absolute Wirklichkeiten entlarvt, die der kindlichen Phantasie und egoistischem Wunschdenken entspringen. Der „Süden” macht es schwerer, das zu verabsolutieren, was nicht absolut ist. Und er erleichtert es, von Gott im Sinn der biblischen Überlieferung zu sprechen: einem Gott der Armen und Opfer.
Bischof Romero ging noch einen Schritt weiter: „Gloria Dei vivens pauper – Die Ehre Gottes ist, dass der Arme das Leben hat.” Und wenn man uns die Kühnheit gestattet, dann möchten wir mit Bischof Casaldáliga sagen: „Gloria Dei manducans esuriens – Die Ehre Gottes ist es, dass der Hungernde isst.” Der „Süden” erleichtert die Entstehung eines Amtes, welches das Ge- heimnis dieses Gottes verkündet.

c) Der Süden stellt auch den angemessensten Ort dar, um das Geheimnis theologisch zu denken. Es ist der geeignetste Ort, um die Offenbarung Gottes zu erfassen, um den Glauben und die Nachfolge zu leben und – genau aus diesem Grund auch – um Theologie zu treiben. So hat es Gott gewollt. Vom „Süden” her, so meine ich, erfasst man besser, wie ein jegliches Amt von Grund auf sein muss. Man entdeckt unter größerem Druck, dass es unter den Armen und Opfern inkarniert sein muss, dass es von Mitleiden durchdrungen sein muss, um Leben zu fördern, von Prophetie geprägt, um die Ungerechtigkeit zu entlarven, von der Hoffnung getragen, dass die Armen das Leben haben werden und dass den Opfern ihr Dasein, ihr Name und ihre Identität zurückgegeben wird.

Vom „Süden” her wird dem „Norden” Umkehr abverlangt, wird er zur Solidarität Jon Sobrino aufgerufen und wird ihm eine Utopie angeboten: der Traum, dass die Menschheitsfamilie – Nord und Süd – möglich ist. Vom „Süden” her erfasst man wesentliche Dinge, die das Amt betreffen: „Außerhalb der Welt der Armen gibt es kein Heil.” – „Das Amt muss auch den Frauen anvertraut werden.” Diese Forderungen haben ihre Grundlage nicht nur im Neuen Testament und im Bewusstsein von den allgemeinen Menschenrechten, sie finden ihren Rückhalt auch darin, dass sie ein notwendiger und spezifischer Beitrag für das Leben und die Kirche im „Süden” sind. Wir werden darauf zurückkommen.

II. Das grundlegende Amt: das Reich Gottes aufbauen im Widerspruch zum Gegen-Reich

Der „Süden” kann in der Kirche das Profil eines Amtes entwickeln, das unserer Geschichte angemessen ist. Doch das Amt muss auch jesuanisch sein. Dieses Thema betrifft viele Dinge, aber wir konzentrieren uns hier nur auf zwei: Welcher Sache hat Jesus gedient, und wie sah sein Dienst aus? Für Jesus war die letzte Wirklichkeit eine duale Einheit, das „Reich Gottes”, und zwar dergestalt, dass Reich eine Erläuterung dessen in actu ist, dass Gott Abba ist, gut für die Armen. Und Gott verleiht dem Reich das Fundament und den Grund seiner Existenz. Ignacio Ellacuría zog daraus die Konsequenz für uns: „Was diejenigen anstreben müssen, die Jesus wahrhaftig nachfolgen, ist die größtmögliche Verwirklichung des Reiches Gottes in der Geschichte.” Das gilt auch für die, die ein Amt innehaben. Jahrhundertelang jedoch haben weder Konzilien noch das Lehramt oder die Christologie das Reich Gottes im Sinn gehabt oder recht verstanden. Die europäische Theologie hat es vor etwa einem Jahrhundert entdeckt und die Theologie der Befreiung hat es ins Zentrum gerückt und beharrlich auf seine ersten Adressaten hingewiesen: die Armen. Heute nimmt das Interesse am Reich Gottes wieder ab, doch die Missverständnisse von früher leben in anderer Gestalt weiter, was sich schlecht auf das Amt auswirkt.

