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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2017.2.173-184
Ulrich Duchrow
»Die Reformation radikalisieren«
Versuche, die Kirche Jesu Christi angesichts stets neuer Entwicklungen in der Realgeschichte zu reformieren, zu erneuern, beginnen keineswegs mit dem Thesenanschlag Martin Luthers in Wittenberg 1517 – der zum Ausgangspunkt für das 500-jährige Reformationsjubiläum 2017 genommen wird. Erneuerungsversuche gab es von Anfang an, vor allem aber seit der Anpassung der Kirche an das Römische Imperium, der sogenannten »Konstantinischen Wende« im 4. Jahrhundert. Schon damals protestierten Mönchsbewegungen gegen die Verweltlichung der Kirche. Im Mittelalter gab es weitere Versuche wie die der Armutsbewegungen (Franziskaner u. a.), der Waldenser und Katharer, der Hussiten in Böhmen, Wyclifiten in England und viele mehr. Sie alle griffen zurück auf die in der Schrift bezeugte Radikalität Jesu und seiner Bewegung. Ad fontes, zurück zu den Quellen, hieß das in der Zeit der Reformation. Dies bedeutet, dass die Erneuerung sich aus dem Rückgriff auf die originären, biblischen Quellen als kritisches Potenzial gegenüber der Tradition speiste (sola scriptura). Alle Erneuerungsbewegungen standen aber auch immer in der Gefahr, sich wieder anzupassen an das konstantinische Modell der Verbindung der Kirche mit weltlicher Macht und dem Reichtum der Wirtschaftsakteure. In diesem Sinn gibt es Reformation nicht als sicheren Besitz, sondern nur, indem man sie immer auf ihre Wurzel (lat. radix), die Radikalität Jesu, aber auch die Radikalität seiner Quellen – der Propheten und der Tora des Alten Israel – zurückführt. Das gilt auch für den Umgang mit Luther heute.

Aber warum lohnt es sich überhaupt, sich über Fachgelehrte hinaus mit der Reformation und Martin Luther zu beschäftigen? Die multiple Krise (der Finanzen, des Klimas und der Arten, der erzwungenen Migration, des sozialen Zusammenhalts usw.), die heute Menschheit und Erde bedroht, kann man als die eine Krise der Moderne verstehen. Wenn auch diese Zivilisation schon im Mittelalter begann, nahm sie beträchtlichen Aufschwung zur Zeit der Reformation. Welche Weichen wurden damals gestellt, die zu unserer gegenwärtigen Krise führen? Gab es Einsichten, die heute zu ihrer Bewältigung beitragen können? Gab es Blockaden, die bis heute nachwirken? Ich will zwei zentrale Aspekte dieser Fragen herausgreifen, die – radikalisiert – heute einerseits aktuelle Beiträge der Kirchen zur Zukunft stärken können, andererseits blockierende Vorurteile jener Zeit überwinden helfen:

-  Luthers umfassende Kritik des Frühkapitalismus und die Bedeutung dieser Kritik heute,

-  Luthers Rückfall ins konstantinische Kirchenmodell durch unsägliche Angriffe auf Juden und Muslime.

Darauf aufbauend werde ich in einem dritten Teil Möglichkeiten interreligiöser Solidarität für Gerechtigkeit heute begründen und entwickeln.

1. Was bedeutet es, Luthers umfassende Kritik des Frühkapitalismus heute zu radikalisieren?

Wenn Luther in seinen 95 Thesen von 1517 den Ablasshandel, also die Löschung der Sündenstrafen im Fegefeuer durch Geldzahlung, angreift, so geht es dabei nicht nur um eine falsche Frömmigkeit der einzelnen Menschen. Vielmehr trifft er mit seiner Kritik an der Käuflichkeit des Heils und mit seinem Aufruf, das Geld lieber zur Überwindung der Armut einzusetzen, das Herz der neuen Stufe der Geldzivilisation, die man die kapitalistische nennt. Damals hieß es »Wenn das Geld (ergänze: für den Ablass) im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt«. Dagegen setzt er in These 28: »Sobald das Geld im Kasten klingt, können Gewinn und Habgier wachsen«. Denn diese Zivilisation ist dabei, alle Bereiche des Lebens der Kapitalakkumulation zu unterwerfen. Wenn das Geld sich Religion und Kirche, die damals herrschende Macht, unterwirft, hat es bereits das Ganze unterworfen. Denn Religion gibt dem Ganzen Sinn. Das reflektiert Luther später ausdrücklich in seiner Auslegung des Ersten Gebots im Großen Katechismus:

