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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2017.3.265-273
Neera Chandhoke
Säkularisierung, Demokratie und die Rechte von Minderheiten
Einleitung

John Locke schrieb in seinem berühmten Brief über Toleranz: »… so halte ich es in jedem Falle für über alles notwendig, zwischen dem Geschäfte der staatlichen Gewalt und dem der Religion genau zu unterscheiden und die rechten Grenzen festzusetzen, die zwischen beiden liegen. Wenn das nicht geschieht, kann den Streitigkeiten kein Ende gemacht werden, die immer entstehen werden zwischen denen, die auf der einen Seite an den Interessen der menschlichen Seelen Anteil nehmen oder wenigstens zu nehmen behaupten, und denen, die auf der anderen Seite für das gemeine Wesen [Gemeinwesen] zu sorgen haben.«

Lockes These von der Säkularisierung staatlicher Gewalt oder der Lehre von der politischen Säkularisierung stellte eine starke Stütze für seine Überzeugung dar, dass die Religion oder die Sorge um die Seelen eine reine Privatangelegenheit zwischen dem Gläubigen und seinem Gott ist. Diese Überzeugung bildete die Grundlage seiner Theorie von Toleranz und Demokratie. Die Prämisse der Privatisierung der Religion vertrug sich gut mit dem Geist der Aufklärung, der im 17. und 18. Jahrhundert Westeuropa erfasste und das Zeitalter der Vernunft und Wissenschaft ausrief.

Genau die Privatisierung der Religion ist es nun, die seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts infrage gestellt wird. In der ganzen Welt kehrte Religion in die Öffentlichkeit zurück, oftmals in Gestalt einer aggressiven und kämpferischen Politik, und richtet sich mit politischen Forderungen an den Staat und die Zivilgesellschaft. In einigen Fällen versucht sie, die staatliche Gewalt an sich zu reißen und die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umzugestalten. Neue religiöse Bewegungen beschränken sich nicht mehr auf die Aufgabe, Seelen zu retten oder den Weg zum Göttlichen zu weisen. Sie sind schlicht Politik in anderer Form: eine Art von Politik, die, insbesondere im arabischen Raum und in Indien, mittels Zwang und bewaffneter Gewalt Projekte der Zerstörung oder des Aufbaus von Staaten verfolgt. Es überrascht nicht, dass neue religiöse Bewegungen im Übermaß konservativ, machtorientiert, intolerant und ausgesprochen undemokratisch sind.

Abgesehen davon, dass sie schiere politische Macht unter dem Banner dieser oder jener Religion anstreben, gibt es bei diesen Bewegungen bzw. bewaffneten Banden wenig, das sich auf Religion in dem Sinne bezieht, dass wir uns selbst verstehen und unseren Ort in der Welt und über diese hinaus finden wollen. Die Rückkehr der Religion in vielfacher Gestalt und die Anerkennung des Potenzials religiöser Überzeugungen sind Zeichen des Anbruchs des postsäkularen Zeitalters. »Die Welt heute ist, von einigen Ausnahmen abgesehen, […] so wild entschlossen religiös wie eh und je, und in einigen Regionen sogar mehr als je zuvor«, schreibt der Religionsphilosoph Peter L. Berger.

Für Postmoderne ist das »Postsäkulare« Teil einer Ablehnung der Rationalität der Aufklärung insgesamt und ihres Ballasts. Die Rückkehr der Religion an die Öffentlichkeit ist Beweis genug für die Unzulänglichkeiten und Schwächen der säkularen Vernunft. Die Säkularisierung ist schlicht überflüssig geworden. Abendländische Philosophen, insbesondere Jürgen Habermas, plädieren dafür, dass wir über den Begriff der Säkularisierung hinausgelangen müssen, um uns den Herausforderungen der Zeit, insbesondere der stärkeren Sichtbarkeit von religiöser Praxis und Religionszugehörigkeit in der Öffentlichkeit, zu stellen. Die Aufgabe besteht nicht darin, die Säkularisierung aufzugeben, weil sie sich als mangelhaft erwiesen hat, und die Religion als eine populäre Weise des Glaubens anzunehmen, sondern die komplexen Züge im Verhältnis zwischen beiden zu verstehen und miteinander zu versöhnen.