Man dachte für gewöhnlich, das Reich Gottes sei das Himmelreich, basileia ton ouranon, wie es im Matthäusevangelium heißt. Das Amt bestand folglich im Dienst, zum Himmel hinzuführen, während es nicht im Denkhorizont lag, diese Welt radikal zu verändern. Diese Auffassung ist noch nicht völlig verschwunden. Auf der symbolischen Ebene waren es prunkvolle Liturgien und Ähnliches, die den Vorrang des Himmels vor der Erde zum Ausdruck brachten. In ihrer zugespitztesten Form erinnern sie an den Satz Péguys: „Weil sie nicht von der Erde sind, glauben sie, vom Himmel zu sein.” Dies stellt eine ernsthafte Gefahr dar, die jedes Amt zu vermeiden hat.

Es gab auch die Auffassung, das Reich sei die Kirche. Heute redet man nicht mehr so, und die Kirche als Institution hat viel durchzumachen. Doch die Versuchung besteht fort. Die offizielle Kirche strebt gesellschaftspolitische und mediale Omnipräsenz an und bedient sich unterschiedlicher Formen der Machtausübung, um zu vermitteln, dass sie die letzte Wirklichkeit darstellt und höher steht als jede andere Religion oder menschliche Institution. Dies ist eine Art Neo-Christenheit. In diesem Zusammenhang kann das Amt zu einem Instrument dafür degenerieren, dass die Kirche, und nicht das Reich Gottes die letzte Wirklichkeit ist. Mit Joseph Ratzingers Buch Jesus von Nazareth wird dieses Problem wieder aufgeworfen, in diesem Fall in theologischer Vertiefung. Nachdem Ratzinger verschiedene zeitgenössische Deutungen des Reiches Gottes Revue passieren ließ, zieht er die Schlussfolgerung: „Wir können noch einfacher sagen: Jesus verkündet, indem er vom Reich Gottes spricht, ganz einfach Gott, und zwar Gott als den lebendigen Gott, der in der Welt und in der Geschichte konkret zu handeln imstande ist und eben jetzt handelt.” Doch ein solcher Jesus stünde für keine Inhalte des verändernden Handelns Gottes in der Geschichte ein, die genügend geschichtlich verankert wären. Dieser Punkt ist hinreichend diskutiert worden, und wir werden nicht weiter dabei verweilen, doch wir wollen dennoch die Aufmerksamkeit darauf lenken, denn dies kann zu einer Entwertung des Reiches Gottes führen, welches mit Hilfe des Amtes aufgebaut werden soll. Die Mehrheitsmeinung der Exegeten folgt einem anderen Kurs. Israel hat den Gang Gottes durch die Geschichte erfahren und diesen in präziser Weise erfasst: „Er lenkt den Erdkreis in Gerechtigkeit und die Völker mit Recht.” (Ps 96,13; vgl. Ps 72) Die Herrschaft Gottes „verwandelt eine ungerechte historisch-gesellschaftliche Situation in eine andere, gerechte, in der Solidarität regiert und es keine Armen gibt (vgl. Dtn 15,4).” Jesus hat diese Auffassung vom Reich nicht abgeschafft, er hat sie vielmehr vertieft und ausgehend von seinem Abba-Gott vervollständigt.

Von daher muss man das Amt als Dienst am Reich Gottes verstehen und die erwähnten verkürzten und degenerierten Auffassungen bekämpfen. Das Amt muss geschichtlich verortet und oiko-nomisch in dem Sinne sein, dass es den oikos, das Zuhause, den zentralen Kern des Lebens, und die Freiheit von Einzelnen und Völkern möglich macht. Es muss parteiisch sein zugunsten der einen – der Unterdrückten – und in dialektischem Widerspruch gegen die anderen – die Unterdrücker –, die jedoch jederzeit durch die Umkehr zum Heil gelangen können. Dieses Amt geht aus einem ursprünglichen Mitleiden hervor – einem Mitlei- Jon Sobrino den wie dem des Gottes des Exodus, der Propheten und Jesu. Dieses Mitleiden muss zur Gerechtigkeit werden, den Konflikt aufnehmen und gegen das Gegen- Reich den Kampf antreten. Und es muss Reich „Gottes” sein, wozu wir am Schluss noch etwas sagen werden. Dieses grundlegende Amt kann und muss sich in einer Vielgestalt von konkreten Ämtern ausdrücken: Ämter in Bezug auf das Wort, den Aufbau des Leibes der Kirche, die Assistenz, mit Sicherheit die Eucharistiefeier. Doch all diese Ämter bewirken nicht, dass jenes eine nicht grundlegend bleibt.

