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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2016.5.521-528
Wim Decock
Licht der Welt
Zur »historischen« Rolle des Kirchenrechts
Einleitung

Über 500 Jahre lang haben Kirchenrechtler die Entwicklung der Rechtskulturen von Skandinavien über Mitteleuropa bis nach Amerika so tiefgreifend geprägt, dass der große deutsche Rechtsgelehrte Friedrich Carl von Savigny (1779‒1861) in seinem System des heutigen römischen Rechts erklären konnte, unser gesamtes Rechtsdenken sei, so feindlich und fremdartig es auch immer erscheinen möge, von der christlichen Lebensauffassung durchdrungen. Ob wir nun vom Schuldrecht oder vom Familienrecht, von den Regelungen der öffentlichen Governance oder der Verfahrensgerechtigkeit, vom Gesellschaftsrecht oder vom Strafrecht sprechen ‒ sie alle verdanken einige ihrer grundlegendsten Prinzipien dem spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirchenrecht. Insbesondere in den fünf Jahrhunderten zwischen der gregorianischen Reform und dem Konzil von Trient begnügten Kirchenrechtler sich nicht damit, gesetzliche Regelungen für die inneren Angelegenheiten der Kirche zu treffen. In ihrem Bestreben, eine auf den Ruinen römischer Vorgänger aufbauende, aber von christlichen Werten durchdrungene neue Rechtskultur zu schaffen, erstreckte sich ihr Regulierungsdrang auf sämtliche Lebensbereiche. Ihr Ziel war es, eine Rechtskultur zu schaffen, die hinreichend flexibel war, um den Lebensverhältnissen in all ihrer Komplexität gerecht zu werden, aber doch auch streng genug, um zu verhindern, dass der Frieden gestört wurde. Sie wollten ein mustergültiges Rechtssystem auf den Weg bringen, das das Potenzial hatte, Licht der Welt zu sein. Experten haben über die im doppelten Wortsinn »historische« Rolle geforscht, die das Kirchenrecht bei der Ausprägung der modernen Rechtssysteme gespielt hat. Der vorliegende Beitrag stellt drei Themenbereiche heraus, in denen die Kanonisten der Welt etwas zu sagen hatten: Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, Mediation und Rechtsstreit und der Schutz subjektiver Rechte und der Menschenwürde.

Barmherzigkeit und Gerechtigkeit

2015 verwies Papst Franziskus in einem bemerkenswerten Motuproprio, das sich mit der Frage der kirchlichen Rechtsprechung in Eheangelegenheiten befasst, auf das Bild Christi als des »milden Richters« (mitis iudex). So schön dieses Bild auch sein mag, so gemischt waren die Reaktionen auf das Dokument an sich. Während sie einerseits anerkannten, dass ein Übermaß an Gerechtigkeit zu Ungerechtigkeit führen kann, warnten die Experten andererseits davor, dass ein Übermaß an Barmherzigkeit unter Umständen dasselbe unerwünschte Ergebnis hervorbringt. Fraglos ist und bleibt es für den postlapsarischen Menschen eine einschüchternde Aufgabe, die Ausübung von Gerechtigkeit und die Bezeigung von Barmherzigkeit in ein angemessenes Verhältnis zu bringen. Das war auch schon in der Zeit der Kirchenreformation des 11. Jahrhunderts nicht anders. Bischöfe von Rom wie Papst Gregor VII. (1073‒1085) versuchten eine Generalüberholung der kirchlichen Strukturen und der christlichen Lehre auf den Weg zu bringen, um gegen klerikales Missverhalten anzugehen und Übergriffen weltlicher Autoritäten entgegenzuwirken. Tatsächlich waren kirchlicher Ämterschacher und Klerikerehen in vielen christlichen Gemeinden um die Jahrtausendwende eher zur Regel als zur Ausnahme geworden. Die gregorianischen Reformen brauchten eine energische, gerechtigkeitsbasierte Reaktion, um die Freiheit der Kirche zu verteidigen und eine strenge Disziplin unter ihren Klerikern durchzusetzen. Doch wie streng durften sie die Sünden des Nikolaitismus und der Simonie verfolgen? Stand nicht geschrieben, dass Christen nicht richten sollen, um nicht selbst gerichtet zu werden (Mt 7,1)? Sollten Christen nicht ebenso barmherzig sein wie ihr Vater (Lk 6,36)? Sollten sie nicht eher von der Gnade als vom Recht singen (Ps 101,1)?