In einer Rede unter dem Titel Glauben und Wissen anlässlich der Verleihung des renommierten Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Oktober 2001 und später in einem Aufsatz über Religion in der Öffentlichkeit (2005) verankerte Jürgen Habermas den Begriff des Postsäkularen im Zentrum der politischen Theorie. Im Nachklang des Anschlags auf die Türme des World Trade Center in New York sagte er, dass wir in einem postsäkularen Zeitalter leben. Habermas hat sich seit 1992 in die Richtung bewegt, die Religion als eine Ressource anzuerkennen, um einige der brennendsten ethischen Probleme zu lösen, mit denen die Menschen konfrontiert sind, zum Beispiel die Genmanipulation. Indem Habermas für die Zulassung religiöser Stimmen in der Öffentlichkeit und dafür plädiert, dass man sie dem Prozess der öffentlichen Rechtfertigung unterwirft, akzeptiert er, dass fortgeschrittene kapitalistische Gesellschaften, die die Säkularisierung durchlaufen haben, nun innerhalb einer postsäkularen Welt leben, die das Weiterbestehen der Religion inmitten der fortschreitenden Säkularisierung anerkennen und würdigen muss. Religiöse Stimmen aus der Öffentlichkeit auszuschließen wäre undemokratisch. Die Interaktion in der Öffentlichkeit geht über bloße Duldung hinaus und intensiviert das kommunikative Handeln zwischen säkularen und religiösen Bürgern.

Seine vermittelnde Position macht genau an diesem Punkt Halt, denn religiöse Begriffe und Befindlichkeiten dürfen die Schwelle zur Öffentlichkeit und zu die Politik bestimmenden Institutionen im Staat nicht überschreiten. Eine Vielzahl von Problemen, die Habermas’ Anerkennung der Religion aufwirft, wurden ausgemacht, so zum Beispiel die Unmöglichkeit, religiöse Erfahrungen in eine säkulare Sprache zu übersetzen. Ich will mich jedoch auf ein anderes und ziemlich bezeichnendes Problem konzentrieren, das innerhalb der Habermas’schen Philosophie theoretisch zu wenig ausgearbeitet ist. Welche Religion oder welches Set von Religionen wird in einer pluralistischen Gesellschaft innerhalb der demokratischen Öffentlichkeit zugelassen bzw. davon ausgeschlossen?

Demokratie, Pluralismus und Minderheiten


Die meisten Gesellschaften sind insofern plural, als Einzelne und ihre jeweiligen Gruppen verschiedene Auffassungen vom Guten vertreten. Die Tatsache, dass eine Gesellschaft plural ist, bzw. die Lehre eines empirischen Pluralismus setzt sich jedoch nicht von selbst in einen normativen Pluralismus um. Letzterer bedeutet, dass jede dieser Auffassungen von gleichem Wert ist und gleich behandelt werden sollte. Ich rede hier nicht von Präferenzen von Menschen wie etwa dass die einen Fleisch essen und die anderen Vegetarier sind oder dass die einen Abstinenzler sind und die anderen meinen, ein bukolisches Leben sei einem Leben ohne Alkohol vorzuziehen. Diese Präferenzen stellen »schwache« Unterschiede dar, denn durch überzeugende Argumente können Menschen dazu gebracht werden, ihre diesbezügliche Einstellung zu ändern. Religiöse Überzeugungen hingegen sind »starke«, denn sie statten den Gläubigen mit einer Weltanschauung und mit einem Bewusstsein von seinem Ort in der Welt und im Jenseits aus. Diese Überzeugungen werden nicht so leicht geändert, denn sie stellen einen umfassenden Lebensentwurf dar. Religiöse Überzeugungen sollten eben aus diesem Grund in Ehren gehalten werden. Dies ist das A und O des normativen Pluralismus.

