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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/con.2017.4.453-461
Deogratias M. Rwezaura SJ
Die Logik bedingungsloser Liebe: Barmherzigkeit aus der Sicht von Flüchtlingen
Einleitung

Das außerordentliche Jahr der Barmherzigkeit, das am 20. November 2016 zu Ende ging, hatte zu einem tieferen Nachdenken über Gottes barmherzige Liebe und das daraus resultierende Handeln aufgerufen. Für mich war die Einladung, barmherzig zu sein wie der Vater, eine Anregung, über die Barmherzigkeit als einen Namen und als ein Tun nachzudenken. Gott ist Barmherzigkeit, weil Gott barmherzig liebt. Im vorliegenden Beitrag denke ich, ausgehend vom Kontext und von der Erfahrung meiner jahrelangen Arbeit mit Flüchtlingen, über die Bedeutung der Barmherzigkeit nach. Ich sehe mein Nachdenken als Art und Weise, die Stimmen von Flüchtlingen hörbar zu machen und in ihnen nicht nur bedauernswerte Menschen zu sehen, die Barmherzigkeit empfangen, sondern sie ins Zentrum derer zu stellen, die tatkräftig nach Barmherzigkeit streben.

Was Barmherzigkeit bedeutet

Die Barmherzigkeit zu definieren, ist nicht einfach, hilft aber, in Worte zu fassen, was Barmherzigkeit bedeutet. George Kaitholil, der sich sehr ausgiebig mit dem Thema Barmherzigkeit beschäftigt hat, schreibt: »Gottes Barmherzigkeit gegenüber den Menschen meint Sein Mitleid, Seine Freundlichkeit, Sein Erbarmen, Seine Güte, Seine Vergebungsbereitschaft, Sein Verständnis, Seine Nachsicht, Sein Wohlwollen, Seine Sanftmut, Seine Gnade, Seine Milde und Seine Duldsamkeit.« Im weiteren Verlauf schreibt er: »Menschen sollten einander ebenfalls mit Güte, Mitleid, Barmherzigkeit, Freundlichkeit, Erbarmen, Sympathie, Güte, Vergebungsbereitschaft, Verständnis, Nachsicht, Wohlwollen, Sanftmut, Milde und Duldsamkeit begegnen.« Jedes Wort, das Kaitholil verwendet, ist reich an Bedeutung und auf den Anderen ausgerichtet. Jedes bezeichnet eine nach außen, auf die Umarmung des Anderen hingewandte Tugend.

Wie die bedingungslose Liebe strömt die Barmherzigkeit in freiem Fluss von Gott zu den anderen und insbesondere den Unterdrückten. Von seiner lateinischen Wurzel, misericordia, her »bedeutet ›Barmherzigkeit‹, das Herz für die Not zu öffnen.« Barmherzigkeit, mit Papst Franziskus gesprochen, »ist jene göttliche Haltung, die umarmt, das Sich-Schenken Gottes, der empfängt, der sich herabbeugt zur Vergebung.« Wenn man die Barmherzigkeit erfährt, die aus der Sorge Gottes um die Menschheit erwächst, lernt man am eigenen Herzen, was es heißt, Vergebung zu empfangen, und handelt selber mitfühlend, was, in den Worten von Papst Franziskus, »bedeutet, mit jemandem mitzuleiden, Anteil zu nehmen, dem Schmerz anderer Menschen gegenüber nicht gleichgültig zu bleiben.« In reiner Freude lernt man, den Notleidenden, den Bedürftigen mitfühlend zu begegnen. Auf diese Weise wird die Barmherzigkeit zu einer Mission; sie geht über bloße Gerechtigkeit hinaus, ohne sie jedoch auszuschließen.

Barmherzigkeit wird wie jede andere Tugend erworben, indem man sie praktiziert. Um barmherzig zu sein wie der Vater, müssen wir lernen, ebendas zu sein: barmherzig. Das ist jedoch alles andere als leicht. Zuerst müssen wir Gottes barmherziges Wesen auf persönliche und existentielle Weise erfahren. Die Erfahrung der bedingungslosen Barmherzigkeit Gottes löst eine Reaktion der Dankbarkeit aus, die ihrerseits den Wunsch erzeugt, zu vergeben – nicht unbedingt deshalb, weil der Andere es verdient, sondern weil wir gemeinsam Frieden nötig haben.