Die Wahl zwischen Toleranz und Strafe angesichts sündiger Verhaltensweisen ist schwierig, vor allem, wenn die Täter Kleriker sind. Sie erfordert sorgfältige Unterscheidung und immer neues Abwägen. Bezeichnenderweise waren es Kirchenrechtler, die zum ersten Mal versuchten, den Umgang mit dieser heiklen Frage in einen theoretischen Rahmen zu spannen. Einer von ihnen war Alger von Lüttich, ein kanonistischer Schriftsteller, der um 1060 geboren wurde und im Fürstbistum Lüttich tätig war. Er ist der Verfasser einer Abhandlung Über Barmherzigkeit und Gerechtigkeit (De misericordia et iustitia, nachfolgend: DMI), die irgendwann zwischen 1095 und 1121, das heißt vor dem Decretum Gratiani, entstanden ist. So unsicher wir hinsichtlich der übrigen Informationen über Algers Leben sind, so sicher dürfen wir sein, was die Qualität seines Werkes betrifft. Ein örtlicher Streit zwischen Reformern und Fürstbischof Otbert – der nicht durch rechtmäßige Wahl, sondern eher durch Simonie auf den Bischofsstuhl gelangt war ‒ bildet den Hintergrund, vor dem Alger seine Argumente über Barmherzigkeit und Gerechtigkeit entwickelt. Dennoch geht sein Werk über die engen Grenzen eines örtlichen Streits hinaus und bietet eher abstrakte Überlegungen zu der im Spannungsfeld von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zu treffenden Entscheidung, ob Christen mit Toleranz oder mit Sanktionen auf sündiges Verhalten reagieren sollen.

Als Fürsprecher der gregorianischen Reformbewegung war Alger von Lüttich sich der Notwendigkeit bewusst, eine strenge Durchsetzung kirchlicher Regeln zu verlangen. Gleichwohl ließ er sich, gestützt auf einen Brief von Papst Gregor I. (590‒604), von dem Grundsatz leiten, dass die Führung der Kirche sich mit Bedacht im Spannungsfeld von angewandter Gerechtigkeit und gewährter Barmherzigkeit zu bewegen habe. Die Verbindlichkeit der kirchenrechtlichen Regelungen sei kontextabhängig. So dürfe ein Versprechen nicht gehalten werden, wenn dies eine unmoralische Handlung nach sich ziehe. Analog dazu sei auch die Strafe nicht immer mit derselben Strenge zu vollstrecken. Simonistische Priester verdienten eine strengere Behandlung als Kleriker, die sexuellem Fehlverhalten frönten. Und selbst die Bestrafung simonistischer Priester müsse der Duldsamkeit Raum geben, wenn die strikte Anwendung der Gerechtigkeit die Einheit der Kirche und den Frieden gefährde. Zum Wohl der Einheit und des Friedens der Kirche müsse das Böse zuweilen toleriert werden. »Kirchliche Rechtsvorschriften müssen«, so Alger (DMI I, 6) »je nach Zeit, Person und Umständen zum Teil gemildert oder zuweilen ganz aufgehoben werden.« Mit dieser Aussage brachte Alger von Lüttich ein grundlegendes Merkmal seines Berufsstandes zum Ausdruck, das Fachleute als die »instrumentelle Natur« oder die »Elastizität« des kanonischen Rechts bezeichnet haben. Sie stellt empirische Umstände über abstrakte Grundsätze, die menschliche Person über die rechtliche Ordnung, die Barmherzigkeit über die Gerechtigkeit.

Die Kirchenrechtler waren also von Anfang an Meister, wenn es darum ging, die Spannung zwischen großen Grundsätzen und praktischen Umständen zu handhaben. Weil es ihnen um Barmherzigkeit ging, stand es ihrer Arbeitsweise fern, die gesetzlichen Regelungen allzu einfach und inflexibel zu handhaben. Die Gefahr der Willkür hielt sich in Grenzen, weil das Kirchenrecht europaweit in den Händen einer Elite herausragender Universitätswissenschaftler lag. Die Meinungen der Kanonisten konnten voneinander abweichen, mussten aber einer Überprüfung nach den Kriterien der Vernunft oder der Autorität standhalten. Überdies waren die Kanonisten durch die Anwendung der scholastischen Methode in ein nie endendes Unterfangen eingebunden, das darauf abzielte, entgegengesetzte Auffassungen miteinander zu versöhnen. Neben den Doctores utriusque iuris, Fachleuten für Zivil- und Kirchenrecht, verließ sich die Kirche bei der Rechtsprechung in konkreten Fällen außerdem auf gut ausgebildete Richter. Das Richteramt erforderte nicht nur die strikte Anwendung abstrakter Regeln, sondern auch Sensibilität für konkrete Umstände, historische Kontexte und menschliche Bedürfnisse. Um der Rettung der Seelen willen war nicht Gesetzesstrenge, sondern Billigkeit das letztgültige Kriterium der Urteilsfindung.