Der normative Pluralismus geht davon aus, dass es kein Glaubenssystem gibt, das als Maßstab für die Gültigkeit oder Mangelhaftigkeit eines anderen dienen kann. Pluralismus ist ein Wert, aber ein Wert in anderem Sinne, denn er ist eine Bedingung für die Existenz einer Vielheit von Auffassungen vom Guten und er missbilligt jede Art von Bewertung. Wenn dem so ist, dann sollte Habermas’ Öffentlichkeit nicht nur von einem Dialog zwischen säkularen und religiösen Bürgern geprägt sein, sondern auch vom Dialog zwischen religiösen Gruppierungen innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung. Haben all diese Gruppen das gleiche Recht, im öffentlichen Raum ihre Stimme zu erheben?

Ich will der Sache zusätzlich noch einen Drall verleihen. Plurale Gesellschaften haben wahrscheinlich mit religiösen Stimmen zu tun, die eine Mehrheit bilden, und solchen, die in der Minderheit sind. »Mehrheit« und »Minderheit« macht sich nicht an Zahlen fest, sondern das Kriterium ist die Anerkennung dieser Gruppen und ihrer jeweiligen Sinnsysteme in der Öffentlichkeit. Minderheiten sind aus leicht nachvollziehbaren Gründen verwundbar durch die Dominanz einer erdrückenden Mehrheit. Die schmerzliche Erfahrung religiöser Konflikte in der jüngeren Geschichte hat uns gelehrt, dass eine religiöse Überzeugung keineswegs Gewaltlosigkeit gegenüber Leuten garantiert, die als Nichtgläubige betrachtet werden. Weil Minderheiten verwundbar sind und weil ihnen ihr Glaube so viel bedeutet, müssen sie und ihre Lebensweise von der Verfassung geschützt werden. Genau in diesem Zusammenhang muss die Bedeutung der Säkularisierung, die von den Vertretern der Postmoderne und des Postsäkularismus verworfen wurde, hervorgehoben werden.

Gewiss müssen wir in einer demokratischen Gesellschaft, die auf den Prämissen von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit beruht, nicht die Säkularisierung proklamieren, um Religionsfreiheit zu gewährleisten. Diese Freiheit kann aus den grundlegenden Rechten hervorgehen und ihnen angehören, die jedem Bürger zugesichert werden. Doch ein säkularer Staat kann es nicht dabei bewenden lassen, das Recht auf Religionsausübung zu garantieren. Das Prinzip der Säkularisierung reicht darüber hinaus und stellt Gleichheit zwischen allen religiösen Gruppen her. Doch Gleichheit zwischen den Religionen kann auch mittels des Grundrechts der Gleichheit hergestellt werden, dem in demokratischen Verfassungen ein hoher Rang eingeräumt wird. Wir haben also zu würdigen, dass der Begriff Säkularisierung über das Recht auf Freiheit und Gleichheit hinausgeht und den Staat dazu verpflichtet, dass er sich nicht an einer speziellen Religion orientiert.

Das ist aus zwei fundamentalen Gründen von wesentlicher Bedeutung: Erstens: Die Vermischung zweier beträchtlicher Formen von Macht – der religiösen und der politischen – widerstreitet zutiefst dem Grundsatz der Gewaltenteilung, der das Rückgrat demokratischer Institutionen bildet. Zweitens: Das Arrangement des Staates mit einer Religion kann sich als zutiefst destabilisierend für Minderheiten erweisen, denn ein von der Mehrheit bestimmter Staat kann ihre Existenz bedrohen und ihre Lebensweise zugrunde richten. Ein demokratischer Staat, der sich gegenüber allen Religionsgemeinschaften neutral verhält, ist die beste Garantie für religiöse Minderheiten.

Das schließt die Debatte darüber nicht ab, welcher Status Religionsgemeinschaften in einer pluralen Gesellschaft zukommen soll, denn, um die Sache noch komplizierter zu machen, taucht eine weitere Frage auf. Was bedeutet es, Religionsgemeinschaften gleich zu behandeln? Hält sich der Staat aus religiösen Überzeugungen und Praktiken in jedem Fall in gleichem Maße heraus? Oder mischt er sich in innere Angelegenheiten von Religionsgemeinschaften aus irgendeinem Grunde in jedem Fall in gleichem Maße ein? Reproduziert die Gleichbehandlung von Religionsgemeinschaften nicht die empirische Tatsache, dass eine dieser Religionsgemeinschaften zahlenmäßig dominiert und die kulturelle Hegemonie innehat, und dass Minderheiten in Gefahr sind, weil sie einerseits anfällig dafür sind, assimiliert zu werden, und andererseits, von der Mehrheit dominiert zu werden? Mit anderen Worten: Bedeutet Gleichheit, dass Minderheiten einen speziellen Schutz ihrer Kultur und Religion genießen sollten, um sie vor beabsichtigter oder unbeabsichtigter Assimilation zu bewahren? Was genau bedeutet Gleichheit?

