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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2017.3.274-283
Rolando Tuazon
Kulturelle Minderheiten und die katholische Soziallehre
Als ich mit der Arbeit an diesem Artikel begann, erreichten mich gerade schockierende Nachrichten von der unmenschlichen Behandlung, die ein nationales Bündnis von indigenen Völkern, das sich vor der US-Botschaft in Manila zu friedlichem Protest versammelt hatte, durch eine Polizeitruppe erfuhr. Sie wurden mit Wasserwerfern und Tränengas auseinandergetrieben. Ein Polizeifahrzeug fuhr immer wieder in die Menge der Protestierenden hinein, in der sich auch alte Frauen und sehr junge Menschen befanden. Viele wurden verhaftet, und manche wurden fast zu Tode geprügelt. Einer der Sprecher des Bündnisses sagte nach dem Vorfall, für Minderheiten gehöre eine solche Erfahrung zu den typischen Prüfungen, die sie in ihrem Leben durchmachen müssten, wenn sie für ihr Lebensrecht und ihren rechtmäßigen Platz in der Gesellschaft einträten.

Viele Minderheitengruppen, die wegen ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihres Geschlechts diskriminiert werden und verschiedene Formen der Verwundbarkeit erleiden, haben begonnen, ihre Rechte auf ein selbstbestimmtes Leben und gerechte Behandlung in der Gesellschaft geltend zu machen. Wenn die katholische Soziallehre vom Engagement der Kirche in sozialen Fragen spricht, kann man darin dann Hilfen finden, die die Anliegen von Minderheiten in sinnvoller Weise aufgreifen? Unterstützt die Soziallehre der Kirche die Interessenvertretungen der Minderheiten nicht nur bei der Verteidigung ihrer grundlegenden menschlichen Würde und Rechte, sondern auch bei der Förderung ihrer kulturellen Eigenständigkeit und Identität?

Dieser Artikel geht diesen Fragen nach und versucht, Antworten darauf zu finden. Er wird zunächst erläutern, inwiefern die Debatten über Minderheitenrechte tatsächlich auf die Lebensbedingungen jener Minderheiten antworten, die an den Rändern der Gesellschaft Unrecht erleiden. Im zweiten Abschnitt sollen, mit Blick auf die umfassendere geschichtliche Entwicklung, die Perspektiven der Kirche zum Thema ermittelt werden, wie sie in den Dokumenten der Soziallehre zum Ausdruck kommen. Mit Hilfe des ethischen Rahmens der Analektik, wie sie Enrique Dussel aus der Perspektive Emmanuel Levinas’ einer Metaphysik des Anderen entwickelt hat, wird der dritte Abschnitt neue mögliche Richtungen aufzeigen, in welche die lebendige Tradition der kirchlichen Soziallehre gehen könnte, wenn sie bei der Verteidigung der Marginalisierten und vor allem der ethnischen Minderheiten oder indigener Völker kritischer und klarer sprechen würde.

Minderheiten an den Rändern

Das Wort »Minderheiten« hat je nach dem Kontext, in dem es gebraucht wird, verschiedene Bedeutungsnuancen. In einem allgemeinen Sinn bezeichnet der Begriff üblicherweise »untergeordnete Gruppen, deren Mitglieder bedeutend weniger Kontrolle oder Macht über ihr eigenes Leben haben als die Mitglieder einer dominanten Gruppe oder Mehrheit«. Er wird gemeinhin mit Stammes-, ethnischen und religiösen Gruppen in Verbindung gebracht, die vor allem wegen ihrer geringeren Zahl, ihres sozialen Status oder ihrer politischen Zugehörigkeit benachteiligt werden. »Minderheiten können durch physische oder sprachliche Isolation, Migration, Geschlechterungleichheit, politische Exklusion, eingeschränkte Bildung, extreme Armut und einen Mangel an Bürgerrechten entstehen.« Man hat festgehalten, dass »Vernichtung, Vertreibung, Absonderung, Ausgrenzung, Zusammenlegung und Assimilation zu den sozialen Folgen für Minderheiten gehören.« Dennoch gibt es, im Widerspruch zu dieser allgemeinen Charakterisierung, in manchen Gesellschaften auch Minderheiten, die elitär und dominant werden und die Kontrolle über Macht, Wohlstand und Privilegien erlangen. In der vorliegenden Untersuchung geht es aber spezifisch um ethnisch-kulturelle Minderheiten bzw. indigene Völker, die an den Rändern der Gesellschaft existieren müssen.