Mediation und Rechtsstreit

Kann dem Übel nicht mit Barmherzigkeit abgeholfen werden, muss man unter Umständen auf strengere Durchsetzungsmechanismen zurückgreifen. Und so besteht denn auch einer der bedeutendsten Beiträge, den das kanonische Recht zu den westlichen Rechtssystemen geleistet hat, in der Festlegung zivilisierter Formen des Streitens und Strafens. Es gilt, eine gewisse Prozessordnung einzuhalten. »Ordnung ist so wichtig in der Kirche«, erklärte Alger von Lüttich (DMI II, 30), »dass Taten oder Worte nichtig sind, wenn sie nicht den Regeln der Ordnung gemäß getan oder gesprochen werden.« In Anlehnung an neutestamentliche Anweisungen (Mt 18,15‒17 und 1 Kor 6,1‒6) stellten die Kirchenrechtler die Forderung auf, dass Christen zunächst eine einvernehmliche Einigung anstreben und erst, wenn die brüderliche Zurechtweisung wirkungslos geblieben war, nach einem Mittler oder Schlichter suchen sollten; die Verhandlung vor einem Kirchengericht musste die Ultima Ratio bleiben. Selbst vor Gericht sollte der Richter einer wesentlichen Einsicht des Kirchenrechts zufolge in erster Linie als Mediator agieren. Nach dem Vorbild Christi sollte der Richter Frieden und Eintracht bringen. Nach mittelalterlichem Kirchenrecht sollte der Richter die Menschlichkeit fördern, eine billige Lösung suchen und möglichst dafür sorgen, dass die Parteien sich miteinander aussöhnten.

Mit Beginn der gregorianischen Reform war es das zentrale Anliegen der Kanonisten, eine korrekte Abfolge für die Beilegung von Streitigkeiten zu entwickeln. Die Qualität der Verfahren, in deren Verlauf die Gerechtigkeit zur Anwendung kam, war für die Kirchenrechtler mindestens ebenso wichtig wie die Entwicklung der wesentlichen Normen, in denen sich der christliche Gerechtigkeitsbegriff ausdrückte. So erarbeiteten sie zum Beispiel ausgeklügelte Regeln darüber, welche Arten von Beweisen akzeptiert werden können, um vor Gericht die Wahrheit festzustellen. Berufungsverfahren wurden eingeführt, um zu gewährleisten, dass das Urteil eines rangniederen Richters auf seine Qualität hin überprüft werden konnte. Dem Richter wurden kraft seines Amtes spezielle Vollmachten garantiert, um sicherzustellen, dass das Interesse der schwächeren Parteien – vor allem der sogenannten »Elenden«, also der Witwen oder der Armen ‒ besondere Berücksichtigung fand. Tatsächlich haben Kanonisten, die sich dafür einsetzten, Streitigkeiten im Zuge eines geordneten und friedlichen Verfahrens beizulegen, die Fundamente des Verfahrensrechts nach westlicher Tradition gelegt. Durch die Kombination aus römischen Gesetzestexten und christlichen Werten entwickelten Kirchenrechtler das sogenannte römisch-kanonische Verfahrensrecht, das in Hunderten von Abhandlungen über Rechtsverfahren beschrieben wird. Ein berühmtes Beispiel ist der Richterspiegel, den der französische Kanonist Guillaume Durand (ca. 1230‒1296) herausgegeben hat.