Wenn wir uns Gleichheit näher anschauen, dann sehen wir, dass es keineswegs ein Begriff ist, der sich von selbst versteht. In einem rein formalen Sinne meint Gleichheit, dass jedermann gleich behandelt werde sollte. Doch diese Deutung übersieht die Tatsache, dass das, was der Gleichheit der Behandlung zugrunde liegt, höchst ungleich ist. Wenn wir formale Gleichheit in einer ungleichen Gesellschaft praktizieren, dann reproduzieren wir letztlich Ungleichheit. Davor haben uns Verfechter des Egalitarismus gewarnt.

Der Grundsatz formaler Gleichheit stellt nicht sicher, dass Einzelne oder Gruppen innerhalb einer ungleichen Gesellschaft eine gleichwertige Stimme bei Entscheidungen haben, die eine Gesellschaft trifft, und dass jede Entscheidung gleich viel zählt. Wenn Meinungen aufeinandertreffen und die Angelegenheit einer Abstimmung unterworfen wird, dann ist es zwangsläufig, dass die Minderheit verliert, einfach aufgrund der Tatsache, dass die andere Gruppe zahlenmäßig überlegen ist. Während also formale Gleichheit festsetzt, dass jeder Einzelne im Entscheidungsverfahren die gleiche Stimme hat, zählt für die Entscheidung selbst nur die Meinung derer, die in der Mehrheit sind. Dies gilt nicht im Falle von »wechselnden Mehrheiten«, das heißt im Falle der Stimmabgabe bei Wahlen. Denn die Minderheit von heute kann die Mehrheit von morgen sein, vorausgesetzt, dass der gesamte Kontext freie und faire Wahlen garantiert. Das Mehrheitsprinzip funktioniert, ist aber moralisch nicht valide. Es schadet in hohem Maße »ständigen Minderheiten« wie etwa Religionsgemeinschaften, denn sie werden jedes Mal überstimmt, insbesondere dann, wenn die Religion der Mehrheit die politische Macht übernimmt.

Das einzige Mittel gegen dieses Problem ständiger Mehrheiten und Minderheiten ist es, Minderheitenrechte ins politische Verfahren aufzunehmen. Das bedeutet, dass die Rechte einer Minderheit auf ihre religiösen Vollzüge, Riten und Glaubensüberzeugungen geschützt werden, wenn sie in der Verfassung als ein Grundrecht aufgenommen werden. Religion, so haben wir gelernt, ist aus einer Vielzahl von Gründen von entscheidender Bedeutung für das Wohlbefinden, angefangen vom Bedürfnis zu glauben bis zur Sinngebung für die Welt und den Einzelnen. Den Mitgliedern einer Gemeinschaft das Recht auf eine religiöse Überzeugung zu verwehren heißt, ihnen das Recht zu verweigern, ein sinnerfülltes Leben zu führen. Mit anderen Worten: Der Begriff und die praktische Umsetzung von Pluralismus und Demokratie sind keine hinreichende Bedingung für den Schutz von Minderheitenrechten; sie sind einfach nicht genug.

