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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2017.1.92-100
Bruno Cadoré
Der Dialog als Hoffnung auf Wahrheit
Domingo de Guzman wollte eine Gemeinschaft von »Predigern« formen. Die grundlegende Vorstellung von dem Orden, den er gründen wollte, war es also, seine Mitglieder »weit hinaus zu schicken«. Dabei ging es um die Aussendung in die Universitätsstädte, wo sie studieren sollten. Das bedeutete, sie auf die Straßen Europas zu schicken und, wenn möglich, Menschen zu erreichen, die nicht denselben Glauben hatten. Und er beauftragte sie, überall dort »Konvente zu gründen«, das heißt, sie sollten in den fremden Ländern nicht um gastliche Aufnahme bitten, sondern das Fremdbleiben als Konsequenz ihres Aufbruchs verstehen.

Wie können die so unterschiedlichen kulturellen und religiösen Welten, die es auf unserem Planeten gibt, einander begegnen und einen Dialog beginnen, wo doch ihre Denkansätze und ihre Wahrnehmung der Welt sich so sehr voneinander unterscheiden? Selbst wenn diese Problemstellung für einen Menschen des Mittelalters wie Domingo de Guzman anachronistisch erscheinen mag, so scheint mir, dass diese Gründungsinitiative, von der ich soeben gesprochen habe, es nahelegt, eine Antwort darauf zu formulieren, wobei ich von mehreren Elementen ausgehe: weggehen, einander begegnen, studieren, Wohnung nehmen und bleiben. Und zweifellos auch wieder weggehen … Und mit diesen vier Verben ist auch etwas gesagt über das Denkvermögen und seine Beziehung zur Wahrheit.

Von Begegnungen her »ad veritatem«


Wir wollen uns hier mit der Frage befassen, was »Denkweise« (für französisch »rationalité«) bedeutet, verstanden als »eine besondere Sicht und Wahrnehmung der Welt« und als »ein Gesamtgefüge miteinander verflochtener Grammatiken und erworbener mentaler Strukturen, die es ermöglichen, das, was man erfährt und erkennt, wahrzunehmen und sich Rechenschaft davon zu geben«. Wie sollte man hier nicht an die Art und Weise denken, wie Paul Ricoeur das Werk Les grammaires de l’intelligence von Jean-Marc Ferry vorgestellt hat, wo er schreibt, es gehe hier »einerseits um die Absicht jeder Aussage, also eigentlich darum, etwas über etwas anderes auszusagen, andererseits aber um die Ambition, durch Erfahrungsaustausch weiter zu kommen und Verständigung über die Wirklichkeit zu ermöglichen«? Wenn man also das Problem anspricht, welche Rolle die unterschiedlichen Denkweisen im Dialog spielen, bedeutet dies dann nicht genau genommen, das Wahre als Gegenstand dieses Dialogs und gleichzeitig als dessen Grundlage anzusprechen? Mir scheint, dass hier ein zentraler Punkt der uns aufgetragenen Reflexion vorliegt, der uns einlädt, in die innerste Mitte des Dialogs über die unterschiedlichen Denkweisen die Notwendigkeit einer Kommunikation zu rücken, die sich nicht in der Erarbeitung pragmatischer Kompromisse zur Ermöglichung der Aktion erschöpft, von Kompromissen, welche die Divergenzen, ja die Gegensätze der Vorstellungen von dem, was man für wahr hält, verschweigen würden. Das heißt nicht, dass das gemeinsame Handeln aufgrund der bestehenden Divergenzen nicht möglich sei, sondern dass dies im Erkennen dieser Divergenzen in dem Maße möglich wird, wie die Gesprächspartner miteinander gute Gründe dafür formulieren können, die Vorstellung einer gemeinsam bewohnten Welt aufrechtzuerhalten. Gewiss gilt es hier auch, Anachronismen zu vermeiden. Wie aber sollte man nicht daran denken, dass die im Mittelalter von den Bettelorden bewiesene missionarische Kühnheit, die wahrscheinlich auch von dem Wunsch beseelt war, die Verkündigung des Mysteriums der Offenbarung weiter zu verbreiten, von der Überzeugung getragen war, dass eine gemeinsam bewohnte Welt möglich sei? Und vielleicht war dieser Wunsch sogar von der Überzeugung beseelt, dass die Bestimmung des Menschen eben darin bestehe, für eine gemeinsam bewohnte Welt da zu sein? (Was vielleicht auch die wie im Sturm gelungene Ausbreitung der Bettelorden in ganz Europa erklären könnte.) Hier geht es auch darum, zu erkennen, was hinter dem, was man »den missionarischen Eifer« nennen könnte, im Spiel war: Wollte man eine Vision einer gemeinsam bewohnten Welt darbieten, in die alle eintreten müssten, oder wollte man sich ganz im Gegenteil allen als Menschen präsentieren, die auf der Suche nach Gesprächspartnern sind, um dann mit ihnen zusammen zu fragen, wie die Gestalt einer gemeinsam bewohnten Welt beschaffen sein müsste, dass alle sich in ihr zu Hause fühlen können? Im Anbruch der modernen Zeit, als die europäischen Unternehmer und Eroberer plötzlich mit den bisher unbekannten Territorien und Kulturen der »neuen Welt« konfrontiert waren, machten sie die unausweichliche Erfahrung gewisser Grenzen, die man nicht überschreiten konnte, wenn man nicht bereit war, mit allen dort lebenden Menschen ein und dasselbe Los zu teilen. Eine Erfahrung, die sie mit der Unmöglichkeit ‒ oder dem Verbot? ‒ konfrontiert hat, man könne unmissverständlich und exklusiv über die Wahrheit verfügen.