Ihr Interesse an der gerichtlichen Prozessordnung führte dazu, dass Kirchenrechtler einen historischen Beitrag zur Kultur der Verfahrensgerechtigkeit leisteten, wie sie für moderne Rechtssysteme typisch ist. In den Schriften spätmittelalterlicher Kanonisten wie Johannes Monachus (ca. 1250‒1313) wurde das Recht des Angeklagten, vor jedweder Urteilsverkündung vorgeladen und angehört zu werden, zur grundlegenden verfahrensrechtlichen Norm erklärt. Zunächst legitimierten die Kirchenrechtler diesen Grundbaustein des »Ordo iudiciarius « mit dem Hinweis darauf, dass auch Gott Adam zunächst befragt habe, nachdem dieser das Verbrechen begangen hatte, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Wenn Gott Adam mit der Frage, wo er sei (Gen 3,9), die Gelegenheit gegeben habe, sein Verhalten zu erklären, dann müssten menschliche Richter den Angeklagten doch gewiss ebenfalls die Möglichkeit geben, sich zu dem Fehlverhalten, das man ihnen zur Last lege, zu äußern. Dennoch wurden – zum Beispiel im Falle eines besonders abscheulichen Verbrechens oder eines notorischen Wiederholungstäters – oft Ausnahmen von dieser Regel gemacht. Dies änderte sich, als Monachus die Argumentation nicht mehr auf die Basis des biblischen Beispiels, sondern des Naturrechts stellte und darlegte, dass die gerichtliche Vorladung eine Forderung des Naturrechts sei und von keiner menschlichen Autorität, nicht einmal vom Papst, nach Belieben außer Kraft gesetzt werden könne. Zudem formulierte Monachus als Erster den Grundsatz, dass »jede Person als unschuldig gilt, bis ihre Schuld erwiesen ist.«

Um die unbedingte Geltung der Unschuldsvermutung zu unterstreichen, räumten Kirchenrechtler ein, dass Gott sogar dem Teufel einen ordnungsgemäßen Prozess zugestehen müsse. Im Lauf der Zeit veranlasste der hohe Stellenwert, den die Grundsätze eines fairen Verfahrens im Kirchenrecht besaßen, die Kanonisten dazu, die Rechtmäßigkeit von Strafen anzuzweifeln, die ohne Gerichtsverhandlung verhängt worden waren. Von besonderem Interesse ist hier Francisco Suárez’ (1548‒1617) Disputation über kirchliche Strafen, eine der umfassendsten Erörterungen zum kirchlichen Strafrecht in der frühen Neuzeit. Darin erklärt Suárez, dass kirchliche Strafen auf zweierlei Weise, nämlich entweder per Gerichtsurteil oder durch die bloße Regelverletzung (ipso facto), verhängt werden können, womit er die Unterscheidung zwischen der Strafe ferendae bzw. latae sententiae, also zwischen Spruchstrafe und Tatstrafe bekräftigt (vgl. CIC 1983, Can. 1314). Gleichwohl gab Suárez scheu zu bedenken, dass »man sich zu Recht fragen mag, wie es möglich sei, dass eine Strafe durch das Gesetz selbst auferlegt werde«, zumal »niemand rechtmäßig bestraft werden kann, ehe die Anklage und die Verteidigung gehört worden sind.« Mit anderen Worten, die Kirchenrechtler waren sich der Spannung zwischen einem fairen Verfahren auf der einen und den Strafen latae sententiae auf der anderen Seite bewusst, gingen jedoch in der damaligen Zeit toleranter mit Uneindeutigkeiten um, als dies in heutigen Rechtssystemen der Fall ist.

Menschenrechte und Menschenwürde


Der bahnbrechende Beitrag der Kanonisten zu einer Rechtskultur, die sich auf die Achtung der Rechte des Einzelnen und der Menschenwürde gründete, beschränkte sich nicht auf ihre verfahrensrechtlichen Errungenschaften, sondern zeigte sich noch deutlicher in den frühneuzeitlichen Debatten über die Rechte indigener Bevölkerungen im Gefolge der Entdeckung Amerikas 1492. Vor allem Theologen und Kirchenrechtler der Universitäten von Salamanca und Coimbra trugen im Lauf des 16. Jahrhunderts dazu bei, die Fundamente einer Rechtsordnung zu legen, die die individuellen Rechte in erster Linie damit begründet, dass die Betreffenden Menschen und nicht, dass sie Angehörige eines bestimmten Staates oder Glaubenssystems sind. Berühmt ist Bartolomé de Las Casas’ (gest. 1566) Verteidigung der Menschenwürde der indigenen Bevölkerungen in den spanischen Überseekolonien sowie der Rechte nichtchristlicher Bevölkerungen auf Landbesitz und die Schaffung eigener politischer Institutionen. Im berühmten Disput von Valladolid (1550‒1551) bezog er Stellung gegen Juan Ginés de Sepúlvedas Auffassung, dass es von Natur aus überlegene und unterlegene Menschen gebe. Las Casas bewies, dass die spanische Eroberung so, wie sie sich in der Praxis vollzogen hatte, unrechtmäßig gewesen war, und prangerte Menschenrechtsverletzungen an.