III. Mit Mitleiden und Prophetie, in Armut und ohne Macht, Laiinnen und Laien

1. Das konfliktbereite und konsequente Mitleiden

Jedes kirchliche Amt muss von dem durchdrungen sein, was Jesus auszeichnete, und wir fangen mit dem Mitleiden an. Jesus verkündet die Gute Nachricht des Reiches Gottes „den Armen”, denen, die von der Last des Lebens gebeugt sind. Joachim Jeremias fügt hinzu: „einzig und allein den Armen”. Das ist eine nicht leicht zu akzeptierende Parteilichkeit. Puebla hat sie sich angeeignet. Es heißt hier: „Allein aus diesem Grunde [aufgrund der Tatsache, dass sie arm sind; J.S.] haben die Armen ein Anrecht auf besondere Fürsorge, ungeachtet ihrer moralischen und persönlichen Situation.” (Puebla, 1142) Und der Text fügt hinzu, dass Gott sie nicht nur liebt, sondern „verteidigt”. Damit wird das Amt zum Anwalt im Konflikt mit den Beleidigern der Armen. Dies bleibt absolut wahr. Im „Süden” reagiert man auf das Amt mit Verfolgung und Mord. Daraus entsteht das Martyrium, das bis zum Ende konsequente Mitleiden.

Diese Möglichkeit nicht mit einzukalkulieren heißt, den Dienst am Reich Gottes nicht verstanden zu haben und die Macht des Gegen-Reiches zu bagatellisieren. Und es ist nicht leicht, das zu akzeptieren. Die V. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Aparecida hat 2007 schöne Texte hervorgebracht, die in gewisser Weise kühn und kreativ sind. Doch sie hat sich diesem Konflikt nicht ernsthaft gestellt. Das Schlussdokument erwähnt die historischen Ursachen des Todes Jesu nicht, und obwohl es von den lateinamerikanischen Märtyrern spricht, lässt es die Verantwortung der Oligarchien, der Militärs usw. unerwähnt. Die Konfrontation mit dem Gegen-Reich, die das Amt aufnehmen muss, erscheint hier nicht klar und deutlich.

2. In Armut, ohne Macht
Dieses Thema spielt bei Jesus eine zentrale Rolle. Das Amt muss in Armut ausgeübt werden. Sie nahmen nichts mit auf den Weg außer einem Stab; weder Brot noch Geld im Beutel (Mk 6,8). „Ihr wisst, dass die, die als Herrscher der Völker gelten, diese als absolute Herren regieren und die Großen sie mit ihrer Macht unterdrücken. Doch unter euch soll es nicht so sein. Wer groß sein will, sei euer Diener.” (Mk 10,42f) Das muss in die jeweilige geschichtliche Situation übersetzt werden, aber es darf nicht ausgetilgt werden. „In Armut” bedeutet zumindest, der Versuchung des Überflusses und auch des Prunks zu widerstehen. „Ohne Macht” bedeutet zumindest, der Versuchung zu widerstehen, andere zu unterwerfen. Und da Macht bis zu einem gewissen Grad notwendig ist, kann man bei ihrem Gebrauch als Amtsinhaber nicht genug Vorsicht walten lassen. Es sei mir gestattet, an den heiligen Ignatius zu erinnern: In seiner Meditation der zwei Banner stellt er klar, dass „in Armut” und „ohne Macht” Wege des wahren Lebens sind, Vermenschlichung, evangeliumsgemäße Ausübung des Amtes. Er beharrt darauf, dass sie sich im Gegensatz zu Reichtum und Macht befinden. Man muss mit der Armut beginnen – der spirituellen, aber auch der realen –, Armut, die den Widerpart zu Reichtum bildet. Sie führt zu Beleidigungen und Schmähungen, dem „ohne Macht”-Sein, das im Gegensatz zu weltlichen und eitlen Ehren, den Begleiterscheinungen von Macht, steht. Das Ganze mündet schließlich in die Demut, die der Weg zu allen Tugenden ist. Tugenden [das spanische virtud hat wie das lateinische virtus die Doppelbedeutung von Tugend und Kraft; Anm. d. Ü.] sind die Kraft der Menschwerdung im Gegensatz zum Hochmut, der den Weg zu allen Lastern ebnet. Laster sind Kräfte der Entmenschlichung.