In Anerkennung dieses Dilemmas garantiert die indische Verfassung das Recht auf eine Religion. Artikel 25 des Grundrechtekapitels der Verfassung formuliert dies ganz ausdrücklich: Unter der Voraussetzung der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, der Moral und der Gesundheit […] genießen alle Menschen gleichermaßen die Freiheit des Gewissens und das Recht, ihre Religion frei zu bekennen, zu praktizieren und für sie öffentlich zu werben. Der zweite Teil von Artikel 25 hält fest, dass nichts in diesem Artikel die Wirkweise irgendeines existierenden Gesetzes beeinträchtigen oder den Staat daran hindern soll, irgendein Gesetz zu erlassen, irgendeine wirtschaftliche, finanzielle, politische oder sonstige weltliche Aktivität zu regulieren oder einzuschränken, die mit der Ausübung einer Religion verbunden sein mag, das Gemeinwohl und Reformen zu fördern oder religiöse Institutionen der Hindus, die öffentlichen Charakter haben, allen Klassen und Untergruppen der Hindus zugänglich zu machen.

Dies muss der einzige Fall sein, in dem das Recht auf Religionsausübung unter die Voraussetzung zahlreicher »Wenns« und »Abers« gestellt wird. Doch dies war aus zwei Gründen von entscheidender Bedeutung. Erstens: Die Wiederkehr kommunaler Unruhen zwischen Hindus und Muslimen im Lauf der Geschichte, bei denen es beispielsweise um Musik vor der Moschee oder das Schlachten von Kühen ging, hat ein Warnsignal ausgesandt. Kein religiöses Ritual kann sich über die Gesellschaftsordnung hinwegsetzen. Zweitens: Das Recht auf Religionsfreiheit war in ein ehrgeiziges Sozialprogramm eingebettet. Da die meisten religiösen Gemeinschaften in Indien in eine Hierarchie der Kasten eingefügt sind, wobei die niedrigeren Kasten unterdrückt werden, erforderte es die Korrektur historischer Ungerechtigkeit, religiösen Praktiken Grenzen zu setzen. Die Botschaft war klar: Das Modernisierungsprogramm des postkolonialen Staates sollte nicht von religiösen Praktiken unterlaufen werden. Zusätzlich zur Religionsfreiheit, die das Recht mit einschloss, nicht religiös zu sein, wurde das Recht von Minderheiten auf ihre eigene Kultur, ihre eigenen Schriften sowie das Recht, eigene Bildungseinrichtungen zu betreiben, in den Artikeln 29 und 30 des Grundrechtekapitels garantiert. Während also Artikel 25 des Teils 3 der Verfassung individuelle Rechte garantiert, werden in Artikel 29 und 30 Gruppen als Rechtssubjekte anerkannt.

Die Garantie von Minderheitenrechten entsprach der grundlegenden Befürchtung von liberalen Demokraten, dass Mehrheiten in der Lage sind, die Rechte von Minderheiten mit Füßen zu treten. Deshalb kontrollieren liberale Demokratien die Mehrheitsmeinung dadurch, dass sie Verfassungsgrundsätze, insbesondere Grundrechte, festlegen, die über von der Mehrheit festgelegten Regeln stehen. Wenn dem so ist, dann ist die Garantie von Minderheitenrechten vollkommen legitim, einfach weil sie Minderheiten vor Mehrheitsmeinungen schützt, die deren Rechte verletzen könnten. Minderheitenrechte sind also keine Verletzung der Demokratie als der Gleichheit aller Religionen. Sie konkretisieren das Prinzip der Gleichheit aller Personen, unabhängig davon, was die Mehrheit zu einem bestimmten Zeitpunkt glaubt.

Die Durchsetzung von Minderheitenrechten beinhaltet logischerweise auch, dass wir dem egalitären Programm, das eng mit dem Begriff der Umverteilung zusammenhängt, den Gedanken der Anerkennung von Gruppen und nicht nur von Einzelnen hinzufügen. Das entspricht der Logik, denn Einzelne können benachteiligt oder bevorzugt werden aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Diese Schlussfolgerung ist nicht ganz unumstritten. Wir werden das Verhältnis zwischen Rechten von Gruppen und Rechten des Einzelnen näher bestimmen müssen. Einzelne brauchen die Möglichkeit einer Religionszugehörigkeit, weil sie daraus ihr grundlegendes Sinnsystem beziehen. Doch damit dürften Gruppen und deren Rechte nur insofern von Bedeutung sein, als sie für Einzelne von Bedeutung sind. Deshalb können individuelle Rechte keinen Rechten von Gruppen untergeordnet werden, insbesondere wenn es um bürgerliche Freiheitsrechte geht. Es gibt keine festgelegte Formel, um diesen Konflikt zu regeln, doch im Allgemeinen können Minderheitenrechte als eine wesentliche Vorbedingung für individuelle Rechte aufgefasst werden.