Vor 15 Jahren habe ich mit burundischen Flüchtlingen gearbeitet, und diese Erfahrung lässt die oben beschriebene Dynamik der Barmherzigkeit anschaulich werden. 2001 wurde ich gebeten, im Nduta-Flüchtlingscamp im Westen von Tansania einen Einkehrtag für die Vorsteherinnen und Vorsteher von mehreren Kleinen Christlichen Gemeinschaften (Small Christian Communities, SCC) zu halten. Ich entschied mich für die Worte aus dem Matthäusevangelium: »Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben« (10,8). Noch ehe ich in das Thema einführen konnte, fragte mich einer der Katecheten: »Wir haben alles verloren, sogar geliebte Familienmitglieder. Was also haben wir umsonst empfangen, das wir umsonst geben sollen?« Statt seine Frage zu beantworten, bat ich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darüber nachzudenken, was sie ihrer Meinung nach umsonst von Gott empfangen hätten. Eine Frau in der Gruppe (nennen wir sie Chantal) antwortete, dass sie sich trotz allem, was sie durch ihre Flucht habe durchmachen müssen, dennoch mit Gottes unverdienter Barmherzigkeit arrangiert habe. »Viele sind vor meinen Augen gestorben«, sagte sie, »aber Gott hat mir die Chance gegeben, zu leben, und jetzt bin ich hier.« Andere griffen ihr Zeugnis auf und erwähnten viele andere Gaben, von denen nur die wenigsten materieller Natur waren – frische Luft, Leben, Atem, Gesundheit, Sehkraft, neue Freunde, Kraft, Energie und zahlreiche Talente. Am Ende der Gebetszeit war den Teilnehmern bewusst geworden, wie beschenkt sie waren, und sie bildeten eine Gruppe, um den verletzlichsten Mitgliedern ihrer Flüchtlingsgemeinschaft beizustehen. Gottes frei geschenkte Barmherzigkeit hatte eine Reaktion des Mitgefühls mit den Verletzlichsten in ihrer Mitte aufkommen lassen. Barmherzigkeit hatte sie ermächtigt, barmherzig zu sein. Sie fingen an, die Kranken im Krankenhaus und jene in den Zelten zu besuchen; sie sammelten Feuerholz für die Verletzlichen und die Älteren; sie reichten den unbegleiteten Minderjährigen die Hand und adoptierten einige von ihnen; und sie halfen dabei, Kleidung und andere Gebrauchsgegenstände an die Schwächeren zu verteilen.

Barmherzigkeit im Kontext des Exils


Flüchtlinge haben schwerwiegende soziale Übel und Auswirkungen struktureller Sünde erlitten, die sie in vielerlei Hinsicht zu Opfern gemacht haben. Daher werde ich mich auf die Frage konzentrieren, was Flüchtlinge als Opfer struktureller Sünde unter Barmherzigkeit verstehen und welche Zugänge sie zu ihr finden. Wie kann Barmherzigkeit im Kontext der Zwangsmigration praktiziert werden? Papst Franziskus hat uns in Misericordiae vultus beredt daran erinnert, dass Fremde aufzunehmen genau wie Hungrige zu speisen, Durstigen zu trinken zu geben, Nackte zu bekleiden, Kranke zu pflegen, Gefangene zu besuchen und die Toten zu begraben zu den leiblichen Werken der Barmherzigkeit gehört. Flüchtlinge geraten – abgesehen davon, dass sie auf der Suche nach einem besseren und sichereren Ort und auf der Flucht vor Gewalt sind – allzu oft in jede dieser Situationen einschließlich unverschuldeter Inhaftierung oder Unterbringung in einem Lager. Im Lager leiden viele unter Hunger, Durst, Kälte und mangelnder medizinischer Versorgung, und auch eine geziemende Bestattung ist oft nicht gewährleistet. Die leiblichen Werke der Barmherzigkeit rufen uns dazu auf, uns zu einem Gott zu bekennen, der Ablehnung »mit Mitleid und Barmherzigkeit« überwindet. Traurigerweise leben wir in einer Welt, in der sich Flüchtlinge durch zunehmende Grenzkontrollen, strenge Einwanderungsgesetze und instinktlose, eher von politischer Opportunität als von Mitgefühl getragene Regierungsrichtlinien mit massiver Zurückweisung konfrontiert sehen. Menschen, die auf der Suche nach Sicherheit von zu Hause fliehen, sehnen sich nach Gastlichkeit und Mitgefühl und nicht nach Feindseligkeit und Ablehnung. Ablehnung entwürdigt den Menschen, und Feindseligkeit traumatisiert. Mitgefühl und Barmherzigkeit Flüchtlingen gegenüber bestätigen sie in ihrer Menschenwürde und geben ihnen Hoffnung.

Wir müssen jedoch, wie bereits angedeutet, die Versuchung überwinden, Flüchtlinge zu Objekten der Barmherzigkeit zu machen. Die Erfahrung der Barmherzigkeit, wie Chantal sie in der oben erwähnten Geschichte zum Ausdruck gebracht hat, erwuchs nicht aus dem Gefühl, ihrer Sünden wegen wertlos und schuldig zu sein. Vielmehr fühlte sie sich bedingungslos geliebt. Diese Erfahrung weckte in ihr den Wunsch, gemeinsam mit anderen in einem Geist des Gebets auf einen Ruf zu antworten: den Ruf, anderen mitfühlend zu dienen und ihnen das zu schenken, was sie selbst ohne Gegenleistung empfangen hatte. Das betende Nachdenken über die vielen Dinge, die Gott Chantal geschenkt hatte, brachte sie und die anderen dazu, sich Gottes unverdienter Barmherzigkeit bewusst zu werden. Sie gelangten zu der Einsicht, dass Barmherzigkeit ein Geschenk und keine Belohnung ist. Meine auf Chantals Erfahrung gestützte Auffassung von Barmherzigkeit – mit der wir im vorliegenden Beitrag arbeiten wollen – begreift Barmherzigkeit als Gottes unverdientes Geschenk an uns, und diese Barmherzigkeit, um es mit Kaitholils Worten zu sagen, »tut alles Nötige mit Freundlichkeit und Liebe.« Ein solcher Barmherzigkeitsbegriff wird uns helfen, in unserem Inneren zu erspüren, wie sehr wir geliebt sind und wie sehr wir daher lieben sollten. [...]


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