Soweit Ignatius von Manresa. Als er dann der Generalobere der Gesellschaft Jesu wurde, hatte er die beiden Banner historisch zu konkretisieren, was ihm nicht leichtfiel. Die Ämter der Gesellschaft Jesu erforderten Ressourcen: Grund genug dafür, dass die Jesuiten nach Wohltätern Ausschau hielten, und damit näherten sie sich der Welt des Reichtums, der Ehren und der Macht: Königen, adeligen Frauen, Bischöfen, Kardinälen ...

Der heilige Ignatius sah die Schwierigkeit, die Effektivität des Evangeliums mit der Effektivität der Mittel in Einklang zu bringen, denn beide Dinge entfalten unterschiedliche und zuweilen gegensätzliche Dynamiken. Dieses Problem beschäftigte ihn stark, und er suchte nach Lösungen. Lainez und Salmerón, die zum Konzil von Trient entsandt waren – einem Konzil, das die Welt der weltlichen und auch kirchlichen Macht repräsentierte – empfahl er, in Armenhospizen zu leben. Dies war eine Weise, in einer objektiven Situation von Reichtum und Macht in Armut und ohne Macht zu leben. Doch das Problem ist nicht leicht zu lösen. Was die Ausübung des Amtes in Armut betrifft, muss man die Strenge und Nüchternheit ernst nehmen und ohne Ausflüchte den Luxus zurückweisen, was Gebäude, Universitäten, Kollegien, Kirchen und auch die weltlichen und eitlen Feierlichkeiten betrifft – auch wenn dies alles von der Gesellschaft gut aufgenommen würde. Und es gilt, im Vergleich zu den Armen und der unteren Mittelschicht verletzende Ungleichheiten in der Art, sich zu benehmen, zu reisen, sich um seine Gesundheit zu sorgen, sich zu erholen etc. zu vermeiden. In jeglicher Hinsicht muss man feststellen können, dass das Amt in Armut ausgeübt wird.

Was das „ohne Macht” betrifft, so darf man nicht ohne Weiteres die Macht preisgeben, die aus dem Wissen entsteht, um dieses nicht noch mehr denen zu überlassen, die es dazu benutzen, die Wahrheit zu unterdrücken. Doch es gilt, den „Hochmut” zu vermeiden, der für alle Leute mit einer guten Ausbildung eine Jon Sobrino reale Gefahr darstellt. Und man muss die Anziehungskraft vermeiden, die von der Nähe zu wirklichen zivilen oder kirchlichen Machthabern ausgeht, was sub angelo lucis geschehen kann.

Ohne in eine bloße Diskussion um Begriffe abzugleiten, kann man anstelle der Kategorien der Macht die Kategorien von energeia und dynamis, Energie und Impuls, benutzen. Damit ist gemeint, dass das Amt etwas in Bewegung setzt, um die Wirklichkeit zu verändern, und Kraft für das Wachstum der anderen verleiht – im Gegensatz zur Macht, die die Dinge im eigenen Interesse verändert und die anderen unterwirft. Ein Erzbischof Romero hatte eher Energie als Macht. Er veränderte die persönliche und gesellschaftliche Situation der Bauern. Was den Hochmut, die Arroganz, betrifft, so gibt es kein besseres Mittel, sie zu überwinden, als die Armen zur Frohen Botschaft für uns werden zu lassen, vor allem dann, wenn sie uns, ohne es zu sagen, verzeihen. Und sehr hilfreich sind Verfolgung und Martyrium, sofern man sie in Demut, ohne jede Prahlerei, auf sich nimmt. Hoffentlich macht die Kirche aus beiden Dingen eine zentrale Frage des Amtes und nicht nur eine Frage der Klugheit oder der Heiligsprechung. Es gibt verschiedene Weisen, zu dienen, und es ist gut, dabei nach Effektivität zu streben. Doch es gibt keine bessere und wirkungsvollere Art als das Martyrium. Und es gelten nach wie vor die Worte Jesu: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld hinzugeben für die vielen.” (Mk 10,45)

