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Beitrag aus CONCILIUM 1/2020
Francis Schüssler Fiorenza
In Memoriam Johann Baptist Metz


Johann Baptist Metz wurde am 5. August 1928 in Auerbach in der Oberpfalz im Landkreis Amberg-Sulzbach in Bayern geboren. Mit seinem Tod am 2. Dezember 2019 in Münster hat die Welt einen der einflussreichsten römisch-katholischen Theologen der Nachkriegszeit verloren. 1963 war Metz auf den Lehrstuhl für Fundamentaltheologie an die Katholisch-Theologische Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster berufen worden, den er bis zu seiner Emeritierung 1993 innehatte. 1965 war er unter den führenden Theologen, die CONCILIUM als eine internationale theologische Zeitschrift gründeten, die dazu dienen sollte, die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu unterstützen und voranzubringen. Als eine solche Paraklese ist der Brief gattungsgeschichtlich einzuordnen, den Papst Franziskus 2019 «an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland» geschrieben hat, datiert auf Peter und Paul, also mit hohem Symbolwert. Der Papst macht seine Autorität geltend, stellt aber kein einziges Verbot auf, sondern formuliert, was bei der Planung berücksichtigt werden muss: Als Pontifex, als Brückenbauer, ist ihm die Einheit der Kirche ein Anliegen, als Pastor, als Hirte, die Zielgerichtetheit des Weges, als Pater, als Vater, die geistliche Qualität des Prozesses.

Metz gehörte zur Generation der deutschen Nachkriegstheologen. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als es der deutschen Armee zunehmend an Soldaten mangelte, wurde Metz im frühen Alter von 16 Jahren eingezogen. Er wurde umgehend an die Front geschickt. Von seinem Kommandanten mit einer Nachricht auf einen Botengang geschickt, führte ihn sein Weg durch ein Gebiet, das zum Ziel eines schweren Luftangriffs geworden war. Viele der umliegenden Gebäude standen in Flammen oder waren von Bomben zerstört. Bei seiner Rückkehr stellte Metz fest, dass seine Einheit von Jagdbombern und Panzern angegriffen worden war. Seine Kameraden fand er nur noch tot vor. Bald darauf wurde er gefangen genommen und in die USA verschifft, wo er als Kriegsgefangener zur Arbeit auf Farmen in Virginia und Maryland geschickt wurde. Im Gespräch mit mir erinnerte er sich, dass er in diesen Jahren starkes Heimweh hatte und dass die Frau des Farmers Mitleid mit ihm bekam, da er der jüngste Kriegsgefangene war, der auf dieser Farm in Virginia arbeitete. Sie sah oft danach, dass er genug zu essen bekam.

Trotz der Bedeutung dieser Erfahrungen stammen der Antrieb und die Grundhaltung von Metz’ Theologie nicht so sehr aus seinen Kriegserlebnissen, sondern eher aus seinem Bemühen, die Entwicklung der deutschen Gesellschaft – im kirchlichen wie im politischen Bereich – in jener Zeit zu verstehen, die schließlich zum Krieg führte. Wo war die Stimme der Theologen? Welche Rolle spielten die Kirchen? Wie gehen Christen mit dem Holocaust um? Es waren die Fehlentwicklungen und Verbrechen vor dem Krieg, die Metz dazu bewegten, seine politische Theologie zu entwickeln.

Metz begann seine wissenschaftliche Laufbahn an der Universität Innsbruck mit einer philosophischen Dissertation über Martin Heidegger (Heidegger und das Problem der Metaphysik, 1951). Als Schüler von Karl Rahner verfasste er außerdem eine theologische Dissertation, die unter dem Titel Christliche Anthropozentrik (1962) veröffentlicht wurde. Darin stellte er eine Interpretation von Thomas von Aquin vor, die die Wurzeln von Rahners Anthropologie zu Thomas zurückverfolgte. Er gab die Neuauflage von Karl Rahners Hörer des Wortes heraus und trug darin die weiteren Entwicklungen von Rahners Theologie bis ins Jahr 1964 ein. Er war außerdem einer der Mitherausgeber der zweibändigen Festschrift Gott in Welt zu Ehren von Karl Rahner.