Demokratie und Säkularisierung: Folgerungen

Es folgt daraus, dass Säkularisierung sinnvoll ist, wenn wir den Begriff wieder im konstitutiven Zusammenhang von Gleichheit, Demokratie, Rechten und Freiheit verankern. Säkularisierung kann also nicht unter Absehung von Demokratie und den entsprechenden Grundsätzen der Gleichheit verstanden werden, denn sie bezieht ihren wesentlichen Sinn aus diesen vorgängigen moralischen Begriffen. Man bedenke, dass die Säkularisierung im Lauf der Geschichte konzipiert wurde, um das Verhältnis zwischen dem Staat und Gruppen zu regeln, die abweichende religiöse Überzeugungen hatten. Zu diesem Zweck wurde allen Gruppen Gleichbehandlung versprochen, und der Staat ist keiner speziellen Religion zugeneigt. Dementsprechend kann keiner Person, unabhängig davon, welcher Religionsgemeinschaft sie angehört, das volle Bürgerrecht aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit verweigert werden. Ebenso kann auch auf derselben Grundlage das Recht von der Zuteilung von Gütern wie Gesundheit, Bildung, fairem Lohn und gleichem Schutz durch das Gesetz keinem Individuum vorenthalten werden. Der Status und die Rechte als Bürger haben schlicht mit deren Religionszugehörigkeit nichts zu tun.

Wenn dem so ist und wenn es das grundlegende Ziel der Säkularisierung ist, Gleichheit aller Religionsgemeinschaften sicherzustellen, dann leitet sich der Begriff der Säkularisierung vom Prinzip der Gleichheit her. Es gibt keinen logischen Grund dafür, warum eine Gesellschaft sich der Säkularisierung verschreibt, wenn sie sich nicht zuvor zum Begriff der Gleichheit bekennt. Ein vorgängiges Bekenntnis zum Begriff der Gleichheit ist eine Bedingung für die Gleichheit aller Religionsgemeinschaften. Umgekehrt ist das Prinzip der Säkularisierung durch den Bezug auf demokratische Gleichheit gerechtfertigt. Die Rechtfertigung der Säkularisierung durch den Rückgriff auf den Grundsatz demokratischer Gleichheit hat gegenüber anderen Rechtfertigungen der Säkularisierung erkennbar drei Vorteile:

Erstens: Selbst wenn eine demokratische Regierung sich nur halbherzig der Säkularisierung verpflichtet, kann sie gar nicht anders, als sich der Gleichheit zu verpflichten, einfach deshalb, weil Gleichheit ein Wesensmerkmal der Verfassung ist. Dies sollte von selbst zur Gleichbehandlung aller Religionsgemeinschaften führen, was – ich wiederhole es – den ersten konstituierenden Grundsatz der Säkularisierung darstellt. In der Tat: Selbst wenn eine bestimmte Regierung Säkularisierung ablehnt, ist sie immer noch durch den Gleichheitsgrundsatz oder wenigstens durch die schwächere Form von Gleichheit, die Nichtdiskriminierung, gebunden. Denn sie ist aufgrund der Demokratie daran gebunden. Das würde bedeuten: Wenn eine Religionsgemeinschaft diskriminiert wird oder wenn einer speziellen Religionsgemeinschaft besondere Privilegien zugestanden werden, weil sie die Mehrheit vertritt, dann stellt eine solche Diskriminierung eine Verletzung der Verfassung dar.