3. Laiinnen und Laien
Die notwendige historische Herausbildung der Ämter kann das Wesen ihres Ursprungs nicht zunichte machen, und es wäre skandalös, wenn sich die Ämter zum Gegenteil dieses Ursprungs entwickelten und zum Beispiel Autorität statt Dienst repräsentierten. Nun, innerhalb der Jesusbewegung und bei den ersten christlichen Gemeinden kommt das Amt im Wesentlichen Frauen und Männern gleichermaßen zu. Wir wollen nun zwei Dinge in Erinnerung rufen:

a) Der Vorrang des Laienstandes
Dies könnte provokativ klingen, obwohl es dies nicht unbedingt sein muss. Der Laienstand im Gegensatz zum priesterlichen Stand ist die ursprüngliche Weise des Menschseins und damit des Christseins. Jesus war nicht nur im soziologischen Sinne ein Laie, sondern auch in seiner Eigenschaft als Mittler Gottes. Der Hebräerbrief nennt ihn Priester, doch seine Fähigkeit zur Mittlerschaft erwuchs ihm aus Eigenschaften eines Laien: Barmherzigkeit, Treue, Hingabe. Es bedurfte keiner sakralen Zutaten, und noch viel weniger irgendeiner Art von Macht. Die kirchlichen Ämter haben sich mit sakralen Beigaben und mit potestas ausgestattet, doch dies schafft die fundamentale Tatsache nicht aus der Welt, dass das Amt Jesu in seiner realen Gestalt das Amt eines Laien war. Daran muss man – wenn auch möglicherweise wider alle Hoffnung – das Korrektiv für jegliche Degeneration des Amtes sehen. Das „Laienhafte” ist es, das alles Sakrale erlöst, nicht umgekehrt. Und wenn man das „Sich-Offenbaren Gottes” als sakral auffasst, dann kann dies sehr wohl als „der allerhöchste Glanz des Laie-Seins und nicht als dessen Auslöschung” verstanden werden.

b) Ämter und Frauen
Das Amt muss im selben Maß den Frauen zugestanden werden, wie es den Männern zukommt. Von Jesus her gesehen ist die Situation der Frauen in der Kirche unerträglich. Dies ist eine programmatische Behauptung, doch ein kurzer Blick auf die Bibel kann uns helfen: Bei den Synoptikern gehören Frauen und Männer gleichermaßen zur Gefolgschaft Jesu und verkünden das Reich Gottes. In Lk 8,2f sind ihre Namen festgehalten: Maria aus Magdala, Johanna, die Frau des Chuzas, Susanna und viele andere. Von den beiden zuletzt Genannten heißt es, dass sie ihm „mit ihren Gütern dienten”. Bei Markus und Matthäus tauchen unter dem Kreuz nur Frauen auf: Maria von Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus des Jüngeren und Salome (Mk 15,40f; vgl. Mt 27,56, wo auch die Mutter der Zebedäussöhne erwähnt wird). Von ihnen wird gesagt, dass sie ihm nachfolgten, wobei der Terminus technicus akoluthein verwendet wird, der bedeutet: nachfolgen in dem, was Jesus tut. Der Auferstandene erscheint bei Johannes zuerst Maria von Magdala (Joh 20,11–18) und nicht Petrus. Sie wurde damit zur Apostolin der Apostel. Bei den Synoptikern erscheint er zuerst den Frauen, die den Jüngern verkünden mussten, was sich zugetragen hatte (Mt 28,9; Mk 16,9; Lk 24,1–10).
Die Frau hat also eine zentrale und bedeutendere Rolle als die Männer beim Ostergeschehen. Johannes legt überdies das reichhaltigste christologische Bekenntnis, das sich in den Evangelien findet, einer Frau, nämlich Marta, in den Mund: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen sollte.” (Joh 11,27) Dieses Bekenntnis ist vielleicht tiefer als das des Petrus in Mt 16,16: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.” Was die „jesuanische Dignität” und das „Apostolat” betrifft, so erscheinen die Frauen hier nicht nur den Männern gleichgestellt, sondern ihnen sogar überlegen.