Metz und Rahner blieben über die Jahre eng befreundet. Karl Rahner war in vielerlei Hinsicht sowohl eine »Vaterfigur« als auch ein Freund für Metz. Seine frühen Schriften spiegeln Rahners Theologie, insbesondere diejenigen zur Anthropologie und zum Verhältnis von Kirche und Gesellschaft. Metz’ Freundschaft mit Rahner blieb aber auch bestehen, als er begann, seine eigene Stimme in der Theologie, insbesondere in der Politischen Theologie, zu finden und Elemente von Rahners transzendentalphilosophischem Ansatz zu kritisieren.

Als er an der Universität Münster den Lehrstuhl für Fundamentaltheologie übernahm, fing er auch an, seine ursprüngliche Auffassung von politischer Theologie im Sinne einer Fundamentaltheologie weiterzuentwickeln. Inspirierend waren dabei auch die Gespräche im Rahmen der Paulus-Gesellschaft, die sich darum bemühte, westdeutsche Philosophen, Theologen und Wissenschaftler in einen Dialog mit ostdeutschen Wissenschaftlern und Philosophen zu bringen.

Metz sah sich mit einer ganz spezifischen Kritik an seiner theologischen Position und seiner Politischen Theologie konfrontiert. Bekanntlich versuchte Metz nicht nur die Schwächen der personalistischen und existentialistischen Theologien seiner Zeit zu überwinden, sondern thematisierte auch das kirchliche Versagen in der Zeit des Nationalsozialismus. Seine Kritiker fragten, ob sein Aufruf zu einem politischen Verständnis von Theologie eine Rückkehr zur traditionellen Herrschaft der Kirche über den Staat und der theologischen Ansichten über die Gesellschaft bedeute. Metz begegnete dieser Kritik, indem er in seinen frühen Artikulationen der Politischen Theologie einen »eschatologischen Vorbehalt« betonte. Er argumentierte, dass sich die Politische Theologie niemals an eine bestimmte Regierung oder ein bestimmtes System oder eine bestimmte Institution binden dürfe, da sie dadurch ihre kritische Kraft verlieren und zu einem Apologeten des Status quo werden würde. Metz’ Betonung des »eschatologischen Vorbehalts« hatte den Vorteil, jede künftige ideologische Verteidigung des politischen Establishments zu vermeiden – eine Perspektive, die von anderen Politischen Theologen wie Jürgen Moltmann, Dorothee Sölle und manchen lateinamerikanischen Befreiungstheologen kritisiert wurde.

Metz’ Konzept der Politischen Theologie ist in sich schlüssig und weist doch eine Entwicklung auf. Das lässt sich an seinen Publikationen ablesen: Von Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Studien zu einer praktischen Fundamentaltheologie (1977), Jenseits bürgerlicher Religion. Reden über die Zukunft des Christentums (1980) über Zum Begriff der neuen Politischen Theologie (1997) bis hin zu Memoria passionis. Ein provozierendes Gedächtnis in pluralistischer Gesellschaft (2006) wird die Rolle der Erinnerung immer wichtiger.

Metz sprach von der »gefährlichen Erinnerung« der Opfer der Geschichte und der unter Unrecht Leidenden. Die Leidenserinnerung war dabei nicht nur zentral für das Verständnis von Erlösung, sondern wurde zur grundlegenden und fundamentalen Kategorie seiner Politischen Theologie, die er inzwischen »neue Politische Theologie« nannte, um sie deutlich von Carl Schmitts politischer Theologie und seiner antidemokratischen, pronazistischen und antisemitischen Ausrichtung abzusetzen. Er ging davon aus, dass die Erinnerung an das Leiden Jesu und die Leiden anderer Opfer von Unrecht unser vorherrschendes Bewusstsein durchbricht. Es mobilisiert die Tradition als kritische und befreiende Kraft, niemals den gesellschaftlichen Status quo zu akzeptieren und immer Hoffnung zu haben. Diese Erinnerung steht für ein theologisches Verständnis dessen, was es bedeutet, eine christliche Gemeinschaft in der Nachfolge Jesu zu sein. Die Erfahrung des Leidens lässt sich oft nicht auf eine explizite Schuld oder Schuldgeschichte zurückführen, aber sie ist eine Erfahrung des Leidens und des Elends, die nach Gott schreit.

