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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2017.1.51-59
Carlos Mendoza-Álvarez
Die Entstehung von Rationalität aus dem Widerstand gegen die systemische Gewalt
Fides in statu scientiae: Die theologische Rationalität unserer Väter

Eine der klassischen Definitionen der christlichen Theologie in ihrer griechischrömischen Ausprägung wurde von Thomas von Aquin formuliert: fides in statu scientiae. Er war bekannt für seine wissenschaftliche und metaphysische Stringenz, die die Grundlage einer Theologie bildete, welche auf meisterhafte Weise das Begriffspaar Natur und Gnade miteinander verknüpfte. Es handelte sich hierbei um die Ausdrucksform des intellektuellen Lebens, für das eine weisheitliche Zusammenschau kennzeichnend war, die sich im Lauf von acht Jahrhunderten im Dienste des Glaubensverständnisses im Schoß der Kirche herausgebildet hatte und die die »Sendung des Wortes selbst«, wie Katharina von Siena nach ihm sagen sollte, fortsetzen wollte. Thomas gelang es, die Metaphysik des überströmenden Seins mit der Theologie der Offenbarung zu verbinden, die in Jesus Christus als der Inkarnation des göttlichen Wortes im Schoß der Schöpfung ihre Erfüllung gefunden hatte, um diese Schöpfung ihrer Fülle entgegenzuführen. Das Begriffspaar kenosis – theosis bildete das wissenschaftstheoretische und theologale Gerüst der von Thomas von Aquin verfassten Summa theologiae, die die Kathedrale mittelalterlichen Denkens darstellt.

Doch das thomasische Denken mündete später in eine thomistische dogmatische Schule, die vor allem von Dominikanern und später von Jesuiten gepflegt wurde. Sie »ontologisierte« die Metaphysik des überströmenden Seins und verschloss die apophatische Quelle, aus der die kataphatische Theologie des Doctor angelicus entsprungen war.

Meister Eckhart schlug einen anderen Weg ein und radikalisierte das theologische Denken des überströmenden Seins, gelangte dabei jedoch zum unnennbaren Grund des Seins, wo die göttliche Weisheit hervorsprudelt: noch tiefer liegend als Vorstellungen und Wünsche, weshalb er dazu gelangte, Gott als Nichts zu bezeichnen, und er beschrieb in seiner Predigt den Weg der Kontemplation als Loslösung (abegeschiedenheit; d. Übers.). Dies ist der schwierige Pfad der Loslösung, der die Zeugung des Wortes in der Seele einer jeden Person möglich macht, welche dem eigenen Ego entsagt, um »Gott dazu zu zwingen«, in diesem liebevollen Grund des Wirklichen, der jeder Kreatur und auf besondere Weise jeder menschlichen Person im Innersten zugrunde liegt, geboren zu werden.

Beide tragende Säulen des mittelalterlichen Christentums – als der Ursprung der dominikanischen Denktradition, deren achthundertjähriges Bestehen innerhalb der Geschichte wir feiern – waren in ihrem Ursprung offen für die Samenkörner des Wortes innerhalb einer jeden Kultur, Philosophie und Religion. Sie errichteten ein gemeinsames Haus, das etliche Jahrhunderte später auch die indigenen Völker Amerikas beherbergte – nicht ohne dass dem eine heftige Debatte um das Menschsein mitsamt den unveräußerlichen Rechten dieser Völker vorausgegangen ist, die für die Alte Welt die Andersheit darstellten. Ein solches Abenteuer der Verkündigung wurde – in Spannung, aber in einem fruchtbaren Dialog – realisiert von den Dominikanern der Schule aus Salamanca wie etwa Fr. Francisco de Vitoria und Fr. Domingo de Soto auf dem einen Ufer des Ozeans im Gespräch mit den Missionaren in Amerika wie Antonio de Motensinos, Bartolomé de las Casas und Julián Garcés, die sich zwischen beiden Welten bewegten und nicht nur für die Verteidigung der indigenen Völker des kurz zuvor eroberten Amerika kämpften, sondern auch für einen Paradigmenwechsel hinsichtlich der Rationalität eintraten, die die kulturelle Alterität dieser Völker mit aufnahm.

Im Laufe mehrerer Jahrhunderte setzte sich ein solches Erbe einiger herausragender alter Denker der christlichen Theologie als unterirdischer Strom in den Jahren der in Europa und Amerika entstehenden Moderne fort, wurde zur Inspiration für einen vorsichtigen Dialog mit den Kulturen und Religionen der Menschheit und förderte die Menschenrechte der indigenen Völker in der Zeit der Kolonialherrschaft. Dennoch wurde dieses System theologischen Denkens – mit seinem klaren metaphysischen, wissenschaftstheoretischen und ethischen Aufbau – nach und nach durch Theorien und Institutionen der wirtschaftlichen, moralischen, dogmatischen und spirituellen Kontrolle ersetzt, die eine koloniale Rationalität durchsetzten, die sich von Europa aus in die vier Himmelsrichtungen ausbreitete.