In den paulinischen Gemeinden, die am besten bekannt sind, muss man im Hinblick auf das Amtsverständnis zwei Dinge betonen: vor allem die Bedeutung der Gemeinschaft, innerhalb derer das, was heute den Ämtern entspricht, ebenso das Anrecht der Frauen wie das der Männer ist. Die Ämter entwickeln sich aus den Bedürfnissen der Gemeinden heraus, und ihre Gültigkeit resultiert nicht notwendig daraus, dass ihnen ein Apostel irgendeine Art von Autorität verleiht. In Thessaloniki und Korinth haben sich die Gemeinden in Abwesenheit des Paulus selbst organisiert, und erst danach unterstützt er die Diener und Dienerinnen, obwohl das, was sie tun, etwas Neues darstellt. In 1 Thess 5,11–12 und 1 Kor 16,15–16 anerkennt er sie aufgrund der Arbeit, die sie leisten, und nicht, weil sie ernannt worden wären oder weil ihnen eine bestimmte Amtsgewalt, eine potestas, verliehen worden wäre.

Der Bezugspunkt für Paulus ist also die Gemeinde, und deshalb schreibt er, wenn Probleme auftauchen, an die ganze Gemeinde, nicht an die Leiter. Diese werden Jon Sobrino wie die episkopoi und die diakonoi nur in Phil 1,1 erwähnt, ohne dass näher erläutert wird, was ihre Aufgabe ist. Das Charisma der Leitung, das in der hierarchisch verfassten Kirche so entscheidend ist, wird in der Auflistung der Charismen in 1 Kor 12,28 an vorletzter Stelle erwähnt. Dahinter kommt nur noch die Gabe der Zungenrede, die nicht von großer Bedeutung, ja für Paulus sogar zweifelhaft ist. Das alles unterscheidet sich sehr stark von dem, wie heute das Amt aufgefasst wird. In Röm 16 werden mehrere Frauen namentlich genannt, deren apostolisches Handeln Paulus hervorhebt. Phöbe ist Diakonin, Priska und Maria „haben sich sehr abgemüht”, ein Ausdruck, mit dem der apostolische Dienst des Paulus für die Gemeinden beschrieben wird. Junia, die unter den Apostolinnen hervorragt, kam noch vor Paulus zu Christus. Persida, Trifosa und Trifena „haben sich abgemüht” im Herrn. In Apg 16 ist Lydia nicht nur eine Frau, die Paulus in ihrem Haus beherbergt, sondern wahrscheinlich auch seine Mitarbeiterin im Apostolat.

Die Tatsache, dass die Frauen apostolische Aufgaben wahrnahmen – was heute die Ämter wären –, bestätigt in actu den programmatischen Satz in Gal 3,28: „In Christus gibt es nicht mehr Mann und Frau”, obwohl diese Wendung in 1 Kor 12,13 weggelassen wird – möglicherweise wegen der pastoralen Schwierigkeiten, die eine solche Behauptung heraufbeschwor.