Es wäre eine Übertreibung zu sagen, die Menschenrechte im 21. Jahrhundert seien das direkte Erbe des Kirchenrechts. Moderne Menschenrechtserklärungen wären ohne die Reaktion der Vereinten Nationen auf die Gräuel des Zweiten Weltkriegs undenkbar. Ferner muss daran erinnert werden, dass die kirchenrechtlichen Argumente für den Schutz der Gleichheit und Würde aller Menschen im historischen Kontext einer Gesellschaft entwickelt wurden, die nach wie vor auf den drei Grundpfeilern Hierarchie, Stand und Ungleichheit beruhte. Und doch kann die kanonische Tradition als Vorläufer der Menschenrechte betrachtet werden, insofern sie ein Klima schuf, das den Schutz subjektiver Rechte insbesondere gegen Machtmissbrauch begünstigte. Wenngleich es zutrifft, dass die Theorien mittelalterlicher Kirchenrechtler über die Fülle der Gewalt – etwa die Theorie vom königlichen Gottesgnadentum im frühneuzeitlichen England ‒ den politischen Absolutismus inspiriert haben, gab es doch gleichzeitig im Kirchenrecht immer auch eine wichtige Strömung, die nachdrücklich auf die Grenzen sowohl der zivilen als auch der kirchlichen Macht hinwies. Ein hervorragendes Beispiel findet sich im Werk des Martín de Azpilcueta (1492‒1586). Er vertrat eine konstitutionalistische Machttheorie, die spätere Juristen und Theologen mit der nötigen intellektuellen Munition versorgte, um einzelne Bürger gegen absolutistische Fürsten in Schutz zu nehmen.

Das historische Interesse der Kanonisten, subjektive Rechte vor politischer Willkür und verantwortungslosen Fürsten zu schützen, zeigt sich häufig in Bereichen, die aus heutiger Sicht wenig mit der Profession eines Kirchenrechtlers zu tun haben. Ein solcher Bereich ist die Münzpolitik und insbesondere die Abwertung einer Währung zu dem Zweck, die Einkünfte des Schatzmeisters zu erhöhen und die Schulden des Souveräns zu verringern. Mittelalterliche Kanonisten haben dieses Thema mit größeren politischen Fragen wie der politischen Vertretung und dem Schutz subjektiver Rechte verknüpft. So haben sich spätmittelalterliche Kirchenrechtler beispielsweise eingehend mit dem aus dem römischen Recht entlehnten Grundsatz auseinandergesetzt, wonach das, »was alle angeht, von allen genehmigt werden muss«. Sie stimmten darin überein, dass ein König Gesetze – zum Beispiel steuerrechtliche Bestimmungen ‒, die dem Volk besondere Lasten aufbürden, nicht ohne Zustimmung des Volkes erlassen kann. Der Jesuit Juan de Mariana zog diese kirchenrechtlichen Prinzipien in seiner Schrift Über die Münzveränderung heran, um die Geldentwertungspolitik König Philipps III. zu kritisieren.

Schluss

Im Lauf der Jahrhunderte haben Kirchenrechtler sich erfolgreich mit einem Spektrum von Herausforderungen auseinandergesetzt, das sehr viel breiter ist, als es die im Codex des Kanonischen Rechtes von 1983 behandelten Themen vermuten lassen. Das Kirchenrecht hat allen Grund, auf seine ruhmreiche Vergangenheit stolz zu sein und seine »historische« Rolle geltend zu machen. Dank der Kühnheit ihres Denkens, der »Elastizität« ihrer Methoden und der breiten Palette von Fragen, die sie mit ihrer Arbeit abdeckten, konnten die Kirchenrechtler maßgeblich zur Ausprägung von Governance und Gerechtigkeit in westlichen Gesellschaften beitragen. Von der Unschuldsvermutung bis hin zu der Regel, dass das, was alle angeht, von allen genehmigt werden muss, haben Kirchenrechtler die Fundamente für eine Rechtskultur gelegt, in der sich die Einzelnen auch und gerade den Mächtigen gegenüber darauf verlassen können, dass ihre Rechte respektiert werden. Geleitet von dem Grundsatz, dass Kirchenführung sich im Spannungsfeld von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit vollziehen soll, haben die Kanonisten des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit eine christliche Rechtskultur ausgearbeitet, die authentisch genug war, um sich ihren eigenen Charakter zu bewahren, und gleichzeitig so ausgefeilt, dass weltliche Fürsten sich beim Aufbau ihrer Rechtssysteme vom leuchtenden Vorbild der Kirche inspirieren ließen.

Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Gabriele Stein

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