Vier Etappen eines Weges zur Begegnung


Man muss also aufbrechen, das heißt weggehen von den Orten, an denen eine bestimmte Auffassung von Wahrheit allgemeingültig zu sein scheint. Von dort weggehen muss man nicht, weil es von vornherein unumgänglich wäre, die Wahrheit anzuzweifeln, sondern weil die Klugheit dies zwingend geboten erscheinen lässt, um nicht der Versuchung zu erliegen, man wolle die Wahrheit für sich allein in Besitz nehmen. Die beiden Hauptrisiken einer solchen Versuchung bestehen darin, entweder alle Menschen einer Autorität zu unterwerfen, die zu haben man sich aufgrund des Besitzes der Wahrheit anmaßt; oder aber diese auf exklusive Weise bewahren zu wollen und jene dabei zu verdrängen, die man nicht zu den »Empfängern« dieser Wahrheit zählt und die man daher für »nicht würdig« hält, um an ihrer Bewahrung mitzuwirken. Bei religiösen Wahrheiten hat man vermutlich wegen ihres Bezugs zum Mysterium der Transzendenz schon immer die Erfahrung dieser Versuchung und ihrer beiden Konsequenzen gemacht, und man macht sie immer noch. Aufbrechen heißt also »se défamiliariser«, sich frei zu machen von der Vertrautheit mit einer Wahrheit, die irgendwie zu allgemein bekannt ist, oder besser: die zu sehr verkürzt ist auf den begrenzten Maßstab einer bestimmten Denkweise, mit der man die Wahrheit verständlich machen will. Kardinal Joseph Ratzinger hat schon im Jahr 2000 gesagt, die Evangelisierung ‒ oder die Mission, von der wir vorher gesprochen haben ‒ fordere zu allererst Selbstentäußerung. Er meinte damit wohl eine grundlegende, die Spiritualität prägende Einstellung, aber man könnte wohl vermuten, dass dies auch gefordert ist, wenn es um eine gesunde Intelligenz geht.

Ich möchte mich noch einen Augenblick lang aufhalten bei der soeben verwendeten Formulierung »se défamiliariser«, sich frei machen von der Vertrautheit mit einer Wahrheit, die irgendwie zu allgemein bekannt ist. Die Begegnung unterschiedlicher Denkweisen und vielleicht auch das Haupthindernis eines Dialogs zwischen ihnen ist meines Erachtens oft davon bestimmt, dass sie in der Art, wie sie Welt und die Wirklichkeit wahrnehmen, einander fremd sind. In der religiösen Welt, und das gilt vor allem für die katholische Welt, vor allem im Westen, aber vermutlich auch darüber hinaus, wird oft auf die Säkularisierung der Gesellschaften hingewiesen; gemeint ist damit der Verlust der Vertrautheit mit einer »religiösen« Sicht der Welt zugunsten anderer Vorstellungen von der Welt und anderer Weisen, in ihr tätig zu werden: indem man die neu erworbenen Kenntnisse der Weltwirklichkeit in der Praxis mit dem heute technisch oder institutionell möglich gewordenen Zugriff auf diese Wirklichkeit verbindet. Es ist ziemlich frappierend, feststellen zu müssen, wie schwierig es für diese beiden Denkweisen es ist, in einen Dialog einzutreten, während sie doch zusammen engagiert sind in einer »gemeinsam bewohnten Welt«, und wenn dies auch noch nicht gemeinsam durchdacht ist, so gilt es doch zumindest für das praktische Handeln.

Aufzubrechen, wegzugehen aus der illusorischen Selbstsicherheit einer partikulären Denkweise, das würde den Weg öffnen zu einem größeren kritischen Austausch zwischen den beiden unterschiedlichen Denkweisen. Wenn der Dialog sich nicht auf ein solches Abenteuer einlässt, wird er sehr schnell zu einer Konfrontation, die keinen Widerspruch duldet, zu einer gegenseitigen Ausgrenzung und leider auch zu einem Konflikt. Es geht hier also darum, Mut und die großmütige Entschlossenheit zu haben, bei allen unterschiedlichen Standpunkten den Dialog zu beginnen, ohne die Illusion zu nähren, man könne (oder müsse) alle Divergenzen zwischen den jeweiligen Standpunkten auflösen. Das Bemühen um Konsens zielt nicht vor allem auf den Inhalt der Gedanken, sondern auf die feste Entschlossenheit aller, gemeinsam zu denken. [...]


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