Was hier in Erinnerung gerufen wurde, ist bekannt. Geist und auch Buchstabe dieser Texte offenbaren ein Verständnis von Mann und Frau innerhalb der Gemeinde, das sich vom heutigen sehr unterscheidet. Es befindet sich viel stärker auf der Linie der Gleichheit der Geschlechter und nicht der Ungleichheit im Hinblick auf die Ämter. Heute muss man zu diesen Texten noch die „Zeichen der Zeit” hinzunehmen. Im „Norden” kann man den Fortschritt in Richtung mehr Menschlichkeit nicht übersehen, den die Anerkennung gleicher Rechte für die Frauen bedeutet, so zögernd sie sich auch durchsetzen mag. Im „Süden” kann man den tatsächlichen Beitrag der Frauen in Gesellschaft und Kirche nicht übersehen, der zuweilen heldenhaft ist. In El Salvador wären das Land und ganz bestimmt die Kirche ohne die Frau – als Mutter, Genossin und Gefährtin – längst untergegangen. In den Jahren der Unterdrückung und des Krieges hielt die Frau beide am Leben. Inmitten von Bomben und nächtlicher Flucht, ohne sprechen zu können, weil man sonst den Tod riskierte, mit Kindern im Arm, unerkannt mitten unter Soldaten und Todesschwadronen marschierend, Fotos von Bischof Romero vergrabend, bevor man das Haus verließ, zu Gott betend, bewahrten sie das innere Wesen von Kirche und Land. Es gab auch Männer. Die Besten unter ihnen, Männer wie Frauen, verwirklichten das grundlegende ministerium: vor dem Gegen- Reich nicht zurückzuweichen und das Reich Gottes aufzubauen.

Es geht nun nicht darum, in einem Akt der Gerechtigkeit und Wiedergutmachung den Frauen dieselben Rechte zuzugestehen, sondern ihren spezifischen Beitrag dem Amt einzuverleiben: Mitleiden, Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit zu leiden, Treue, Aufnahme, Zärtlichkeit ... Wenn es dafür in den kirchlichen Ämtern, auch in den Weiheämtern, keinen Platz gegeben hat, dann deshalb, weil – um mit Pascal zu sprechen – der Geist des Feingespürs (esprit de finesse ) vom Geist der Geometrie verschlungen wurde. Das ist schwer zu verstehen, wenn man an den esprit de finesse denkt, den Jesus gegenüber der Frau an den Tag legte.

IV. Die theologale Formulierung: Mithelfen bei Gottes Gang durch die Geschichte

Wir haben das Amt grundlegend vom Reich Gottes her und wie es aufzubauen ist beschrieben, und der Leser mag sich fragen, ob wir dabei nicht Gott selbst ignoriert haben. Darauf möchte ich mit einem bekannten Wort Ignacio Ellacurías antworten: „Mit Erzbischof Romero ging Gott durch El Salvador.” Wie Jesus, der „hinging, das Gute zu tun und die vom Teufel Besessenen zu heilen”, übte Bischof Romero viele Ämter zum Aufbau des Reiches Gottes aus: mit Sicherheit das Amt des Wortes und der Nächstenliebe und die spezifischen Aufgaben als Erzbischof. Doch in all diesen übte er das grundlegende Amt aus: „Gottes Gang durch diese Welt zuzulassen und einen Beitrag dazu zu leisten”, und zwar durch sein Mitleiden, seine prophetische Stimme, seine Treue, sein Martyrium und dadurch, dass er im Gebet vor Gott trat. Und er trug nicht zum Gang irgendeines Gottes durch die Welt bei, sondern jenes Gottes, der im Rat der Götter seine Stimme erhebt: „Sprecht Recht für den Schwachen und die Waise, für den Niedrigen und Bedürftigen schafft Gerechtigkeit.” (Ps 82) Es schritt jener Gott durch die Geschichte, bei dem „die Waise Erbarmen findet”. Das ist es, was Ellacuría lebte. Und wie für Jesus gilt auch für ihn, dass „Gott mit ihm war”.

Mit Recht beharrt Benedikt XVI. auf „Gott”. Wir insistierten auf dem „Reich Gottes”, denn dieses entsteht, wenn Gott durch die Geschichte schreitet. Es kommt darauf an, Gott zu dienen, aber es kommt auch – in der gebotenen Demut sei es gesagt – darauf an, „dem Gang Gottes durch unsere Welt” zu dienen. Genau das ist es, was die großen Amtsträger wie Erzbischof Romero getan haben. Und es ist das, was auch Jesus von Nazaret getan hat.

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