Aus einer Situation der Marginalisierung kommend, fordern Minderheitengruppen die Anerkennung der Rechte, die sie brauchen, um in ihrer eigenen ethnisch-kulturellen Identität, mit ihrer unverwechselbaren Lebensweise und ihren Gebräuchen, ihrem Rechtssystem, ihren sprachlichen und religiösen Traditionen überleben zu können. Diese Behauptung wird theoretisch untermauert und verteidigt von Kommunitaristen, die scharfe Kritik an der westlich-liberalen Theorie üben, wonach das Individuum frei von traditionellen gemeinschaftlichen Bindungen sei und in völliger Autonomie, atomisiert innerhalb eines modernen Nationalstaats lebe. Dieser politisch-liberale Denkrahmen kommt am klarsten zum Ausdruck in John Rawls’ Buch Eine Theorie der Gerechtigkeit, wonach die Institutionalisierung des Guten von einem »Urzustand« ausgehen solle, der noch von einem »Schleier des Nichtwissens« umgeben sei. Das heißt, dass keinerlei partikulares Interesse, keine Identität, Lebensweise oder Religion bei der Bestimmung der Gerechtigkeit für alle eine Rolle spielen dürfe. Van Dyke meint deshalb, dass der Liberalismus von einer Theorie der Kollektivrechte ergänzt werden müsse. »Die Erfordernisse der Logik und die langfristigen Erfordernisse der universalen Gerechtigkeit legen den Gedanken nahe, Gemeinschaften als Einheiten mit eigenen Rechten und Pflichten zu akzeptieren.« Besonders nach dem Aufstieg des ethnischen Nationalismus in Osteuropa im Gefolge des Zusammenbruchs des Kommunismus im Jahr 1989 drückte sich die Anerkennung von Minderheiten in der Form des kulturellen Liberalismus aus. Ethnisch-kulturelle Neutralität erwies sich als Irrweg angesichts der tatsächlichen Organisations- und Funktionsweise des Nationalstaats. Denn in Wirklichkeit geht es bei der »Nationsbildung« ja um die Integration der verschiedenen Gruppen von Menschen in eine »Gesellschaftskultur« mit nationaler Identität und gemeinsamer Mitgliedschaft. Wenn Nationsbildung sich auf die Gesellschaftskultur der Mehrheit stützt, dann müssen die nationalen Minderheiten um ihre Nationalkultur kämpfen und darauf bestehen, dass auch sie ihre eigene Nationsbildung betreiben können, mit dem Recht, sich selbst zu regieren und ihre eigenen, von ihnen benötigten gesellschaftlichen Institutionen aufzubauen.

Minderheiten streben heute nach größerer Autonomie oder sogar nach Unabhängigkeit und Abspaltung von der Nationsbildung der Mehrheit. Ausdrucksformen des Widerstands innerhalb partikularer Gruppen haben zum Aufstieg von militantem Fundamentalismus und terroristischem Extremismus geführt. Samuel Huntington spricht in seinem vielzitiertem Werk Kampf der Kulturen davon, dass nach dem Ende der ideologischen Auseinandersetzungen die religiösen und kulturellen Identitäten der Menschen die Hauptursache von Konflikten seien. Als Antwort darauf ruft er den »Westen« auf, sich gegen den »Rest« zu verteidigen. Dies scheint im »Krieg gegen den Terror« Wirklichkeit geworden zu sein, der die Herrschaftslogik des liberalen Kapitalismus fortsetzt, welcher sich wiederum unter den postmodernen Diskursen des Pluralismus und Multikulturalismus versteckt hatte. Kann die lebendige Tradition der kirchlichen Soziallehre in diese sehr viel komplexere Realität Licht bringen?

Minderheiten in der Soziallehre der Kirche

Der Frage nach der kirchlichen Position gegenüber Minderheiten müssen wir auf drei verschiedenen Ebenen nachgehen – entsprechend dem Wirken der Kirche in den Kontexten von Vormoderne, Moderne und Postmoderne. Joe Hollands moderne katholische Periodisierung der Soziallehre kann für unseren eigenen geschichtlichen Überblick nützlich sein. Mit Blick auf die päpstliche Strategie gegenüber der Entwicklung des modernen Industriekapitalismus spricht er von drei Phasen: der vorleoninischen (1.), der leoninischen (2.) und der johanneischen (3.) Phase. Unser erster Blick gilt darum der Wahrnehmung von Minderheiten in der vormodernen oder vorleoninischen Kirche, die bezüglich der Stabilisierung der Gesellschaft im Rahmen einer aristokratischen katholischen Sozialordnung eine universalistische Sicht einnahm. Als Zweites werden wir die Position der leoninischen Kirche zur Minderheitenfrage zwischen zwei widerstreitenden Ideologien verorten, die die Landschaft der Moderne prägten. Und drittens werden wir sehen, wie die postleoninische oder johanneische Kirche sich für die Minderheitendiskurse in einer Welt der Globalisierung im postmodernen Kontext sensibilisiert. [...]


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