Die Gesellschaften des Todes Gottes im spätmodernen Westen


Aus einem Abstand von fünfhundert Jahren seit dem Abenteuer der Moderne können wir sagen, dass das Erbe unserer vormodernen Vorfahren unzulänglich war, um die Vorherrschaft der instrumentellen eurozentrischen Vernunft zu begleiten, die sich seit der industriellen Revolution über die ganze Welt ausbreitete.

Man muss hervorheben, dass die Moderne als Meta-Erzählung von Autonomie und Emanzipation viele konkrete Ausdrucksformen kannte: vom cartesianischen cogito über den neuspanischen Barock bis zur deutschen Romantik. Doch das hauptsächliche Projekt sollte im Laufe der Zeit die Aufklärung werden. Nicht so sehr diejenige des kantianischen kata autho (selbstständig denken und entscheiden lernen), sondern in der der instrumentellen, objektivierenden, technisch-wissenschaftlichen Rationalität eigenen Gestalt, insbesondere seit der industriellen Revolution. Diese Rationalität fand ihren Rückhalt in der Ausbreitung des Kapitalismus als Grundlage eines Wohlfahrtsstaates. Sie warf sich zuerst im Westen und dann an der Peripherie zum Gesellschaftsmodell schlechthin auf, wobei die Peripherie in der Falle des kollektiven mimetischen Wunsches gefangen blieb, die europäischen Kolonialmetropolen zu imitieren.

Im Lauf der historischen Herausbildung der herrschenden Rationalität waren der »Tod Gottes« als Quelle von Sinn, Wert und Hoffnung und die Verwaistheit, die dies auf kognitiver, moralischer und spiritueller Ebene für die säkularisierten Gesellschaften mit sich brachte, eine unvermeidliche Folge der modernen Autonomie. In diesem Sinne sind die existenziale »Angst« Kierkegaards sowie das »authentische Leben« Heideggers deutliche Illustrationen dieses modernen Pathos des Scheiterns des Ichs. Im Verlauf eines solchen Abenteuers des »Niedergangs des Christentums« als Folge seiner kulturellen und historischen Entwicklung – wie sie vor einigen Jahrzehnten von Jean-Luc Nancy in Frankreich beschrieben wurde – erlitten der Glaube und die Theologie häufig auch im 20. Jahrhundert Schiffbruch. So war zum Beispiel die antimodernistische Theologie nicht bereit, aus dem apologetischen Modell auszubrechen, in welches das theologale Leben eingefügt war. Dies hinderte sie daran, den »Schritt hinaus« über das System von Glaubensüberzeugungen, Moral und Religion zu machen, das als einzig gültiges errichtet worden war, um zu diesem ursprünglichen Ereignis zurückzufinden, wo Erlösung geschieht.

Dennoch entstanden Mitte des 20. Jahrhunderts einige theologische Modelle als Antwort auf die theoretische Herausforderung der Säkularisierung der westlichen Gesellschaften und deren Hypothese vom »Tod Gottes«, die mit dessen anthropologischem Ausdruck der existenziellen Angst und der Errichtung eines Wohlfahrtsstaates als Nachahmung der göttlichen Herrlichkeit einherging. So können wir zum Beispiel die Transzendentaltheologie Karl Rahners und Bernard Lonergans, die hermeneutische Theologie Edward Schillebeeckx’ und David Tracys in Europa und in den USA sowie die Theologie der Befreiung von Gustavo Gutiérrez und Rubem Alves in Lateinamerika beobachten. In den vergangenen Jahrzehnten wollte die radikale Orthodoxie der angelsächsischen Welt des Nordatlantiks den transzendentalen Sinn der Geschichte wieder zur Geltung bringen, doch man griff hierfür auf ein neo-apologetisches Modell zurück, das mir heute für die spätmoderne Rationalität, in der wir verankert sind, als ungeeignet erscheint. Mir scheinen die Irrtümer des Theozentrismus symptomatisch zu sein, den diese Richtung vertritt und der mit einer kompromisslosen Verteidigung des Westens als des Höhepunktes der Entwicklung der Rationalität verbunden ist. Eine solche Anmaßung ist ein klares Beispiel für das abgründige Denken, wie es Boaventura de Sousa Santos in den letzten Jahren analysiert hat. [...]


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