Zweitens: Das Recht auf die Ausübung der eigenen Religion ist ein grundlegendes und unteilbares Recht. Rechte werden per definitionem jedem Einzelnen gleichermaßen gewährt. Es ist wichtig, dass Individuen ein Status innerhalb der Politik zukommt, und zwar ein Status, der durch die Anerkennung individueller Rechte garantiert wird. Doch noch wichtiger ist es, dass jedes Individuum die gleichen Rechte hat, und dieser Grundsatz ist unantastbar. Das Wesen von Rechten liegt nicht nur darin begründet, dass sie einem jeden Individuum einen Status verleihen, sondern auch darin, dass sie jedem einzelnen Individuum den gleichen Status verleihen. Gleichheit ist ein der Struktur des Rechtsdiskurses selbst innewohnendes Element. Deshalb gilt: Wenn gegen das Recht des Einzelnen auf eine religiöse Überzeugung in irgendeiner Weise verstoßen wird, dann wird die Verfassung selbst verletzt. Und da sowohl Regierungen als auch Gruppen der Zivilgesellschaft an die Verfassung gebunden sind, zieht eine Verletzung von Verfassungsrechten ernsthafte Konsequenzen nach sich.

Drittens: Der Vorteil, die Säkularisierung dadurch sicherzustellen, dass man sie im Gleichheitsgrundsatz verankert, besteht darin, dass Gleichheit in substanzieller Weise sicherstellt, dass Minderheiten vor Mehrheiten geschützt werden. Mehr noch: Der Grundsatz demokratischer Gleichheit wird in gleicher Weise auf alle Menschen angewandt. Deshalb ist der Grundsatz der Gleichheit sowohl innerhalb einer Gemeinschaft als auch im Verhältnis der unterschiedlichen Gruppen zueinander anwendbar. Säkularisierung soll einerseits die Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen und nicht die innerhalb einer Gruppe regulieren. Doch es ist möglich, dass einzelne Mitglieder innerhalb einer Gruppe ungerecht behandelt und faktisch ihrer individuellen Rechte beraubt werden. Der Fall von Rechten der Frau innerhalb von Religionsgemeinschaften kann als ein Beispiel dafür angeführt werden.

Wenn man die Säkularisierung im Grundsatz von Demokratie und Gleichheit verankert, dann gewährleistet dies, dass sowohl Beziehungen innerhalb einer Gruppe als auch die zwischen den verschiedenen Gruppen von den Normen der Gleichheit geregelt werden. Wir können Minderheitenrechte verteidigen, um die Minderheiten gegen Assimilierungsversuche zu schützen. Doch obwohl Gegner des Arguments für kulturelle Assimilation und nationale Einheit oftmals in die Lage kamen, ihre gelegentliche Unterstützung von Forderungen von Minderheiten zu verteidigen, hat sie das dem Vorwurf ausgesetzt, dass sie sich zu Komplizen der Ungerechtigkeit im Geschlechterverhältnis machen. Verteidiger der Rechte von Minderheiten sind nie vor dem Vorwurf gefeit, die Rechte von Individuen innerhalb der entsprechenden Gruppe zu verletzen. Wenn wir die Säkularisierung im Gleichheitsgrundsatz verankern, dann wird uns dies helfen, dieses der Säkularisierung innewohnende Problem zu lösen.

Schlussfolgerung

Ich habe behauptet, dass Säkularisierung kein Begriff für sich ist, sondern Bestandteil des Begriffs von Demokratie. Während Säkularisierung eine Regierung dazu verpflichtet, ihre Vorhaben nicht an ein religiöses Programm zu binden, sich selbst nicht durch Rückgriff auf eine religiöse Autorität zu legitimieren und keine Staatsreligion auszurufen, legt Demokratie fest, dass Nichtdiskriminierung und Freiheit dem generischen Prinzip von Gleichheit und Freiheit entspringen. Diskriminierung und Ungerechtigkeit gegenüber Gruppen wird durch Berufung auf die Rechte und den Status der Individuen begegnet. Die politische Säkularisierung für sich genommen hat wenig zur Ungleichheit oder Ungerechtigkeit innerhalb von religiösen Gruppen zu sagen. Sie hat es mit einer schwachen Form von Gleichheit oder Nichtdiskriminierung im Verhältnis religiöser Gruppen untereinander zu tun und stellt sicher, dass ein Staat sich nicht nur an einer einzigen Gruppe orientiert, die aufgrund dessen dominierend wird. Der Ungerechtigkeit innerhalb von Gruppen muss man durch das Konzept begegnen, das mit der Säkularisierung einhergeht: die Demokratie.

Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Bruno Kern M.A.

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