»Es ist mancher der meinet, er habe Gott und alles genug, wenn er gelt und gut hat, verlest und bruestet sich drauff so steiff und sicher, das er auff niemand nichts gibt. Sihe dieser hat auch einen Gott, der heisset Mammon, das ist gelt und gut, darauff er alle sein hertz setzet, welchs auch der aller gemeynest Abgott ist auff erden (Hervorhebung v. UD).«

»Der allgemeinste Abgott auf Erden« – das bedeutet in unserer Sprache: Die gesamte Zivilisation ist ausgerichtet auf die Geldvermehrung. In der Moderne wird die Geldvermehrung zu einem Funktionsmechanismus, zu einer »Megamaschine«. Jeder Profit wird sofort wieder re-investiert zur weiteren Akkumulation. Das heißt, das ganze politisch-ökonomische System, aber auch das Streben der Einzelnen ist auf Kapitalvermehrung ausgerichtet. Dem Geld dient die letzte Loyalität. Das Geld herrscht. Deshalb spricht Karl Marx vom Warenfetisch, Geldfetisch, Kapitalfetisch und der Philosoph Walter Benjamin von »Kapitalismus als Religion«.

Dass Luther beim 1. Gebot nicht nur einzelne Menschen mit besonders großen Lastern im Auge hat, sondern das sich entwickelnde frühkapitalistische System als solches, wird deutlich, wenn er in der folgenden Auslegung des 7. Gebots »Du sollst nicht stehlen« die gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen aus der Abgötterei beschreibt, nämlich in allen Ständen, d. h. in Wirtschaft, Politik und Kirche, Geld zu einem Instrument des Raubens zu machen:

»Denn es sol … nicht allein gestolen heissen, das man kasten und taschen reumet, sondern umb sich greiffen auff den marckt, yn alle kreme, scherren, wein und byr keller, werckstete und kuertzlich, wo man hantieret, gelt umb wahre oder arbeit nimpt und gibt. … Summa das ist das gemeinste handwerck und die groste zunfft auff erden, und wenn man die welt itzt durch alle stende ansihet, so ist sie nicht anders denn ein grosser, weitter stall vol grosser diebe (Hervorhebung v. UD).«

Die Spitze des räuberischen Gesamtsystems des kapitalistischen Marktes sind nach Luther die »Erzdiebe«. Er meint damit die großen, länderübergreifenden Bank- und Handelsgesellschaften wie die Fugger. Beim Kaufmannskapital zeigt sich der Götzendienst und der Diebstahl vor allem in der Deregulierung des Marktes bei der Preisbildung:

»Erstlich haben die kauffleut unter sich ein gemeyne regel, das ist yhr heubtspruch und grund aller fynantzen, da sie sagen ›Ich mag meyne wahr so thewr geben alls ich kan‹ … Es kan damit der kauffhandel nichts anders seyn, denn rawben und stelen den andern yhr gutt“ (Hervorhebung v. UD).

Es ist wichtig zu sehen, dass es Luther hier nicht nur um die Kritik eines persönlich moralischen Fehlverhaltens geht. Entsprechend reagiert er auf diese Situation dreifach:

(1) Er rät den christlichen Kaufleuten, nach Abzug der Kosten bei der Preisbildung ihre Arbeitszeit mit dem Lohn eines Tagelöhners zu multiplizieren und diese Summe als eigene Entlohnung zu nehmen:

»Wie hoch aber deyn lohn zuschetzen sey, den du an solchem handel und erbeyt gewynnen sollt, kanstu nicht besser rechen und abnemen, denn das du die zeyt und groesse der erbeyt uberschlahest und nemest eyn gleychnis von eym gemeynen tagloner … und sihest, was der selb einen tag verdienet, darnach rechene, wie viel tage du an der wahre zu holen und zu erwerben dich gemuhet, und wie grosse erbeyt und fahr darynnen gestanden habst.«
(Hervorhebung v. UD). [...]


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