Die christliche Gottesrede, argumentierte Metz, sollte von der Mystik des Leidens an Gott inspiriert sein. Ein solches Reden weist eine Armut des Geistes auf, die sich nicht gegen die Infragestellung immunisiert, die in der Theodizeefrage zum Ausdruck kommt. Aber mit ihrer Sprache des Leidens und der Krise, des Zweifels und der Gefahr rückt diese Art der Gottesrede ins Herz der Theologie ein und verpflichtet uns, das Leiden anderer genauer wahrzunehmen und uns damit zu befassen.

Metz war stark an der Würzburger Synode beteiligt, die alle deutschen Diözesen zusammenbringen wollte. Die DDR weigerte sich, die Diözesen ihres Hoheitsgebiets teilnehmen zu lassen, sodass die Synode auf Westdeutschland beschränkt blieb. Metz schrieb einen Entwurf für ein Synodenpapier mit dem Titel Unsere Hoffnung – Die Kraft des Evangeliums zur Gestaltung der Zukunft, in dem er erneut betonte, wie wichtig es sei, sich auf das Leiden anderer und der Opfer von Unrecht zu konzentrieren. Diese prophetische Haltung verband er dann mit der christlichen Hoffnung. Danach ist die christliche Hoffnung keine Zukunftshoffnung, die die Leiden und Ungerechtigkeiten der Vergangenheit einfach hinter sich lässt. Die christliche Gemeinschaft muss die Geschichte des Leidens durchleben und mittragen, um eine Geschichte der Hoffnung leben zu können. Die Glaubenskrise der Gläubigen in der Kirche muss selbst als eine Krise anerkannt werden, der sich die Kirche stellen muss.

Ein entscheidender Punkt war für Metz, dass die katholische Kirche den Holocaust anerkennt und Verantwortung dafür übernimmt. Das von der Synode 1975 verkündete Schlussdokument Unsere Hoffnung. Ein Bekenntnis zum Glauben in dieser Zeit nahm diesen Impuls von Metz auf. Es war das erste offizielle Dokument, in dem die deutsche römisch-katholische Kirche den Holocaust als Teil ihrer Geschichte anerkannte.

Wenn wir uns an das theologische Vermächtnis von Metz erinnern und es würdigen, sollten wir zwei besondere Merkmale seiner Schriften nicht übersehen. Viele von ihnen waren eher aphoristisch als systematisch, eher beschwörend und praxisorientiert. Er hat oft kleine Bücher verfasst, die man als »geistliche Schriften« bezeichnen könnte. Diese sind aber nicht erbaulich, sondern vor allem darum bemüht, die wesentlichen Themen der christlichen Nachfolge hervorzuheben. In Armut im Geiste – Vom Geist der Menschwerdung Gottes und der Menschwerdung des Menschen (1962) spricht Metz auch davon, wie wichtig eine intellektuelle Armut für die christliche Nachfolge ist. Christ zu sein bedeutet nicht, mehr zu wissen als andere, sondern sich dessen bewusst zu sein, was wir nicht wissen. Es ist diese Armut des Geistes, die es einem ermöglicht, angesichts der Herausforderungen und der Ungerechtigkeit unserer Welt zu hoffen. Sie macht es möglich, die intellektuelle Überlegenheit des Geistes zu verwerfen, die nichts von anderen und ihren Leiden lernen kann. In Zeit der Orden? Zur Mystik und Politik der Nachfolge (1977) betont Metz, dass es für Ordensgemeinschaften wesentlich ist, Nachfolge gerade dadurch zu praktizieren, dass man sich an die Ungerechtigkeit und an die Leiden anderer erinnert.

Elisabeth und ich hatten die Ehre, Metz kennenzulernen, als wir in Münster gelebt haben. Eine unserer schönsten Erinnerungen ist, dass Metz bei unserer Trauung, an der auch Karl Rahner teilnahm, amtierte. Was ich von Metz gelernt habe, ist eine tiefgreifende Idee: Die gefährlichste Erinnerung für Christen (Jesu Leiden und Sterben) ist zugleich die Hoffnungsbotschaft des Christentums für die Leidenden der Welt. Ruhe in Frieden, lieber Freund.

Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Reck.

Der Autor

Francis Schüssler Fiorenza
, geb. 1941, ist Professor für römisch-katholische Studien an der Harvard Divinity School. Seine Hauptinteressen liegen in Bereichen der Fundamentaltheologie, in denen er der Bedeutung zeitgenössischer hermeneutischer Theorien sowie der neopragmatischen Kritik des Fundamentalismus nachgeht. Seine Schriften zur Politischen Theologie beschäftigen sich mit neueren Theorien der Gerechtigkeit, insbesondere mit denen von John Rawls und Jürgen Habermas, sowie mit Fragen der Arbeit und der Fürsorge. Des Weiteren hat er über die Geschichte der Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts publiziert. Auf Deutsch erschien von ihm: Fundamentale Theologie. Zur Kritik theologischer Begründungsverfahren (1992).

CONCILIUM-Beiträge von Johann Baptist Metz

Der Unglaube als theologisches Problem, in: CONCILIUM 1 (1965), 484–492.
Das Problem einer »politischen Theologie« und die Bestimmung der Kirche als Institution gesellschaftskritischer Freiheit, in: CONCILIUM 4 (1968), 403–411.
Braucht die Kirche eine neue Reformation? Eine römisch-katholische Antwort, in: CONCILIUM 6 (1970), 265–270.
Zur Präsenz der Kirche in der Gesellschaft, in: CONCILIUM-Sonderband 1970/71. Vorwort zum Themenheft »Kirche«, in: CONCILIUM 7 (1971), 385–387.
Zukunft aus dem Gedächtnis des Leidens, in: CONCILIUM 8 (1972), 399–407.
Kleine Apologie des Erzählens, in: CONCILIUM 9 (1973), 334–341.
Von der Freude und der Trauer, von der Heiterkeit und der Melancholie und vom Humor. Editorial – oder: »von der Schwierigkeit, ja zu sagen«, in: CONCILIUM 10 (1974), 307–309.
Unsere Hoffnung – Die Kraft des Evangeliums zur Gestaltung der Zukunft, in: CONCILIUM 11 (1975), 710–720.
Theologie als Biographie – Eine These und ein Paradigma, in: CONCILIUM 12 (1976), 311–315.
Messianische oder bürgerliche Religion? Zur Krise der Kirche in der Bundesrepublik Deutschland, in: CONCILIUM 15 (1979), 308–315.
Im Angesicht einer zerrissenen Welt – Blick auf die Sektion Fundamentaltheologie, in: CONCILIUM 19 (1983), 764–766.
Im Angesicht der Juden. Christliche Theologie nach Auschwitz, in: CONCILIUM 20 (1984), 382–389.
Theologie im Angesicht und vor dem Ende der Moderne, in: CONCILIUM 20 (1984), 14–18. (zus. m. E. Schillebeeckx) Aus der Erbschaft des Konzils (Vorwort), in: CONCILIUM 21 (1985), 235 f.
(zus. m. E. Schillebeeckx) Weltkatechismus oder Inkulturation?, in: CONCILIUM 25 (1989), 294–296.
Einheit und Vielfalt: Probleme und Perspektiven der Inkulturation, in: CONCILIUM 25 (1989), 337–342.
Lateinamerika – mit den Augen eines europäischen Theologen gesehen, in: CONCILIUM 26 (1990), 519–523.
(zus. m. H. Häring) Reinkarnation oder Auferstehung? Eine Diskussion wird eröffnet, in: CONCILIUM 29 (1993), 377–379.
Zeit ohne Finale? Zum Hintergrund der Debatte über »Resurrektion oder Reinkarnation«, in: CONCILIUM 29 (1993), 458–462.
Die elektronische Falle: Theologische Bemerkungen zum religiösen Kult im Fernsehen, in: CONCILIUM 29 (1993), 503–506
Gott und die Übel dieser Welt – vergessene, unvergessliche Theodizee, in: CONCILIUM 33 (1997), 586–590.
Gott in Zeit. Von der apokalyptischen Wurzel des Christentums, in: CONCILIUM 52 (2016), 631–639.


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